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US-Wahlkampf vor Ort (1) Kanada und das "wahre Amerika"

Wer denkt, dass in den USA der Sicherheitswahn regiert, der war noch nicht in Kanada. Auch andere Beispiele zeigen: Länderklischees sollte man lieber überdenken. Dennoch würde Obama mit links nächster kanadischer Präsident werden. Teil eins unserer Reportagereise durch den US-Wahlkampf.

29.02.2012 09:35
Mohamed Amjahid
Mishelle und ihre Mundharmonika: Auch Kanadier spielen auf mehreren Instrumenten. Foto: M. Amjahid

Wer denkt, dass in den USA der Sicherheitswahn regiert, der war noch nicht in Kanada. Auch andere Beispiele zeigen: Länderklischees sollte man lieber überdenken. Dennoch würde Obama mit links nächster kanadischer Präsident werden. Teil eins unserer Reportagereise durch den US-Wahlkampf.

„Lüg mich nicht an!“, hallt es immer wieder durch den schäbigen Raum. Die Zwischendecke fehlt an einigen Stellen, so dass man sehen kann, wie viele Kabel nötig sind, um gefühlt jeden Quadratmeter eine Kamera zu installieren. „Lüg mich nicht an!“, schreit ein Beamter immer wieder einem korpulenten, schüchternen Chinesen im blauen Karohemd entgegen. Wir sind am Flughafen Vancouver gelandet - an einem Ort, der als Kreuzung zwischen Zoll, Bundespolizei, Militäraußenposten und Bürgeramt durchgehen könnte.

Hier werden potentielle Wirtschaftsflüchtlinge, Drogendealer oder im Allgemeinen suspekte Menschen separiert. Dementsprechend finden sich hier viele Chinesen. Auch Koreaner, Inder oder osteuropäische Roma stehen sich ihre Füße in den Bauch. Denn vor der gründlichen Kontrolle werden die Gäste stundenlang über eine spiegelnde Glaswand und eben viele Kameras beobachtet.

Zum nicht repräsentativen Vergleich: Am New Yorker Flughafen JFK bekommt man eine Nummer vom Grenzbeamten aufgeschrieben, unter der man besonders günstig Broadway-Tickets buchen kann, die passenden Show-Empfehlungen gibt es natürlich dazu. Am Flughafen Chicago O’Hare flirtet dafür eine gut gelaunte „Big Mamma“ am Einreiseschalter mit jungen Männern - oder wie sie sie nennt: „good looking guests“.

Der Chinese in Vancouver hat derweil aufgegeben, zu beteuern, dass er in Kanada einen Sprachkurs machen möchte. Sein Anschlussflug nach Winnipeg ist seit zwei Stunden weg. Es riecht nach Asia-Supermarkt, denn auf dem Boden liegen aufgerissene Packungen mit Kiloweise asiatischen Lebensmitteln. Aufs Klo wird man hier von einem Beamten begleitet. „Die Toilette“ ist aber nur ein gekachelter Raum mit einer kahlen Toilettenschüssel und natürlich einer Kamera an der Decke. Hände waschen ist nicht.

Eine junge Koreanerin lässt sich widerstandslos in Handschellen abführen. Sie scheint für diesen Nachmittag die einzige zu sein, die Dreck am Stecken hat. Ein Mittfünfziger, der ohne großen Aufwand vom Aussehen her den Weihnachtsmann spielen könnte, fängt an zu schreien: „Ich bin Amerikaner! Wieso bin ich hier?“. Ein Beamter versucht ihn zu beruhigen: „Wir tun unser bestes, Sir“, dann schlendert er mit einem Schokoriegel im Mund und einem Coffee-to-go in der Hand weiter. Der weißbärtige Mann lässt sich durch diesen Beruhigungsversuch aber nur noch mehr provozieren: „Ich merke mir Deine Dienstnummer, ich bin Amerikaner!“

Ein Kamerateam rennt hin und her und macht alle Anwesenden nur noch nervöser. Angekündigt hat sie immerhin eine riesige Tafel am Eingang: „Vorsicht Bildaufnahmen“. Vorstellen kann man sich deren Endprodukt wie eine Nachmittagsdokumentationen aus dem deutschen Privatfernsehen: „Die Flughafencops“ haben einen harten Job, die angereisten Gäste hier aber auch. Die meisten dürfen nach diesem Abenteuer ein- oder weiterreisen.

Und dabei ist Kanada doch so „europäisch“!

Vor allem im alternativen Vancouver fährt man gerne Fahrrad, isst Bio und achtet zumindest in Gedanken auf den Weltfrieden. Mishelle Cuttler ist 24 Jahre alt, die junge Schauspielerin hält sich als Sekretärin in der Kanzlei ihres Vaters über Wasser und spielt in einem Theater für Kinder ab zwei den Hasen, im Stück „Der Hase und die Schildkröte“: „Wir Kanadier sind wirklich sehr liberal, nur unsere Politiker sind ein bisschen amerikanisiert“.

Wenn man die konservativen Kanadier aus dem Bundesstaat Alberta wegdenkt, bekäme hier Obama nahezu nahöstliche Wahlergebnisse: „Wir sind für die Krankenversicherung für alle, für Klimaschutz, für die Homoehe und für die Legalisierung von Hanf“, sagt Mishelle.

Zu diesem liberalen Image passt zwar nicht der kanadische Kyoto-Protokoll-Ausstieg, die Pläne zu mehrAbbau des klimaschädlichen Ölsands, die uneingeschränkte Unterstützung der US-Außenpolitik oder der beschriebene Sicherheitswahn. Aber Mishelle sichert zu: „Wir sind nicht immer nur der kleine Bruder der USA, wenn Du die Menschen hier fragst, siehst Du, wie europäisch wir denken“. Länderklischees sind aber dafür da nach Ausnahmen zu suchen. In diesem Sinne: ab ins „wahre Amerika“.

Auf einer Tour von Vancouver bis in die Hauptstadt von Mexiko sucht unser Autor Mohamed Amjahid in den nächsten Wochen nach den Geschichten, die dem US-Präsidentschaftswahlkampf Gesichter verleihen.

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