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US-Wahlkampf vor Ort (18) Gay Texas

Verkehrte Welt im konservativen Bundesstaat: In Texas sind Dildos verboten, in Texas trifft sich aber auch der schwule Bibelklub. Das Thema heute: Eine homosexuelle Bibelstunde zur aktuellen politischen Lage der Nation.

22.03.2012 12:21
Mohamed Amjahid
Will, Rebecca und Tim. Foto: Mohamed Amjahid

Es gibt Tex-Mex zu den heiligen Versen. Pastor Allen hat aufgetischt und einen Kuchen zum Nachtisch gebacken: warmer Waldfrüchtekuchen mit Vanilleeis. An der Wand und in den Regalen hängen Bilder von seinen Enkeln. Pastor Allen hat sich aber irgendwann entschieden mit offenen Karten zu spielen: „Ich bin schwul, ich lebe nun offen und die meisten in meiner Kirche wissen das.“ Auch wenn vielen schwer fällt dies als „normal“ anzuerkennen.

Es braucht keine Fragen und nicht lange bis sich die Teilnehmenden des Bibelklubs wie jede Woche im Wohnzimmer eingefunden haben: „Ich weiß nicht was die anderen vom Christentum mitnehmen, aber ich habe gelernt: Liebe Deinen Nächsten. Egal wie er oder sie ist“, sagt Rebecca. Der queere Bibelclub ist natürlich offen für alle, auch für heterosexuelle Frauen.

In den USA herrscht in Wahlkampfzeiten meistens eine destruktive Stimmung, vor allem gegenüber Minderheiten: „Zwar ist es verboten jemanden zu diskriminieren, aber sie finden immer einen Weg“, erklärt Pastor Allen. So würden die Politiker und Wähler rechts außen Präsident Obama nicht mehr mit dem rassistischen N-Wort beschimpfen, dafür nennen sie ihn „Moslem“.

„Othering“ als Wahlkampfwaffe

Homosexuelle sind natürlich auch im Fadenkreuz der konservativen Wahlkämpfer: „Sie propagieren den Mythos der traditionellen Familie, das steht aber nirgendwo in der Bibel, dass dies das einzig wahre Lebenskonzept ist“, beschwert sich Tim, der heute mit seinem Partner Will zur Diskussionsrunde gekommen ist. „Es ist vor allem Angst, sie haben Angst vor Anderen und versuchen egal was ihnen fremd erscheint zu stigmatisieren“, sagt Tim.

So seien für konservative Republikaner natürlich Latinos, Frauen, Moslems und Homosexuelle die Schuldigen für alles was im Land schief geht. „Wir haben andere Probleme“, seufzt Rebecca, die sich als eine Republikanerin bezeichnet, die gezwungen wird demokratisch zu wählen.

Texas ist anders als die anderen 49 Bundesstaaten. Texas ist das Rückzugsland für weiße Mittelschichtrepublikaner, die es nicht wahrhaben wollen, dass die USA sich seit ihren Gründungszeiten verändert haben: „Sie blenden einfach aus, dass es etwas anderes gibt“, sagt Pastor Allen.

Deswegen wird alles verteufelt, was anders ist. Die Menschen in dem Wohnzimmer von Pastor Allen, stellen für konservative Republikaner das Feindbild Nummer 1 dar. Besonders jedes vierte Jahr, wenn es wieder Wahlen gibt. In den aktuellen Vorwahlen der Republikaner fallen radikalere Töne als jemals zuvor und daran trägt vor allem einer die Verantwortung.

Santorum googeln ist nicht jugendfrei

„Rick Santorum treibt es auf die Spitze, er redet über Homosexuelle als ob sie keine Menschen seien“, sagt Allen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat vergleicht Schwule und Lesben regelmäßig mit Tieren und spricht ihnen auf Wahlkampfveranstaltungen offen und lächelnd ihre fundamentalen Menschenrechte ab.

Deswegen haben queere Internetaktivisten zurückgeschlagen und im Internet dem Wort „Santorum“ kurzerhand eine neue Bedeutung gegeben (siehe Audio).

Eine schnelle Suche verspricht lustig zu werden: Nach Verhandlungen zwischen dem Suchmaschinenbetreiber und dem Wahlkampfteam von Rick Santorum wurde der Algorithmus verändert. Die Sache für den erzkonservativen Präsidentschaftskandidaten wurde so aber nur noch schlimmer gemacht.

Mitt Romney, der konservative Mormone, hat sich dagegen in dieser Runde Respekt verschafft: „Er macht nicht auf Hardliner, er redet über Glauben und Familie, nur damit er schnell zu den wichtigen Themen kommt“, erkennt Rebecca Romneys Performance bis jetzt an. Sie würden hier aber alle trotzdem dann Obama wählen: „Die Demokraten tun viel und reden wenig, sie werden von den Konservativen in die Ecke gedrängt und haben sich pragmatisch dazu entschlossen ihre Verdienste für die Gleichstellung aller Menschen nicht an die große Glocke zu hängen“, erklärt Allen. So zum Beispiel mit der Abschaffung von „don’t ask, don’t tell“.

Da war ja noch die Sache mit dem Dildoverbot: Das texanische Gesetz von 1973 untersagt detailgetreue Nachbildungen männlicher Glieder. Der Handel oder Besitz elektrisch betriebener oder herkömmlicher Luststäbe wird bestraft. Auch der Kauf, Verkauf oder Besitz einer künstlich nachempfundenen Vagina ist illegal und wird „angemessen geahndet“. Eine nichtrepräsentative Umfrage im ganzen Bundesstaat zeigt aber, dass es die meisten Texaner und Texanerinnen schaffen ein Lustobjekt ins Land zu schmuggeln. Verschiedene Quellen bestätigen, dass darunter auch diejenigen sind, die so etwas nie nie nie zugeben würden ;)

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