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US-Wahlkampf vor Ort (2) Ein krankes Land

Obamas bisherige Amtszeit wurde vor allem vom Glaubensstreit rund um seine Health Care Reform geprägt. Wer sich beispielsweise in Seattle keine Krankenversicherung leisten kann, hat nur drei Optionen.

02.03.2012 10:54
Mohamed Amjahid
Ein krankes Land: Peter geht erst mal spazieren. Foto: Mohamed Amjahid

Obamas bisherige Amtszeit wurde vor allem vom Glaubensstreit rund um seine Health Care Reform geprägt. Wer sich beispielsweise in Seattle keine Krankenversicherung leisten kann, hat nur drei Optionen.

Es ist paradox. Die meisten medizinischen Innovationen kommen definitiv aus den USA. Hier gibt es exzellente Forschung in Eliteuniversitäten, hier machen die großen Pharmaunternehmen dieser Welt ihr Geld. Dennoch, im Land des medizinischen Fortschritts ist irgendetwas faul. Denn nur wer das nötige Kleingeld hat, erhält Zugang zur Gesundheitsversorgung. Anders gesagt: keine Besserung für Arme. Und das ist nicht als Ausnahme, sondern als Regel gedacht. 

Wer sich keine Krankenversicherung leisten kann, informiert sich entweder im Internet - Zugang vorausgesetzt. Wer in Seattle lebt, kann sich auch gleich an die Gesundheitsbehörde wenden. In der Stadt boomt, anders als sonstwo in den USA, die Wirtschaft.

Trotzdem haben Kate und ihr studentischer Mitarbeiter Thuy viel zu tun am Information-Desk: „Wenn Du Dir Deine Gesundheit nicht leisten kannst, dann bleiben Dir nicht viele Optionen“, sagt Kate und blickt auf ihren nickenden Kollegen, „Du bist doch auch betroffen, als Student kannst Du Dir bestimmt keine Krankenversicherung leisten“, Thuy nickt weiter.

Wer in Seattle arm ist, keinen Arbeitgeber hat, der die Versicherung bezahlt, muss sehen, wie man zurecht kommt. Kate druckt eine Informationsseite aus dem Internet aus, die alternative Zugänge zur Gesundheitsversorgung auflistet. Die acht Seiten trügen: Die Schrift ist sehr groß, beim näheren Hinsehen bleiben drei Wege.  

Option 1: Health Club

Lara wartet geduldig auf den Fahrstuhl. Sie möchte in den 16. Stock. Bei einem privaten Unternehmen wird sie sich heute behandeln lassen. Das klingt nach exzellenter Gesundheitsversorgung, aber was mit Hochglanzbroschüren beworben wird, stellt für die „Kunden“ lediglich eine Notlösung dar. Lara ist nämlich Mitglied bei Qliance, dem Health Club. Dort können Menschen, die mindestens 54 Dollar im Monat übrig haben, Mitglied werden. Sie bekommen im Gegenzug eine minimale medizinische Versorgung. Bei Schnupfen, Magenbeschwerden oder einer Entzündung geben Ärzte ihren Rat und verschreiben teure Medikamente, die die Patienten selbstverständlich selbst bezahlen müssen. Notfälle und Krankenhausaufenthalte gehen ebenfalls auf die eigene Rechnung.

„Besser als nichts“, sagt Lara. Sie nimmt Platz im leeren Wartezimmer. „Ich habe seit Tagen schon Halsschmerzen - und es wird nicht besser. Ich komme aber nur, wenn es nicht anders geht“, sagt sie. Ein Arzthelfer mit einem blinkenden Headset am Ohr ruft den nächsten Patienten auf. Lara kramt ihre Mitgliedkarte aus ihrer Handtasche und verschwindet im Behandlungszimmer. Es gibt einige Health Clubs in den USA, sie sind vor allem ein Trostpflaster für Absteiger, die noch nicht ganz unten in der Gesellschaft angekommen sind. 

Option 2: Obdachlosenprojekt

Das Edward-Thomas-Haus liegt direkt an einer vielbefahrenen Stadtautobahn. Um hinein zu kommen, braucht man einen Anwohnerausweis. Wenn dennoch mehr Menschen durch die Tür gehen, ertönt ein Sicherheitsalarm. „Innen ist es aber nicht spektakulär“, sagt Peter. Er hat sich seinen blauen Morgenmantel umgeworfen und möchte einen Spaziergang um den Block machen. „Auf der siebten Etage haben wir eine Art Krankenstation mit einer Krankenschwester. Wenn es ernst wird, kommt ein Arzt vom benachbarten Uni-Klinikum kurz rüber“, erklärt Peter und setzt seinen Rolator auf den Rasen, um eine Abkürzung auf die andere Straßenseite zu nehmen.

Das Problem an diesem Obdachlosenprojekt: Es ist nur für 34 Menschen gedacht. Wer zu reich ist und sich eine Wohnung leisten kann, disqualifiziert sich automatisch. Immerhin wird geschätzt, dass rund 40 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben. Diese riesige Lücke im System wollte Barack Obama schließen. Wohlgemerkt haben es mindestens ein Duzend Präsidenten vor ihm schon mal versucht - und sind gescheitert.

Obamas Bilanz dagegen ist ein Kompromiss. Von der ursprünglichen Idee, einen akzeptablen Mindeststandard für alle zu etablieren, ließen die rivalisierenden Republikaner im Repräsentantenhaus nicht viel. Obama hat es in der ersten Hälfte seiner Amtszeit verschlafen, eine Reform durchzuboxen, als seine Demokraten noch die Mehrheit im Parlament hatten. Doch auch das wäre keine Garantie für einen Erfolg gewesen: Viele Demokraten betrachten „Sozialismus“ im Gesundheitssystem ebenfalls mit skeptischen Augen.

Option 3: Durchhaltevermögen

Wer sich die erste Option nicht leisten kann und wem es für die zweite Option zu gut geht, muss auf Durchhaltevermögen setzen. Also gar keine Gesundheitsversorgung. Vor allem die vielen Menschen ohne Obdach, die in der herausgeputzten Innenstadt von Seattle die Zeit tot schlagen und keinen Platz in Obdachlosenprojekten bekommen oder bekommen wollen, leben öffentlich mit ihren Schmerzen. Sie halten meistens einen Moment inne - und kümmern sich dann um die nächste Mahlzeit. Ihnen bleibt auch nicht anderes übrig, denn die hier verschwiegene vierte Option kommt für sie ja nicht in Frage: Die Kreditkarte zur Gesundheitskarte umfunktionieren, das können sie ja nicht.

Doch viel mehr Amerikanern merkt man gar nicht an, dass sie seit Jahren nicht beim Arzt waren. Thuy, dem studentischen Mitarbeiter im Gesundheitsamt der Stadt, geht es laut eigenen Angaben ganz gut: „Die Zahnspange habe ich von meinem Ersparten gekauft, und bis jetzt fühle ich mich wohl.“

Auf einer Tour von Vancouver bis in die Hauptstadt von Mexiko sucht unser Autor Mohamed Amjahid in den nächsten Wochen nach den Geschichten, die dem US-Präsidentschaftswahlkampf Gesichter verleihen.

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