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US-Wahlkampf vor Ort (3) Die Pleitepost und der Postbote

In den USA droht die Post Pleite zu gehen. Die Demokraten wollen sie retten, die Republikaner wollen sie abwickeln, zerschlagen und verkaufen. Der Postbote Scott Weissbeck aus Vancouver in Oregon möchte aber von all dem „Geschwätz“ nichts wissen.

05.03.2012 10:56
Mohamed Amjahid
Scott Weissbeck verteilt Briefe - wer weiß, wie lange noch. Foto: Mohamed Amjahid

Scott Weissbeck ist Mitte Vierzig, er arbeitet schon seit 14 Jahren als Postbote im Bundesstaat Oregon. Noch ein paar Jahre mehr, dann geht er in seine verdiente Rente und kann sich ganz seiner Katze widmen, mit der er ein kleines Apartment nördlich von Portland in Vancouver, Oregon teilt. Er fährt gerne die Briefe anderer Menschen an ihren Bestimmungsort: „Ich mag meinen Job“, resümiert er sein Arbeitsleben.

Dieses Postbotendasein wäre eigentlich perfekt, wäre da nicht die drohende Pleite seines Arbeitgebers.

Jobs fallen weg

In den USA gibt es vielleicht bald keine staatliche Post mehr. Zumindest kommt es darauf an, wer die Wahl im November gewinnt. Wenn ein Republikaner der nächste Präsident wird, sieht es schlecht für Scott aus. Dabei ist es sowieso beschlossene Sache, dass bundesweit rund 35.000 Jobs wegfallen. Gerüchte gehen durch das Land, dass demnächst sogar 120.000 Mitarbeiter daran glauben müssen.

Wenn es nach den Republikanern geht, gäbe es bald also gar keine Post mehr. Sie möchten das kränkelnde Staatsunternehmen ausschlachten und privatisieren. Die Demokraten – darunter auch Präsident Barack Obama – haben aber versprochen, dass die Post bleibt. Vor allem sieht der Rettungsplan der Regierung einige Kniffe vor, wie die rund 7 Milliarden Dollar an laufenden Pensionszahlungen und Krankenversicherungsbeiträge für die Beschäftigten bedient werden können.

So sollen die Briefmarkenpreise erhöht werden, die Beschäftigten für weniger Geld länger arbeiten und viele von ihnen mit einer Abfindung dazu gebracht werden freiwillig zu gehen. Denn das größte Problem der Post ist der relativ hohe Arbeitsstandard aus guten alten Zeiten.

Scott zuckt bei dieser Debatte nur mit der Schulter: „Die nehmen doch Geld von uns, wir bekommen keinen Cent von der Regierung.“ Er erklärt, dass sich die Post ausschließlich von den Einnahmen aus ihrem Brief- und Paketgeschäft finanziert. Das Staatsunternehmen hat sogar teure TV-Werbespots geschaltet, um den Amerikanern zu zeigen, dass (noch) keine staatlichen Mittel fließen.

"Die machen Profite auf unserem Rücken"

Doch die private Konkurrenz sitzt dem ehrwürdigen Unternehmen im Nacken, das immerhin im Jahr 1775 höchstpersönlich von Benjamin Franklin gegründet wurde. Letztes Jahr betrug das Defizit rund 5 Milliarden Dollar. Im November 2012 könnte die Post Geschichte werden: „Das finde ich nicht fair, manchmal müssen wir sogar die Briefe von der Konkurrenz austragen, weil wir dazu gesetzlich verpflichtet sind. Sie machen jetzt schon Profite auf unserem Rücken“, beschwert sich Scott und haut gegen einen alten Briefkasten um die Briefe in seine Box fallen zu lassen.

„Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich ein Recht auf vier Wochen Urlaub habe und 27 Dollar brutto pro Stunde verdiene, dann hassen sie mich alle“, sagt Scott. Neulich kam die lang erwartete Botschaft aus der Unternehmenszentrale in Washington DC: im Bundesstaat Oregon fallen erstmal 500 Arbeitsplätze weg, viele kleine Filialen vor allem in ländlichen Gebieten werden geschlossen. Scott darf seinen Job erstmal behalten. Und damit das auch so bleibt, wird er am 6. November Obama wählen.

Auf einer Tour von Vancouver bis in die Hauptstadt von Mexiko sucht unser Autor Mohamed Amjahid in den nächsten Wochen nach den Geschichten, die dem US-Präsidentschaftswahlkampf Gesichter verleihen.

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