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US-Wahlkampf vor Ort (16) Tödliche Drogen

Das texanische El Paso liegt direkt an der Grenze zur „gefährlichsten Stadt der Welt“. Im mexikanischen Juarez regiert die Drogenmafia, killt täglich Dutzende Menschen und beliefert den US-Markt mit frischem Stoff.

20.03.2012 11:24
Mohamed Amjahid
Die Menschen in Juarez vertrauen nicht der machtlosen Polizei. Foto: Mohamed Amjahid

Das texanische El Paso liegt direkt an der Grenze zur „gefährlichsten Stadt der Welt“. Im mexikanischen Juarez regiert die Drogenmafia, killt täglich Dutzende Menschen und beliefert den US-Markt mit frischem Stoff.

Heute ist wohl der gefährlichste Tag des Jahres in El Paso. Es ist St. Patricks Day. Die Stadt im Dreiländereck von Mexiko und den Bundesstaaten New Mexico und Texas versinkt in „Green Beer“, Guinness und anderen irischen Bräuerzeugnissen. Um zwei Uhr nachts ist aber Schluss, nach texanischem Gesetz müssen alle „raus, raus, raus!“ aus den Bars und Tavernen. Die folgende Nachtruhe wird nur von den lauten Sirenen der Polizei und der Rettungswagen zu den unzähligen Verkehrsunfällen gestört. Im Rest des Jahres geht es in El Paso dafür beschaulicher zu.  

Victor Barajas und seine Künstlerfreunde schmeißen ihre eigene Dachparty: „Siehst Du dahinten, das ist Ciudad Juarez“, er deutet auf die Lichter vor einer Bergkette. Zu Fuß, in einigen Minuten erreichbar. Juarez ist weltweit als „gefährlichste Stadt der Welt“ bekannt. Hier regiert die Drogenmafia, tötet täglich fünf bis zehn Menschen. Jeder vierte Einwohner hat diese vormals 1,3-Millionen-Stadt schon verlassen. „Es gibt aber auch schöne Dinge drüben“, sagt die Lehrerin Melissa, „wir gehen manchmal nach Juarez und die Leute dort leben weiter.“ Neulich soll es sogar ein Straßenfest gegeben haben. Auch wenn nicht so folgenreich wie heute am St. Patricks Day in El Paso.  

„Wir sind Schuld“

In Juarez ist jeder Tag St. Patricks Day. Der Unterschied zur Innenstadt von El Paso kann kaum größer sein: auf der US-Seite findet sich meistens eine Geisterstadt, so leer sind die Straßen dort, auf der mexikanischen Seite spazieren die Menschen, sonnen sich, singen, tanzen, beten, essen. Victor ist gebürtiger Mexikaner aus Juarez und arbeitet als Fotograf in El Paso: „In den Medien wird Juarez als No-Go-Area verkauft und ja wir haben viele Probleme, aber auch hier geht das Leben weiter.“ Sonntags ist es besonders lebendig, ganz Juarez befindet sich vor der Kathedrale und widmet den Tag der Stadtheiligen Guadaloupe.

In Juarez machen die Menschen vor allem die Drogenkartelle für das Leid verantwortlich, viele sind sauer auf die mexikanische Regierung, da sie gegenüber der mafiösen Gewalt machtlos ist. Korruption und Vetternwirtschaft im Staatsapparat spielen den brutalen Clan-Oberhäuptern eher in die Hände. Denn die italienische Mafia ist nichts gegenüber der Entschlossenheit ihrer mexikanischen Kollegen: „Regierung und Mafia stecken unter einer Decke.“ Die Menschen in Juarez haben aber noch einen dritten Schuldigen ausgemacht.

Zurück auf der Partyterasse in El Paso wird die Sicherheitslage bei den Nachbarn schonungslos analysiert: „Wir tragen auch Verantwortung für das, was drüben passiert“, sagt Victor, der nun seit fast zwei Jahrzehnten in El Paso lebt. Melissa, die nur darauf wartet ein bisschen antitexanisch zu sein, stimmt zu: „Wir kaufen den Stoff und verkaufen ihnen Waffen dafür.“ Auf dem Dach sind sich alle sicher, hier ist Korruption und Vetternwirtschaft im Spiel: auch auf der US-amerikanischen Seite. „Es ist ein gutes Business für manche hier in El Paso, wir sind das Tor zu Mexiko“, zwinkert Melissa. Die USA stellen den größten Absatzmarkt für weiche und harte Drogen weltweit, beliefert werden sie hauptsächlich über Mexiko und El Paso ist dafür ein geeigneter Umschlagsplatz.

Die sicherste Stadt der Welt

Tatsächlich sieht Juarez von hier aus gesehen, wie jede andere Stadt aus. Die Lichter blinken in der Dunkelheit und wäre nicht der Lärm der irischen Straßenfeste im Hintergrund, wäre es eine Nacht wie jede andere. „Hier gibt es keine Fronten, hier gibt es kein Hinterland“, erklärt Melissa. Die Grenzbeamten würden sich eher darum kümmern, dass niemand Sozialbetrug begeht. Dass niemand eigentlich in Juarez wohnt und von den US-Essenmarken ernährt. Denn in El Paso muss sich niemand Gedanken über die Sicherheit machen: „Alles ist abgesichert und keiner würde auf die Idee kommen, hier auf der US-Seite etwas dummes zu tun.“

 Das für texanische Verhältnisse liberale El Paso – auch wenn hier erzkonservative Demokraten gewählt werden – ist für das Lithium in seinem Trinkwasser berühmt: „Du trinkst ein Schluck und es beruhigt Dich sofort“, sagen die Partygäste auf dem Dach. Vielleicht haben sich die Menschen so an die Sicherheitslage ein paar Schritte weiter gewöhnt. Gemessen an den Rahmenbedingungen ist El Paso die wohlmöglich best gesicherte Stadt der Welt. Eine gute Grundlage für solide Geschäfte der Drogenmafia.

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