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US-Wahlkampf vor Ort (23) „Barbecue hat uns vor der Ölkatastrophe gerettet“

Vor rund zwei Jahren explodierte die Deepwater Horizon Ölplattform im Golf von Mexiko. Sie nahm elf Arbeitern das Leben, tausenden Menschen ihre Lebensgrundlage, dem politischen Washington aber nicht die Lebensphilosophie: Bohren bis der Arzt kommt.

29.03.2012 13:26
Mohamed Amjahid
Denise Lee hat vom Fischverkauf auf Barbecue umgesiedelt - "sonst wären wir am Ende gewesen".

Die Krabben haben einen leicht nussigen, milden, einzigartigen Geschmack. Dafür sind sie hier berühmt an der Golfküste in Südalabama, vor allem in der Bucht von Mobile: „Fast zwei Jahre haben die Menschen keine Meeresfrüchte, keine Krabben, keine Schalentiere gegessen“, erinnert sich Denise Lee, Inhaberin des R&R Seafood Restaurants.

Denise wurde zum Gespräch vorgeschickt, da ihr Mann, ein Fischer, zu emotional wird, wenn es um die Ölpest geht: „Wir mussten unsere Boote verkaufen, wir mussten unseren Frischfischladen schließen, wir waren kurz davor bankrott zu gehen“, sagt sie.

 

„BP hat uns entschädigt, ist eine Lüge“

Denise ist eine professionelle Geschäftsfrau, während des Gesprächs kümmert sie sich mit ihrem Lächeln wortlos um die hereinströmende Kundschaft: „Wir konnten nur überleben, weil wir schnell auf Barbecue umgestiegen sind“, die Kundschaft liebt das gegrillte Fleisch, vom ehemaligen Hauptgeschäft ist nur noch der Name geblieben.

Den kleinen Fischladen haben Denise und ihr Mann vor einigen Monaten wieder eröffnet: „Das Geschäft läuft mäßig“. Dabei werden die Menschen hier in der natürlichen Bucht von Mobile anders als andere Küstenstreifen am Golf von Mexiko nicht mehr von stinkenden und immer neuen Ölklumpen belästigt. Denn mehr als die Hälfte des ausgelaufenen Öls – geschätzte 2,5 Millionen Barrel oder 400 Millionen Liter – befindet sich noch irgendwo im Meer. Niemand weiß wo es ist, wann es auftaucht. Nur die vielen Klumpen lassen vermuten, dass es schlimm aussieht in den Tiefen des Golfs.

 

BP schaltet seit der Katastrophe im Minutentakt Werbespots im Fernsehen, Anzeigen überall, die zeigen sollen wie umweltfreundlich der Konzern doch ist und dass die Zeiten nach der Explosion dank der BP-Finanzhilfen viel schöner sind als vorher. Im Werbespot rennen Menschen über weiße Strände, Familien genießen ein Bad im Meer und Paare schauen sich tief in die Augen während sie einen Hummer zerlegen.

 

„Alles gelogen! Wir haben nicht einen Cent von BP gesehen, sie haben uns gesagt, dass es uns zu gut gehe, dass wir es ja aus eigener Kraft aus der Krise geschafft haben“, so geht es an der Golfküste den meisten Menschen die vom Meer oder vom Tourismus leben. Der Rechtsstreit, den tausende Kleinunternehmer hier gegen den Ölkonzern eingegangen sind, wird Jahre dauern „und BP wird mit seinen Anwälten dafür sorgen, dass es viele, sehr viele Jahre werden“, befürchtet Denise.

 

„Obama möchte keine Ölbohrungen“ - auch eine Lüge

In den USA tobt gerade ein Benzinvorwahlkampf. Newt Gingrich – derzeit abgeschlagen Nummer drei im Bewerberrennen der Republikaner – hat mit seinem patentierten Newt-Two-Dollar-Fifty-Plan das Thema Benzinpreise auf die Agenda gesetzt. Land auf, Land ab beklagen sich alle, dass die Preise in den Himmel steigen. Zurzeit bezahlt man an einer US-amerikanischen Zapfsäule durchschnittlich vier Dollar pro Gallon. Vier Dollar, das sind rund drei Euro. Ein Gallon enthält 3,78 Liter. Macht rund 80 Eurocent pro Liter.

 

Gingrich möchte zurück in die Vergangenheit und den Preis halbieren: „Obama ist der Präsident der Preiserhöhungen an den Zapfsäulen“, lautet sein Hauptwahlkampfslogan. Und nicht nur er beschreibt, dass „die vielen Nullen auf den Benzinrechnungen der Amerikaner für O wie Obama stehen“, auch seine Mitkonkurrenten Mitt Romney und Rick Santorum werfen Obama vor, die Benzinpreise absichtlich steigen zu lassen: „Obama möchte keine Ölbohrungen, er möchte den kleinen Amerikaner an der Tankstelle zur Kasse bitten!“, beklagen alle drei republikanischen Kandidaten.

 

Dabei ist das nicht wahr. Die Obama-Administration hat nach einer kurzen Schockpause nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko munter weiter Offshore-Bohrgenehmigungen verteilt. Ein Jahr nach dem Versagen von BP waren es 39 Genehmigungen, überall im Land: in Alaska, an der Pazifikküste, im Golf von Mexiko. Präsident Obama erklärt regelmäßig, dass die Macht des mächtigsten Mannes der Welt an den Ölmärkten endet: „Ich werde aber dafür sorgen, dass in kurzer Zeit mindestens 75 Prozent der Öl- und Gasvorkommen vor unseren Küsten ausgebeutet werden können“, versprach er neulich seinen Wählern. Naturschutz und Sicherheitsauflagen geraten bei dieser eigentlichen Einstimmigkeit zwischen Demokraten und Republikanern in den Hintergrund.

Denise ist nach der Explosion konsequent apolitisch geworden: „Wenn ich das Wort Washington höre, schalte ich ab“, sie sei die Lügen leid und geht im November vermutlich gar nicht wählen, „ich habe genug zu tun mit meinem Restaurant, da kann ich mir das ganze Theater rund um BP und die leeren Versprechen der Politiker nicht mehr anhören.“

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