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US-Wahlkampf vor Ort (21) Schwarz-weiße Nachbarschaft - wie vor 50 Jahren

New Orleans ist eine gespaltene Stadt. Der eine Teil schwarz, arm, mit hoher Kriminalität. Der andere Teil weiß, herausgeputzt, mit vielen Privilegien. Hier hält sich ein Mikrokosmos wie in den USA der 60er-Jahre.

27.03.2012 11:13
Mohamed Amjahid
Vier kleine schwarze Mädchen erinnern in einem Schauspiel an ein furchtbares Verbrechen vor 50 Jahren. Foto: Mohamed Amjahid

Die vier in weiß gekleideten Mädchen schreiten dem Altar entgegen, der heute zu einer Bühne umfunktioniert wurde. Sie führen konzentriert ein Theaterstück vor, das sie vier Wochen lang einstudiert hatten. Die Geschichte von den vier toten Mädchen der Kirche in der 16. Straße in Birmingham, Alabama: „Vor ungefähr 50 Jahren wurden vier unschuldige Kinder getötet, nur weil sie schwarz waren“, sagt Dorice Wharton, die mit den Kindern das Stück eingeübt hat, „wir wollen, dass unsere Kids nicht vergessen wie wir Schwarze behandelt wurden.“

Ein paar Gehminuten entfernt vom Spielort, in Central City von New Orleans ist immer noch 1963. Hier verirrt sich kein Weißer, keine Weiße hin. Das ist schwarzes Ghetto. Eine zehnminütige Autofahrt vom reichen Uptown reicht aus, um in einer ganz anderen Welt zu sein. Aus dem Auto aussteigen sollte man aber nicht, wenn man mit Einheimischen aus New Orleans unterwegs ist, sollte man erst gar nicht fragen hier einen Fuß auf die Straße zu setzen - Schießereien sind auch am hellichten Tag nichts Ungewöhnliches.

Doch das alte Schema weiß gegen schwarz beschreibt hier in Central City nicht mehr die Realität. Bei der hier herrschenden Perspektivlosigkeit und der daraus resultierenden Gewalt sind Weiße nicht mehr unmittelbar einbezogen: „Schwarze Kids bringen ihre schwarzen Brüder und Schwestern um“, Dorice nennt dies „Black-on-Black Crime“, das Hauptproblem in New Orleans. Der Kriminalitätsstadtplan zeigt dies auf anschauliche Weise. (Link zur Kriminalitätskarte von New Orleans.)

NGOs und der Staat meiden die Problemviertel

Die Aufführung lief gut. Die Kinder waren sichtlich nervös, haben aber ihr bestes gegeben und ernteten dafür minutenlangen Applaus, weinende Omis und je einen mp3-Player. „Sie haben hier nur geringe Chancen auf ein erfolgreiches Leben“, sagt Dorice. Schwarz in New Orleans zu sein, und noch in den „Problemvierteln“ zu wohnen, bedeutet abgeschrieben zu werden. Automatisch. Hier trauen sich Staat und Zivilgesellschaft nicht hin, soziale Dienstleistungen tragen vor allem die vielen baptistischen Kirchen.

Nach dem Theaterstück gibt es Essen, reichlich, nahrhaft, ungesund: Tieffrittierte Hünchenschenkel, Wurst-Bohnen-Eintopf und warme Brownies mit Butter-Vanille-Eis. „Was die Menschen hier brauchen ist Essen zubereitet mit Liebe. Du kannst es förmlich schmecken“, sagt ein Jugendlicher und verschwindet mit einem kleinen Berg auf seinem Teller nach draußen.

Dorice ist in New Orleans gebürtig, sie hat alles mitgemacht was in dieser Stadt seit vier Jahrzehnten passiert ist. Vor ungefähr sieben Jahren half sie als Sozialarbeiterin die Katastrophe von Hurrikan Katrina zu überwinden. „Überwunden haben wir diese grauenvolle Zeit aber noch bei weitem nicht“, erzählt sie, „so viele Tote, so viel Leid und alles war zerstört, die ganze Stadt war zerstört.“ 

„Obama braucht mehr Zeit für seine Versprechen“

Zwar wurden viele Häuser wieder renoviert und die Regierung legte ein Wohnprojekt nach dem anderen auf: „Aber überall in der Stadt stehen verlassene Häuser, die Menschen sind weiter gezogen.“ Nur im historischen Kern der Stadt und natürlich im weiß dominierten Uptown ist der Alltag eingekehrt und die Spuren vom Hurrikan wurden komplett beseitigt: „Hier wo wir wohnen verirren sich keine Touristen.“

Vor fünf Jahren stimmte rund 94 Prozent der afroamerikanischen Bevölkerung der USA für Barack Obama. Hier in New Orleans waren es fast alle. Obama hatte im Wahlkampf zuvor versprochen die Versäumnisse seines Amtsvorgängers George W. Bush bei der Hurrikan-Katastrophe aufzuholen und gab den Menschen Hoffnung: „Yes, we can“ schlug hier wie eine Bombe. Alle glaubten plötzlich an ein besseres Leben.

„Wir haben viele Hilfen erhalten, das ist wahr, aber sie sind nicht zu den Leuten durchgedrungen. Ein Großteil des Geldes ist irgendwo zwischen Washington und New Orleans einfach verschwunden“, beschwert sich Dorice. Allgemein, so ist sie sich aber sicher, gebe es für Schwarze in den USA keine Alternative zu Obama: „Er braucht noch vier Jahre, dann kann er das einlösen, was er uns versprochen hat.“

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