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US-Wahlkampf vor Ort (15) „Uns steht ein dreckiger Wahlkampf bevor“

Vor rund einem Jahr lief Jared Loughne in Tucson Amok: sechs Tote, 13 Schwerverletzte, darunter auch die Demokratin Gabrielle Giffords. Das Ergebnis eines schmutzigen Wahlkampfs, der sich wiederholen könnte.  

19.03.2012 17:06
Dwayne findet: "Wir haben verlernt, miteinander zu reden."

Mittags sind die Bewohner der Stadt Tucson im Bundesstaat Arizona von der stechenden Hitze der Wüstensonne zermürbt. Niemand möchte auf dem kahlen Asphalt des Parkplatzes mehr als nötig verweilen. Alle verstecken sich hinter spiegelnden Sonnenbrillen und retten sich in den klimatisierten Supermarkt. Beim Stichwort Gabby Giffords – wie die 42-jährige in den USA genannt wird – flüstern die meisten nur ein „das war so traurig“ und wollen nicht weiter darüber reden.

Tina wartet an der viel befahrenen Oracle Road auf den Bus: „Immer wenn ich hier warte denke ich daran und bin traurig.“ Tina erklärt, dass sie sich nicht wirklich für Politik interessiert: „Aber dieses Ereignis hat uns alle wachgerüttelt.“ Auch wenn die Bürger von Tucson einen genervten Eindruck hinterlassen, wenn ihre Stadt mit dem Attentat verbunden wird.

„Wir müssen uns nicht hassen“

Dieser Parkplatz wurde vor etwas mehr als einem Jahr Schauplatz eines Massakers. Ein Schock ging durch die Nation. Der 22-jährige Jared Lee Loughne schoss Giffords aus nächster Nähe in den Kopf. Sie überlebte, anders als sechs Teilnehmer ihrer Bürgersprechstunde. Mittlerweile hat sie ihr Mandat niedergelegt.

Das Motiv des Attentats: Hass. Giffords ist Jüdin, sie ist eine selbstbewusste Politikerin, eine liberale Demokratin. Zu liberal für den politischen Gegner und einige, die sich zu mehr als zu einem verbalen Kampf ermutigt fühlen.  

Die Medien diskutierten zum ersten Mal kritisch einen Diskurs, den sie maßgeblich angefeuert hatten: Hasskampagnen gegen den politischen Gegner. Einige Wochen vor dem Attentat veröffentlichte die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin eine Karte, auf der sie alle Wahlbezirke der Parlamentarier einzeichnen ließ, die Republikanern den „Platz im Repräsentantenhaus weggenommen hatten“ und dazu noch für die Health Care Reform von Präsident Obama stimmten. Auch Gabby Gifford wurde mit einem Fadenkreuz markiert: „Knallt sie ab“, hieß die Message.

Dwayn versucht auf einem Flohmarkt unweit vom besagten Parkplatz, selbst gebasteltes Papierspielzeug zu verkaufen. Mit mäßigem Erfolg: „Wir kommen nicht weiter wenn wir uns gegenseitig umbringen, nur weil wir verschiedene Ansichten haben.“ Der „weise Dwayn“, wie ihn sein Kollege am Nachbarstand ärgert, sieht es aber schon wieder kommen: „Uns steht ein dreckiger Wahlkampf bevor.“ Zu viele von dieser Sorte hat er schon erlebt.

„Wir haben verlernt miteinander zu reden“, sagt er. Dwayn kann sich noch an Zeiten erinnern, da sei es nicht so schlimm gewesen. In denen haben Politiker ihre Anhänger nicht aufgefordert, die Gegner „abzuknallen“: „Unsere Gesellschaft dürfte eigentlich nicht auf einen solchen Schwachsinn reinfallen, aber sie ist zu stark von denen da oben beeinflusst. Die Menschen fangen an, ihnen zu glauben und dann fangen sie an zu hassen.“  ´

Romney hat das Geld, Santorum die Rhetorik,

Obama beides

Beim anstehenden Wahlkampf könnte also wieder schmutzige Wäsche in den Ring geworfen werden. Hier geht es aber nicht darum einen günstigen Kredit unter Freunden anzuprangern, hier geht es darum die eigenen Anhänger zu überzeugen das Gesicht des Gegners als Hitler, als Antichrist zu photoshoppen. Das was die republikanischen Präsidentschaftskandidaten zurzeit an gegenseitigen Beleidigungen liefern, ist dagegen Kindergarten.

Auch wenn alle in Washington versprochen haben, dass es nie wieder so weit kommen darf: Die Wahlkampfmanager haben keine andere Wahl. „Wenn ein Kandidat anfängt, muss der andere zurückfeuern“, erinnert sich Dwayn an die vergangenen Schlachten um das weiße Haus.

Wer das nötige Kleingeld hat, so wie Mitt Romney, wer die nötige rhetorische Begabung besitzt, so wie Rick Santorum, der wird spätestens in den letzten Wochen auf Attacke umschalten, in Fernsehspots, in Sozialen Netzwerken und auf Parkplätzen – so wie den berühmten in Tucson. „Egal welche Seite anfängt, die andere wird zurückschießen“, sagt Dwayn.

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