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Ukraine-Krise „In zwei Tagen in Warschau“

Putins neue Drohungen gegenüber Osteuropa geben Rätsel auf. Ein Telefonat zwischen dem russischen Präsidenten Putin und dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko wird öffentlich.

Vladimir Putin, Altmeister der Diplomatie. Foto: REUTERS

Ein Raunen geht durch Europa, Russlands Staatsmedien aber schweigen. Am Donnerstag veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ Auszüge des Protokolls eines Gesprächs zwischen EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und dem ukrainischen Präsidenten Pjotr Poroschenko. Unter anderem ein Zitat Poroschenkos über ein Telefonat mit Wladimir Putin, bei dem Putin wörtlich gesagt habe: „Wenn ich wollte, könnten russische Truppen in zwei Tagen nicht nur in Kiew, sondern auch in Riga, Vilnius, Tallinn, Warschau oder Bukarest sein.“

Eine frontale militärische Drohung an fünf osteuropäische Nato-Mitglieder. Der Kreml äußerte sich zunächst nicht, Putins treue Kommentatoren dementierten. Der Präsident sei viel zu vorsichtig, um so etwas zu sagen, versichert der Politologe Alexei Muchin der FR. „Poroschenko versucht, mit solchen Zitaten möglichst viele europäische Führer an die Ukraine zu binden.“ Allerdings veröffentlichte im September die italienische Zeitung „La Republica“ einen sehr wortnahen Spruch Putins gegenüber Barroso: Wenn Putin wolle, sei er in zwei Tagen in Kiew. Damals bestätigte der Kreml indirekt: Putins Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen.

Mehrere Nationalideen ausprobiert

Viele Russen halten auch den angedrohten Einmarsch ins Baltikum, nach Polen und Rumänien für einen „echten Putin“. Seit Monaten klopfen Russlands Hurra-Patrioten die gleichen Sprüche, privat wie auf den Bildschirmen. Putin selbst erfreute noch als Premier 1999 den Stammtisch mit Parolen wie „Im Klo abmurksen“, jetzt trägt sein Fußvolk T-Shirts mit aufgedruckter Kalaschnikow und den Worten: „Russian Argument“. Der für seine große Klappe bekannte Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski erklärte, im Kriegsfall werde die russische Luftwaffe Polen mit Bombenteppichen vernichten.

Putins Regime hat mehrere Nationalideen ausprobiert, wollte Russland zum Rohstoffimperium und zur Sportsupermacht machen; das neueste Projekt ist die Armee, statt Olympiamedaillen bemüht man jetzt militärische Erfolgserlebnisse. „Putin hält die Ereignisse im Donbass für seinen Sieg. Er denkt, der Westen fürchte den Krieg, er selbst aber nicht, das will er ausnutzen“, sagt der Publizist und Putin-Kritiker Stanislaw Belkowski. Er glaubt, Putin wolle mit seinen Worten beim Verhandlungspoker bluffen, sein Ziel sei die offizielle Anerkennung Russlands als Weltmacht.

Währenddessen gehen im Donbass trotz aller Waffenstillstandsabkommen die Kämpfe weiter. Es wird spekuliert, ob Putin sich mit der Schaffung der Separatistenenklave als kriegerischem Geschwür innerhalb der Ukraine zufriedengibt oder einen neuen hybriden Feldzug auf Odessa plant. „Die Besonderheit dieses Krieges ist, dass ein klar formuliertes Ziel fehlt“, sagt Putins Ex-Berater Andrei Illarionow. Und es stellt sich die Frage, ob die militärische Konfrontation mit der Ukraine für Putin noch Mittel zu einem bestimmten Zweck ist oder das Debüt eines großen, riskanten Spiels.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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