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Ukraine Russland Hungerspiele im Donbass

Russland hat die Maidan-Revolution aggressiv gekontert, der Westen versagt, die Ostukraine ist Schauplatz eines neuen Dauerkonflikts. Erst nach Monaten reagieren Washington und Brüssel auf die Ereignisse in der Ukraine.

Proteste vor dem Parlament in Kiew. Die Volksvertreter haben mit großer Mehrheit beschlossen, den Status der Ukraine als blockfreier Staat aufzugeben. Foto: AFP

Es war der 20. Februar. Peitschenhiebe hallten über den Maidan, Scharfschützen schossen Aufständische nieder, im Foyer des Hotels Ukraina wurde hastig ein Verbandsplatz eingerichtet. Straßenkämpfer schleppten immer neue Verletzte hinein, nach links, zu den wartenden Ärzten und Krankenschwestern. Die anderen, deren Gesichter der Tod schon gelb gefärbt hatte, trugen sie nach rechts, legten sie auf den Parkettboden. Aufständische, Sanitäter und Hotelpersonal kämpften gegen Tod und Entsetzen. In der Mitte des Saales aber stand eine Gruppe junger, westlicher Presseleute. Ihre faltenfreien Mienen waren frei von Schrecken. Sie betrachteten das Leiden und Sterben, als spiele es sich auf einem Bildschirm ab: Super, Leute! Ihr tut ja heute wirklich alles, um uns eine Supershow zu bieten!

Ein Großteil des westlichen Publikums hat das Drama auf dem Maidan mit Unverständnis verfolgt. Und auch das, was folgte: ukrainischer Umsturz in Kiew, russischer Anschluss der Krim, russischer Kleinkrieg im Donbass. Die freie Welt staunte, lamentierte, fällte Fehlentscheidungen, oder, noch schlimmer, gar keine.

Konsumenten der Moskauer Propaganda sind überzeugt, den Aufstand der Ukrainer gegen Viktor Janukowitsch hätte Amerika organisiert. Freischärler im Donbass empören sich wie Moskauer Parlamentarier oder Klempner aus Twer über die Auftritte von US-Politikern auf der Bühne des Maidans.

Es war ein Schock

Der Maidan aber hatte andere Sorgen. Seine Hauptlosung war „Banda get!“ („Raus mit der Bande!“) und meinte den korrupten Janukowitsch-Klan. Wären John McCain, Guido Westerwelle oder andere West-VIPs nicht auf dieser Bühne aufgetreten, das revoltierende Volk hätte es schlicht nicht bemerkt. Die USA überließen das Vermitteln den Europäern, die handelten Abkommen aus, an die sich niemand hielt. Und als die Russen nur Tage nach Janukowischs Sturz mit der militärischen Besetzung des Krim-Parlaments und der übrigen Halbinsel konterten, verschlief der Westen es schlicht.

Für die Ukrainer war es ein Schock, dass außer den aggressiven Russen auch die westlichen Atommächte USA und Großbritannien die 1994 in Budapest gegebene Garantie für die territoriale Unversehrtheit ihres Staatsgebietes glatt ignorierten. Das Stillhalten wiederbelebte alte Traumata auch in anderen russischen Nachbarstaaten.

Aus Sicht vieler Osteuropäer wäre die Entsendung von Nato-Truppen nach Donezk, Lugansk und Charkow die passende Antwort auf die Krim gewesen. Müßig zu diskutieren, ob der Kreml dann den Dritten Weltkrieg riskiert hätte. Oder ob die mehr als 4000 Menschen, die nach dem Eindringen der ersten russischen Stoßtrupps im Donbass ums Leben kamen, jetzt noch lebten. Der Westen tat nichts, ihm fehlten die Nerven für diese Konfrontation.

Erst nach Monaten des Zauderns reagierten Washington und Brüssel mit Visabeschränkungen für Putin-Kumpel und Kreditstopps für russische Staatsbanken. Der Westen hat versagt, obwohl seine Sanktionen schließlich doch wirkten, vor allem weil die Bankkaufleute in London und New York noch ängstlicher alle Geldgeschäfte mit Russland kappten. Aber als das anfing, der russischen Wirtschaft weh zu tun, war es für die Ostukraine zu spät.

Und so rühmen nicht nur russische Medien Wladimir Putin als mächtigsten Mann des Jahres. Die Kriegsmacht Russland hat sich mit dem als Aufstand getarnten Angriff auf die Ostukraine zurück in die Weltspitze geschossen. Technisch kann ihr Arsenal nur bedingt mit der Nato konkurrieren, aber im Gegensatz zu ihr ist Putin bereit, es einzusetzen.

Die vaterländische Presse jubelt, das Volk stehe zu 82 Prozent hinter Putin, die Opposition ist in „fünfte Kolonne“ umgetauft worden. Russland ist im Kalten Krieg. Nur geht es dort weder vor noch zurück. Rubel- und Rohstoffkrise nötigen plötzlich zur Zurückhaltung, neue westliche Sanktionen kämen jetzt sehr ungelegen. Andererseits verbietet es Putins eigene Rhetorik, das Donbass der „faschistischen Kiewer Junta“ preiszugeben. Moskau schleust weiter Soldaten und Waffen in die Rebellengebiete, feuert die Kämpfenden propagandistisch an.

Man einigt sich auf immer neue Feuerpausen, bekriegt sich aber eifrig weiter. Das Donbass ist zum Schlachtfeld des hybriden Krieges geworden, bereist von russischen Promis, die aus den Schützengräben der Rebellen auf die Ukrainer schießen. Die ihrerseits beharken auch Wohngebiete mit schwerer Artillerie, zahlen in der Region keine Renten und Gehälter mehr, die Wirtschaft kollabiert.

Im Donbass finden ganz neue Hungerspiele statt, alle spielen Foul, nach Regeln, die Russland diktiert: Ihr dürft immer weiter kämpfen und bluten, weil dieses Spektakel uns nicht viel kostet, unserem Führer aber die Treue der Nation verschafft.

Das russische Fernsehen präsentiert heldenhafte Rebellen, denen man natürlich Waffenhilfe leisten muss, die man aber aus ärgerlichen geopolitischen Gründen nicht mit einer Großoffensive zum Sieg tragen kann.

Der Westen aber sieht wie bei anderen Endloskonflikten nur noch ab und zu hin, ignoriert auch die parlamentarischen Versuche der Ukraine, sich in die Europäische Union und in die Nato zu retten. Das Donbass liegt ihm so fern wie Syrien oder Afghanistan.

Am 20. Februar, nach dem Blutbad auf dem Maidan, habe ich nur einen Journalisten weinen gesehen. Einen russischen Kriegsreporter, der beide Tschetschenienfeldzüge mitgemacht hatte. Er war einer der wenigen, der wohl gefühlt hat, dass die Schießerei nicht das letzte große Blutvergießen einer siegreichen Revolution sein würde, sondern das erste große Blutvergießen eines ganz neuen Krieges.

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