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US-Wahl vor Ort (22) "Schlimmer als in Afrika"

New Orleans und Louisiana leiden unter extrem hohen HIV-Infektionsraten. Freiwillige und professionelle Helfer kämpfen dagegen mit kostenlosen Aids-Tests und Aufklärung an. Von der Politik erfahren sie dabei aber kaum Unterstützung.

28.03.2012 07:03
Mohamed Amjahid
Matthew Valletta arbeitet schon sein halbes Leben in der Aids-Prävention. Foto: Mohamed Amjahid

New Orleans und Louisiana leiden unter extrem hohen HIV-Infektionsraten. Freiwillige und professionelle Helfer kämpfen dagegen mit kostenlosen Aids-Tests und Aufklärung an. Von der Politik erfahren sie dabei aber kaum Unterstützung.

Unweit vom Amüsier- und Ausgehviertel rund um die Bourbon Street im Französischen Quartier von New Orleans sitzen einige junge Männer und Frauen ungeduldig in einem Wartezimmer. Überall stehen Glasboxen mit Kondomen, Flyer informieren über mögliche Übertragungswege von HIV. Alle die hier sind, möchten Gewissheit: Bin ich positiv?

Matthew Valletta sitzt täglich nervösen Menschen gegenüber, die auf ihr Testergebnis warten: „Wir bieten gratis und anonym HIV-Schnelltests an, wir brauchen dafür nur eine Speichelprobe, es dauert zwanzig Minuten und ist zu 99,97 Prozent sicher.“ Der 30-jährige arbeitet nun schon sein halbes Leben in der Aids-Prävention, zuerst als Freiwilliger, nun professionell angestellt, eine derart schlimme Situation wie in Louisiana hat er in den USA aber noch nicht gesehen.

Ein gratis Aids-Test zwischen Bartheke und Tanzfläche

Die „No/Aids Taskforce“ soll den Bundesstaat Louisiana aus dem Statistikkeller holen. Nirgendwo in den USA gibt es relativ zur Bevölkerungszahl mehr Neuinfektionen mit HIV als hier: New Orleans liegt landesweit auf Platz fünf, die Hauptstadt von Louisiana, Baton Rouge, ist Spitzenreiterin.

Auf 100.000 Einwohner kommen hier 33,7 HIV-Infizierte: „Schlimmer als in manchen Ländern in Afrika“, das besorgniserregende ist aber nicht die Zahl der Infizierten, die schnelle Ausbreitung der Krankendheit bereitet mehr Sorgen.

Louisiana ist ein konservativer Südstaat, aber vor allem die urbanen Zentren sind für ihre „easy going culture“ bekannt: „Hier haben die Menschen Sex“, sagt Matthew. Deswegen wird seine Taskforce dort eingesetzt, wo sich die Risikogruppe tummelt: „Wir bieten mobile Labore an, wir haben regelmäßig Stände in den Klubs im Französischen Quartier und anderswo.“

So ein Test kostet zwischen 40 und 50 Dollar. Deswegen ist es lobenswert, dass die Regierung in Baton Rouge den Rotstift an dieser Stelle noch nicht angesetzt hat. Trotz seiner konservativen Wählerschaft und der dazugehörigen Politikerklasse, ist Louisiana einer der wenigen US-Bundesstaaten, in denen es möglich ist einfach, gratis und anonym einen Test machen zu lassen: „Aber wir leben in Zeiten, wo alles gestrichen wird was überflüssig erscheint.“ Bald ist vielleicht die Vorzeige-Taskforce an der Reihe.

Verhütung in Schulbüchern tabu

Louisiana trägt aber auch in einer anderen Statistik die rote Laterne. Bei der US-amerikanischen Pisastudie landen die Schüler an der Mündung des Mississippi regelmäßig auf den letzten Plätzen: „Neulich hatten wir zwei Jungs hier, der eine 18, der andere 20 Jahre alt, beide wussten nicht was Kondome sind, beide hatten keine Ahnung was Aids ist“, beklagt sich Matthew.

Bildungspolitiker von Demokraten und Republikanern wollen oder trauen sich aber nicht dieses Problem anzugehen: „Bei uns darf das Wort Verhütung in Schulbüchern nicht vorkommen, das Wort Kondom schon gar nicht“, das würde – so ist sich Matthew sicher – nämlich jedem Politiker die Wiederwahl kosten. In den USA wird Bildungspolitik in den einzelnen Bundesstaaten gemacht, da kann egal welcher Präsident wenig an dieser Situation etwas ändern.

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