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Amtszeit von Donald Trump „Die Kanzlerin hat gut gekontert“

Gefährdet Donald Trump das deutsch-amerikanische Verhältnis? Der scheidende US-Botschafter John Emerson spricht über die kommende Zusammenarbeit.

11.01.2017 17:52
Karl Doemens und Steven Geyer
John B. Emerson mit Ehefrau Kimberly Marteau: Das Paar wäre gern länger in Berlin geblieben. Foto: imago/Future Image

Nur noch bis zum 20. Januar ist John Emerson der höchstrangige Vertreter der USA in Deutschland, doch er trägt es mit Fassung. Der Kalifornier Emerson, 62, der erst seit dreieinhalb Jahren in Berlin ist, wäre gern länger geblieben, sagt er. Nun will er in die Wirtschaft wechseln, aber politisch aktiv bleiben – und kehrt mit Frau und Töchtern zurück in ein Land, das sich womöglich grundlegend ändert.

Herr Botschafter, in zwei Wochen endet Ihre Amtszeit in Berlin. In welcher Stimmung verlassen Sie Deutschland?
Es ist ein bittersüßes Gefühl. Das Schöne sind die Abschiedsbesuche überall im Land, die Essen mit Freunden. Traurig bin ich, weil es mir immer eine Ehre war, gerade in dieser Zeit hier zu sein. Aber Botschafterposten enden oft nicht, wann man es sich wünscht. Wir hatten fest eingeplant, noch ein halbes Jahr zu bleiben, wäre die Wahl anders ausgegangen. Nun kam es anders. Aber wir haben eine Wohnung in Charlottenburg gekauft und kommen privat wieder.

Wenn Sie am 20. Januar in Kalifornien landen, hat Donald Trump nur Stunden zuvor den Amtseid abgelegt. Fürchten Sie, in ein fremdes Land zurückzukehren?
Ich gebe zu: Ich habe Trumps Sieg nicht erwartet. Aber ich habe immer vorhergesagt, dass es sehr knapp wird. Unsere Gesellschaft ist schon lange stark polarisiert. Viele Amerikaner fühlen sich angesichts der schnellen Veränderung durch Globalisierung und Digitalisierung zurückgelassen. Sie finden, die Regierung tut nicht genug, um ihre Lage zu verbessern. Nun waren viele Wähler offenbar so frustriert, dass sie den Spieltisch einfach umwerfen und einen kompletten Außenseiter ins Weiße Haus bringen wollten.

Was hat Ihre Partei falsch gemacht?
Vor allem hat sie die Menschen vernachlässigt, die sich durch die ökonomischen, kulturellen und demografischen Veränderungen zurückgelassen fühlen. Das ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Protestwahlen gab es auch in Europa – denken Sie an den Brexit, an Syriza in Griechenland. Der Trend zu autoritären Regierungen in Polen, Ungarn, Österreich und der Türkei, auch die Stärke von Le Pen in Frankreich sind Ausdruck des gleichen Phänomens. Hinzu kommt der Einfluss von „Fake News“: Immer mehr Menschen beziehen ihre Informationen aus sozialen Netzwerken, wo sie nur Gleichgesinnten folgen und Nachrichten ausschnittartig erhalten. Es gibt Akteure – ob Russland oder andere ideologisch motivierte Kräfte –, die Meldungen erfinden und sie dort einspeisen. Und die Menschen beginnen, das für wahr zu halten.

Was kann man dagegen tun?
Man muss „Fake News“ schnell identifizieren und richtigstellen – auf demselben Kanal, damit die Nutzer es mitbekommen. Da hätten die Demokraten besser sein müssen.

In Deutschland gibt es eine lange Tradition des Anti-Amerikanismus. Doch die Kreise, in denen er am tiefsten verwurzelt ist, freuen sich nun über Trumps Wahlsieg. Freut oder irritiert Sie das?
Als ich nach Deutschland kam, hatte der Anti-Amerikanismus wegen des NSA-Skandals großen Zulauf. Ich glaube, die Menschen haben – auch wegen Barack Obamas Reformen – heute eine reifere und differenzierte Meinung zum Wert unserer Geheimdienst-Arbeit. Und es ist ja auch okay, mit einer bestimmten Politik der US-Regierung nicht einverstanden zu sein. Das sind auch viele Amerikaner nicht.

Kurios ist aber: In Deutschland bejubelt nicht nur der rechte Rand Trump wegen seiner Anti-Einwanderer- und Anti-Moslem-Sprüche. Auch ganz links, wo nie viel Sympathie für die USA herrschte, freut man sich über Trump – wegen des angekündigten Infrastrukturprogramms, der isolationistischen Politik, des Pro-Putin-Kurses.
Was die Linke angeht: Ich bin nicht sicher, dass sie in drei Jahren noch glücklich sind, sofern ihnen der Kampf gegen den Klimawandel oder das Atom-Abkommen mit dem Iran etwas bedeuten. Und was Russland angeht: Sicher haben Donald Trump und Wladimir Putin Freundlichkeiten ausgetauscht. Aber erst, wenn der Punkt kommt, an dem zwei so mächtige Männer nicht mehr übereinstimmen, sehen wir, ob die Beziehungen wirklich besser sind.

Gefährdet Trump das deutsch-amerikanische Verhältnis?
Auf der zwischenmenschlichen und der wirtschaftlichen Ebene sicher nicht. Einen Einschnitt könnte es in den Regierungsbeziehungen geben. Nimmt man ernst, was im Wahlkampf gesagt wurde, dürften sich die US-Positionen zum Klimaschutz, zu Sanktionen gegen Russland, zu Israels Siedlungspolitik stark ändern. Die Kooperation beim Kampf gegen den Terror wird weitergehen, bei vielen anderen Vorhaben wohl nicht.

Im Wahlkampf hat Trump die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel „geisteskrank“ genannt. Wie stellen Sie mit Ihrer diplomatischen Erfahrung sich die erste Begegnung der beiden vor?
Nun, hilfreich sind solche Kommentare sicher nicht. Die Kanzlerin hat gut gekontert und in ihren Glückwünschen betont, dass die Beziehungen auf gemeinsamen Werten basieren. Aber die beiden werden miteinander auskommen, weil sie müssen. Angela Merkel und Barack Obama hatten inhaltlich viele Gemeinsamkeiten, aber ihre Beziehung war anfangs auch nicht auf Rosen gebettet – heute ist es die engste, die Obama mit einem Regierungschef hat. Man weiß nie, wie es kommt.

Welche Rolle wird Berlin künftig für Sie persönlich spielen?
Meine Familie und ich haben hier dreieinhalb intensive Jahre verbracht. Wir haben viele Freundschaften geschlossen. Das wollen wir bewahren. Und in meiner ehrenamtlichen Arbeit möchte ich mich in einer transatlantischen Organisation engagieren, von denen viele in Berlin sitzen. Ich verschwinde also nicht. Aber ich werde auch nicht versuchen, meinem Nachfolger öffentlich reinzureden.

Was sind die jüngsten Gerüchte, wer das sein wird?
Ich hörte Arnold Schwarzenegger (lacht). Nein. Ich glaube, dass die Entscheidung erst ein, zwei Monate nach Amtsantritt fällt. Die Innenpolitik und die Wirtschaft haben jetzt Priorität.

Und was wollen Sie bei Ihren künftigen Besuchen in Berlin machen?
Dinge, die ich als Botschafter ohne großen Aufwand nie tun konnte: Spazierengehen, die Stadt mit der S-Bahn erkunden, Rad fahren. Wir lassen unsere Räder hier. Bei uns in Kalifornien ist es zu bergig. Ich freue mich darauf, in Berlin wie ein echter Berliner zu leben.

Interview: K. Doemens und S. Geyer

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