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Interview zu Ukraine-Konflikt „Wir sind immer die Guten“

Der bekennende Putinversteher Mathias Bröckers spricht im FR-Interview über die Krise in der Ukraine und den "zynischen Westen", der nach seiner Ansicht aus geostrategischen Gründen in der Ukraine mitmischt.

27.08.2014 15:02
Für Russlands Gas- und Ölpipelines sei der Zugang zum Schwarzen Meer essentiell, sagt Autor Mathias Bröckers. Foto: rtr

Herr Bröckers, Egon Bahr hat jüngst vor Schülern gesagt: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht immer um die Interessen von Staaten.“ Sie zitieren Bahr in Ihrem Buch „Wir sind die Guten“ und sagen, dass „der Westen“ aus geostrategischen Gründen in der Ukraine mitmischt. Das könnte auch russische Propaganda sein.
Aber nur, wenn man alles, was nicht den  Verlautbarungen des Pentagon und der Nato entspricht, als Feindpropaganda bezeichnet. Denn natürlich hat der Westen – USA/EU/Nato – sehr handfeste Interessen in der Ukraine. Es geht um die Konfrontation und Kontrolle Russlands, das über ein Drittel der globalen Rohstoffreserven verfügt.

Welche Argumente haben Sie für Ihre These?
Zbigniew Brzezinski, der Doyen der US-Geopolitik und Berater Obamas, hat das ganz klar gemacht: Die Kontrolle der Energiereserven Zentralasiens und Russlands ist unabdingbar, wenn die USA als einzige Supermacht ihre Doktrin der globalen „Full Spectrum Dominance“ durchsetzen wollen. Deshalb will die Nato unbedingt ihre Raketen vor der russischen Haustür aufstellen. Und deshalb wollen die USA die mit Bulgarien, Ungarn, Serbien Österreich und Italien vertraglich vereinbarte russische „South Stream Pipeline“ durchs Schwarze Meer verhindern, die zwar für die europäische Energieversorgung absolut sinnvoll ist, aber nicht im geopolitischen Interesse der USA. Die wollen uns jetzt ihr mit Fracking gewonnenes Erdgas verkaufen und nach Hamburg schippern. Und Nato-Sprecher Rasmussen assistiert diesem Irrsinn mit der Verschwörungstheorie, die Kritik am Fracking durch Greenpeace und andere sei von Moskau gesteuert.

2012 sagte der damalige Bundespräsident Horst Köhler, für freie Handelswege müsste notfalls auch militärischer Einsatz notwendig sein. Dass Staaten geostrategische Interessen haben, ist nicht neu. Und das gilt doch auch für Russland, oder?
Natürlich. Aber die liegen nicht in der Eroberung der Ukraine. Den Vertrag über die Präsenz auf der Krim hatten die Russen 2013 mit der Regierung Janukowitsch gegen die Proteste der Opposition über 30 Jahre verlängert – das Schwarze Meer ist für Russlands Gas- und Ölpipelines und als Marinezugang zum Mittelmeer essenziell. Dass, nachdem sich die Opposition an die Macht geputscht hatte, aus deren Kreisen zu einem „Marsch auf die Krim“ aufgerufen wurde, konnte Russland nicht hinnehmen. Mit einer halbwegs verlässlichen Regierung in Kiew wären das Referendum und der Anschluss nicht nötig gewesen. Russland liefert 80 Prozent seiner Öl-, und Gasverkäufe in den Westen durch die Ukraine und hat deshalb grundsätzlich großes Interesse an guten Beziehungen mit dem Nachbarn, nicht aber an Landnahmen.

Und warum nun das Buch? Und vor allem der Titel: „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“?
Wir, der Westen, sind immer die Guten, weil wir Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf unsere Fahnen schreiben, wenn wir Krieg führen. Wir sind auch immer unschuldig, wenn wir dabei Länder besetzen, Städte zerstören, Zivilisten ermorden, Menschen foltern usw. – das sind „Kollateralschäden“, die wir zwar anrichten aber nicht beabsichtigen. Das tun nur die Bösen, Leute wie Putin, die nur aus reiner Machtgier handeln, wenn sie etwa Zivilflugzeuge vom Himmel holen, ohne einen Schuss abzugeben, aber es ist klar dass sie es waren. Weil sie die Bösen sind. Dem Publikum einen solchen Schwarz-Weiß-Film, ein „Blame Game“ auf Kindergartenniveau vorzuführen und es als Realität zu verkaufen, das ist die grundlegende Manipulation, der wir derzeit durch die Medien ausgesetzt sind. Und die auch dafür sorgt, dass die Suche nach einem etwas differenzierteren Verständnis denunziert und Russland-, oder Putinversteher zum Schimpfwort wird. Wo jedoch nicht mehr analysiert werden darf, da herrscht Ideologie, wo Verstehen verboten wird, regieren Glaubensbekenntnisse. Da mache ich nicht mit und bin deshalb bekennender „Putinversteher“.

Verstehen und Analysen sind wichtig, aber wenn man Sie so reden hört: Kann es sein, dass Sie einen zynischen Blick auf die Verhältnisse haben?
Nein, das ist ein realistischer Blick – zynisch hingegen ist es, wenn weltweit das Foto dieses Mannes durch die Medien geht, der auf dem Trümmerfeld der MH-17 einen Plüschhasen hochhält, mit Kommentaren über diese barbarischen, leichenschänderischen „Separatisten“ und unterschlagen wird, dass dieser Mann, wie auf dem Video zu sehen, den Hasen zurücklegt, seine Mütze abnimmt und sich sichtlich betroffen bekreuzigt. Zynisch ist, dass niemand von der Regierung Kiew Ermittlungen fordert für den Massenmord auf dem Maidan und das Massaker in Odessa und über die wahren Absturzursachen der MH-17 und ein sofortiges Ende des Bombardements der eigenen Bevölkerung – und dies alles in einer grotesken Empörungswelle einem Megaschurken – „Osama Bin Putin“ – zugeschoben wird.

Interview: Marcus Klöckner

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