Lade Inhalte...

Terrain des Terrors

Der Jordanier Abu Mussab Sarkawi gilt als strategischer Planer der Anschläge in Irak

03.08.2004 00:08
ANDREA NÜSSE (AMMAN)
Iraqi insurgent holds up a poster advertising a reward for information leading to the capture of al-Qaeda ally Abu Musab al-Zarqawi
Vorbild junger Kämpfer - Abu Mussab Sarkawi, abgebildet auf einem Poster. Foto: rtr

Das zielt wohl auf Grundsätzliches. Für Kurienkardinal Roger Etchegaray gibt es keine Zweifel. Bislang sei das Verhältnis zwischen Muslimen und der christlichen Minderheit "stets sehr gut gewesen". Fortan aber, setzt der Geistliche hinzu, müsse man sich darum offensichtlich Sorgen machen. Nach dem vergangenen Wochenende. Nach den Attacken von Selbstmordattentätern auf sechs christliche Kirchen in Bagdad und Mosul. Sie zielten darauf, davon ist auch der nationale Sicherheitsberater Mowaffak al Rubaie in Irak überzeugt, die Christen aus dem Land zu vertreiben. Das passe in die Strategie von Abu Mussab Sarkawi. Also sei er sicher - für die jüngsten Anschläge während der Messen am Sonntag abend ist Sarkawi verantwortlich. Wie für viele andere Anschläge in Irak auch. Washington verweist ebenfalls stets auf diesen Mann, wenn es um Gewalt in Irak geht.

Abu Mussab Sarkawi stammt aus Jordanien. Genauer gesagt aus dem Norden des Landes, aus der Stadt Zarqa. Ein Großteil der dortigen lebenden Menschen ist palästinensischer Herkunft. Sarkawi selbst hat transjordanische Wurzeln, er kommt aus einfachen Verhältnissen und seine Familie, in die er vor 38 Jahren geboren wurde, gehört zum Stamm der Bani Hassan. Die sozial zerklüftete Stadt Zarqa ist eine Hochburg von moderaten Islamisten. Sie gehörte zu den ersten Kommunen Jordaniens, die einen islamistischen Bürgermeister hatten. Sarkawi erwies sich zunächst als für deren Botschaft wenig empfänglich. Das sagen zumindest Menschen, die sein Umfeld kennen. Er brach die Schule ab und arbeitete zunächst als Kartenabreißer in dem schäbig wirkenden Kino "Hamra". Seine Schwester betrieb in Amman theologische Studien, verkehrte in islamistischen Zirkeln und soll ihn an die Religion heran geführt haben. Eine Freundin, die Sarkawi offenbar später geheiratet hat, habe sich der Aufgabe angenommen, den jungen Mann von seinem unsteten Lebenswandel abzubringen.

Ende der 80er Jahren ging Sarkawi nach Afghanistan, um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen. Wie etliche tausend Jordanier auch. In Afghanistan erhielt er eine militärische Ausbildung. 1991 kehrte er nach Jordanien zurück und verbrachte nach Angaben seiner kürzlich verstorbenen Mutter täglich Stunden mit der Lektüre des Korans. Die dortigen Sicherheitsbehörden beschatteten ihn wie viele Afghanistan-Rückkehrer auch. Er kam ins Gefängnis und wurde erst 1999 entlassen. Über Pakistan reiste er nach Afghanistan, wo er Kontakte mit dem Terrornetzwerk Al Qaeda knüpfte. In der Nähe von Herat baute der Experte für Sprengstoff und Fachmann für biologische wie chemische Waffen ein eigenes Trainingslager auf.

Während der Invasion des US-Militärs wurde Sarkawi nach Angaben von westlichen Sicherheitsdiensten Ende 2001 schwer am Bein verletzt und floh nach Teheran. Monate später schoben ihn die iranischen Behörden ab. Er ging nach Bagdad. Dort amputierte man ihm das verletzte Bein. Ob die iranischen und irakischen Behörden ihm wissentlich Zuflucht gewährten, ist unklar. Bei den radikalen kurdischen Islamisten von Ansar al Islam, die außerhalb des von Saddam Hussein beherrschten Staatsgebiets im Norden der Kurden-Enklave operierten, fand er Zuflucht.

Als die Welt noch nie seinen Namen gehört hatte, suchten jordanische Behörden Sarkawi bereits wegen geplanter Anschläge zu den Milleniumsfeiern im Jahr 2000. Attacken auf das SAS Radisson in Amman ebenso wie auf Pilgerstätten konnten wohl vereitelt werden. Zwei Jahre später erregte die Ermordung des US-Diplomaten Lawrence Foley in Amman Aufsehen, für dessen Planung die Ermittler Sarkawi verantwortlich machten. Im April 2004 verurteilte ein Gericht ihn in Abwesenheit zum Tode.

Über die arabische Welt hinaus bekannt machte ihn Colin Powell. Der US-amerikanische Außenminister trat am 5. Februar vergangenen Jahres vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und führte Sarkawis Präsenz in Irak als Beleg dafür an, dass es zwischen dem Regime in Bagdad und der Terrororganisation Al Qaeda eine Verbindung gebe.

In Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien ermitteln Strafverfolger gegen Sarkawi, weil er sich an der Planung von Anschlägen beteiligt haben soll. In Jordanien wird er für den im April vereitelten Anschlag auf das Hauptquartier des Geheimdienstes verantwortlich gemacht, bei dem nach Angaben des jordanischen Regimes auch chemische Waffen hätten eingesetzt werden sollen.

Der Jordanier ist zwar kein Mitglied der Führung von Al Qaeda, er teilt aber die Weltsicht und Ideologie von Osama bin Laden, dem Chef des Netzwerks. Sarkawi gilt als Bindeglied zwischen verschiedenen Terrorgruppen: Al Qaeda in Afghanistan, Ansar al-Islam in Irak, Jund al-Shams in Syrien und Jordanien sowie al Tawid in Deutschland. Er gehört zu denen, die für eine Globalisierung des terroristischen Kampfes werben. Sicherheitsdienste gehen davon aus, dass man mittlerweile 116 Mitglieder von Sarkawis losem Netzwerk in verschiedenen europäischen und arabischen Ländern festnehmen konnte. Die Verknüpfung einst disparater radikal-islamistischer Gruppen scheint Sarkawi durchaus gelungen zu sein.

Es gibt nur wenige Dokumente, die über seine ideologische Orientierung Aufschluss geben könnten. An seiner Weltsicht eines radikalen Islamisten gibt es keinen Zweifel. Zu deren intellektuellen Vordenkern gehört der ägyptische Moslembruder, Sayyed Qutb. Der hatte eine Theorie entwickelt, nach der muslimische Herrscher, die in den Augen von Gläubigen nicht den wahren Islam vertreten, als "Ungläubige" bekämpft und gestürzt werden müssen. Orientiert an dieser Abkehr von islamischen Traditionen, kämpften Osama bin Laden und Sarkawi zunächst gegen die Regime in ihrer Heimat, in Saudi-Arabien und Jordanien. Al Qaeda hat diesen Kampf internationalisiert und den Westen in diese Auseinandersetzung einbezogen, insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika ausgeweitet. Den USA halten die Terroristen vor allem vor, dekadent zu sein und das verhasste Israel nach Kräften zu unterstützen.

Sarkawi scheint nach dem Einmarsch des US-Militärs Irak als ideales Terrain für diese Auseinandersetzungen zu betrachten. Er stellt eine Verbindung zwischen dem nationalen Widerstand gegen die Besatzung und dem internationalen Kampf gegen den Westen her. Sollte das Dokument, das die US-Armee Anfang des Jahres in Bagdad gefunden und dann Sarkawi zugeschrieben hat, wirklich authentisch ist, dann ist er es, der die Bruderorganisation A Qaeda immer wieder dazu auffordert, sich stärker in Irak zu engagieren. Sein Ziel ist eine Niederlage der USA bei ihrem Versuch, ein willfähriges Regime in der arabischen Welt zu schaffen. Um dieser Vorgabe näherzukommen, so zumindest sieht es das Dokument vor, ist es sogar legitim, einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu provozieren. Und unter der christlichen Minderheit Unsicherheit zu verbreiten.

Dossier: Irak nach dem KriegDas Netzwerk Al Qaeda im Dossier Terror gegen den Westen

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen