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"Sie sagen, ich bin ein antisemitischer Jude"

Der israelische Schriftsteller Etgar Keret über Besserwisser im Nahost-Konflikt, Neonazis in Budapest und sein Leben mit dem Terror

25.10.2003 00:10

Herr Keret, Sie fordern, Deutschland solle eine Vermittlerrolle im Nahostkonflikt übernehmen. Ist das nicht kühn?

Nein, ich finde Deutschland ist das gesündeste Land in der westlichen Welt.

Gesund?

Die deutsche Politik ist sehr einfühlsam. Und das ist besonders nötig in einem Konflikt wie dem zwischen Israelis und Palästinensern, wo beide Seiten ständig in der Defensive sind. Wo beide jede Sekunde denken: Die ganze Welt ist gegen uns. Die meisten anderen einflussreichen Länder, die als Vermittler in Frage kommen, wären aus geschichtlichen Gründen automatisch entweder auf Seiten Israels oder auf Seiten der Palästinenser. Die Amerikaner zum Beispiel pro Israel, die Franzosen ganz auf Seiten der Araber. Nur Deutschland ist nicht festgelegt. Wobei natürlich auch die Deutschen Probleme mit ihren Schuldgefühlen haben. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Europäische Union aktiver wäre, dass sie härter auftreten würde.

Aber welches Druckmittel hätten die Europäer denn in der Hand?

Seien wir doch ehrlich: Weder Israel noch die Palästinenser leben von ihrem eigenen Geld. Beide sind extrem abhängig vom Geld aus Europa und den USA. Stellen Sie sich mal vor, die Europäer würden den Import von Produkten verbieten, die aus den besetzten Gebieten stammen. Das wäre eine starke und gefühlsmäßig überzeugende Aussage, besser als das meiste politische Geschwätz. Wenn gleichzeitig jeder Hamas-Führer in allen europäischen Ländern eine Persona non grata wäre, wenn es diesen Organisationen unmöglich wäre, dort Geld einzusammeln, das wären hilfreiche Botschaften. Das würde heißen: Wir sind nicht gegen Israel, aber wir verurteilen die Hardliner. Wir sind nicht gegen die Palästinenser, aber wir entziehen dem Terrorismus jede Rückendeckung.

Sie haben Ihre Großeltern im Holocaust verloren. Könnten die Israelis deutschen Vermittlern vertrauen?

Mir ist es wichtig, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Viele aus meiner Familie haben den Holocaust nicht überlebt, ich habe deshalb nur wenige Verwandte. Aber wenn ich die aktuelle Lage in Deutschland sehe, nehmen Sie den Antisemitismus in Österreich oder der Schweiz, dann muss ich sagen: Deutschland ist sehr liberal.

Umfragen belegen: Der Antisemitismus ist in Deutschland keineswegs verschwunden.

Mein Bruder hat einmal einen sehr trickreichen Antisemitismus-Detektor entwickelt: Beim Grand Prix d'Eurovision achtete er darauf, wie viele Stimmen die Deutschen dem Sänger aus Israel gaben. Null Punkte: klar, sie waren Antisemiten. Zwölf Punkte: klar, auch Antisemiten.

Das ist die klassische No-win-Situation.

Das klingt lächerlich, aber ist ernst: Jede Kritik an Israel wird von uns leicht als Ausfluss von Antisemitismus abgebucht. Ich habe diese verzweifelte Lage der Deutschen einmal in einem Sketch für das israelische Fernsehen dargestellt: ein Laufwettkampf, die israelischen Läufer verlangen, dass sie zehn Meter weniger laufen müssen als die anderen. Der deutsche Läufer beschwert sich. Da greifen sie ihn an: "Aha, ihr seid dieselben Technokraten geblieben." Und weiter: "Weißt du nichts vom Holocaust? Hast du nicht Schindlers Liste gesehen?" Am Ende stimmt der Deutsche zu: "Okay, zehn Meter." Erst dann klopfen sie ihm auf die Schulter: "Du bist der größte Freund der Juden." Die Juden haben die Position des ultimativen Opfers, eines Volkes, das mehr gelitten hat als alle anderen auf der Welt.

Aber das stimmt doch auch.

Ja, es stimmt. Aber das macht es nicht einfacher. Wenn du dafür in einer Position steckst, in der alle Welt entweder ganz mit dir übereinstimmen muss, oder dich hassen muss, dann kannst du das Leiden der anderen auf einmal nicht mehr verstehen. Weil du ja weißt: Ich habe mehr gelitten als alle. Das macht unempfindlich für den Schmerz der anderen. Das ist so, als ob einer, der sein Bein verloren hat mit einem ohne Arm diskutiert, wer mehr gelitten hat. Denn darin liegt die Ironie der Geschichte: dass die Palästinenser den Israelis die Opferrolle streitig machen. Beide wollen immer Opfer sein, keiner will das Leiden des anderen verstehen. Und diese Rolle hat auch noch einen anderen Nachteil: Du kannst auch einen neutralen Blick nicht mehr verkraften. Die israelischen Politiker hassen zum Beispiel die BBC so sehr, dass sie nicht mal Interviews geben wollen. Palästinensische Intellektuelle sagen dagegen sehr gern, dass die BBC von jüdischem Geld gesponsert sei. Wie kann das sein? Wie kann einer gleichzeitig anti-israelisch und anti-palästinensisch sein? Ganz einfach: Beide glauben ja auch am liebsten, dass die ganze Welt gegen sie ist.

Wie schaffen Sie es, zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel zu unterscheiden?

Ich achte darauf, ob die Kritik legitim und begründet ist. Selbst wenn ich anderer Meinung bin. Und da stoßen Sie schon auf die absurdesten Meinungen. Einmal las ich in Frankreich im Nouvel Observateur folgende haarsträubende Geschichte: Die israelische Armee habe eine Einheit, die darauf spezialisiert sei, palästinensische Frauen zu schwängern - mit dem Ziel, dass die Frauen und die Kinder von ihrer eigenen Familie umgebracht werden müssten. So was berichtet eine seriöse Tageszeitung. In diesem Fall könnte ich tatsächlich sagen: Das ist Antisemitismus. Ich könnte aber auch sagen: Hier sind Ex-Kolonialisten voller Schuldgefühle am Werk, die sich noch immer am liebsten selbst bemitleiden. Es kommt auf den Kontext an.

Der franco-tunesische Philosoph Abdelwahab Meddeb hat "die Krankheit des Islam" analysiert. Seine Diagnose: Die arabische Welt hat einen aggressiv gewordenen Minderwertigkeitskomplex, der sich aus dem Verfall alter Größe speist. Meddeb empfiehlt den Arabern radikale Selbstkritik. Heißt das nicht auch, dass der Westen seine Selbstkritik übertreibt?

Ich glaube auch, dass zu viele Intellektuelle die alleinige Schuld bei der westlichen Welt suchen. Für mich ist das ein postkolonialer Diskurs, ein Dialog der Schuldzuweisungen. Das macht mich ganz krank.

Aber ist an der These, dass die Palästinenser unter Neid und Minderwertigkeitsgefühlen leiden, nichts dran?

Es ist etwas dran und klingt trotzdem sehr holzschnittartig. Wenn Sie sagen, die Palästinenser sind eifersüchtig auf die jüdische Kultur, die technischen Errungenschaften, die Wirtschaftskraft, dann beurteilen Sie die Araber nach den eigenen Maßstäben. Du sagst: "Oh, wie kann es sein, dass sie gar nicht so sein wollen wie wir?" Das ist Bevormundung. Aber die europäischen Linken sind genauso bescheuert, wenn sie sagen: Wir verstehen die Selbstmord-Attentäter, denn das palästinensische Volk hat so sehr gelitten. Auch dieser scheinbar liberale Standpunkt entmenschlicht die Palästinenser: Man spricht ihnen damit ja jede Verantwortung ab. Dahinter steckt für mich das Schuldgefühl der früheren kolonialen Machthaber, die nun denken: Wir können die Leute, die wir früher misshandelt haben, nun nicht so hart kritisieren. So ähnlich verhalten sich manche Deutsche gegenüber Israel: Weil es den Holocaust gegeben hat, dürfen wir das und das nicht mehr sagen. Das ist nicht rücksichtsvoll, sondern wieder eine Diskriminierung: Denn keiner spricht über die Situation, über die Realität. Wer sich für die Realität mehr interessiert als für seine eigenen Schuldgefühle, kann zum Beispiel bei den Selbstmord-Attentätern sehr leicht sehen, dass da nicht Leute aus Verzweiflung und Ausweglosigkeit zuschlagen, sondern dass dahinter ein Wertesystem steht, das mit sozialem Druck durchgesetzt wird. So wie sich Leute demütigen lassen, um berühmt zu werden, so gibt es dazu die Übereinstimmung in der fundamentalistischen Gesellschaft. Und jedes Mal wenn ich etwas in dieser Richtung sage, werde ich sofort von den so genannten Liberalen plattgemacht. Sie sagen dann: "Wie kannst du es wagen, so zu sprechen."

Und? Wie können Sie?

Ich habe so viele palästinensische Freunde. Ich darf das.

Wenn Sie im Ausland zum Nahost-Konflikt befragt werden, was sind die schlimmsten Klischees, die Sie sich anhören müssen?

Am erstaunlichsten finde ich die Leichtigkeit, mit der Urteile abgegeben werden. Ich lebe in Israel seit meiner Geburt - und ich denke nicht, dass ich die Situation wirklich verstehe. Vor kurzem rief mich ein Redakteur der großen italienischen Tageszeitung Corriere della sera an. Er sagte: "Die Leute sind hier in Italien sehr interessiert am Nahost-Konflikt. Wir hätten gerne von Ihnen einen Artikel, der erklärt, wie der Streit begann, was heute passiert und wie der Konflikt gelöst werden kann." "Ein fetter Auftrag", habe ich gesagt. "Nein, nein, bitte, das Stück sollte nicht länger als 500 Worte sein", meinte er. "Das ist unmöglich", habe ich gesagt. Da hat er sich entschuldigt und gesagt: "Also gut, 600 Worte."

Und?

Ich habe die 600 Worte geschrieben, aber auf eine eher zynische Art. Ich verfasste drei Kurzmonologe. Es reden ein palästinensischer Freund von mir, mein israelischer Nachbar, der seinen Bruder bei einem Selbstmord-Attentat verloren hat, und meine Mutter als Holocaust-Überlebende: Sie alle sagen dasselbe. "Keiner versteht, wie sehr ich leide." In einem kleinen Text zum Schluss schrieb ich: Die drei verbindet nicht viel, aber das Einzige, was sie gemeinsam haben, kann ich verstehen: Sie alle leiden. Der Redakteur rief an und sagte: "Tolles Stück, wir haben es heute auf der Titelseite gedruckt. Aber wir haben Ihren Abspann weggekürzt, weil wir dachten, dass unsere Leser sich dann schlecht fühlen. Wissen Sie", sagte er, "wir Europäer sehen diesen Nahost-Konflikt ein bisschen anders."

Ist Ihre Fernseh-Satire auch so abgemildert worden?

Die Aufregung war so groß, dass sich sogar das israelische Parlament mit meinem Sketch beschäftigt hat. Besonders empört waren jene Israelis, die sogar zu Clinton gegangen wären, um ihn zu bitten, auf einer Bar Mizwa-Feier Saxophon zu spielen. Und wenn er Nein gesagt hätte, hätten sie gezetert: "Für die Schwarzen in den USA würden Sie das tun, aber die Juden lassen Sie immer warten. Das jüdische Volk muss immer warten, schon seit 2000 Jahren." Das ist so ein Mechanismus, der greift sogar, wenn diese Leute irgendwo in einer Schlange anstehen müssen. "Wir wollen nicht mehr warten, das jüdische Volk hat lange genug gewartet." Und dann drängeln sie sich vor. Aber mir kommt es nicht auf die Provokation an. Diesen Sketch habe ich zuerst meinen Eltern gezeigt. Sie sind als Holocaust-Überlebende sehr empfindlich, und sie sahen daran nichts Bedenkliches. Aber all die anderen, die auch ein ritualisiertes Gedenken an den Holocaust betreiben, sagen, ich bin ein antisemitischer Jude.

Warum wollen Sie kein Provokateur sein - und enden doch darin, dass Sie alle provozieren?

Das ist ein ernstes Problem in Israel. Überall nur Heilige Kühe, alles ist so voller Denkschablonen, dass du nichts anderes tun kannst, als dich darüber lustig zu machen. Aber sobald du eine Wahrheit aussprichst, die keinem der üblichen Klischees entspricht, ist es so, als ob du durch ein Minenfeld gehst.

Damit scheinen Sie sich ja auszukennen.

Ja. Das ist mein Problem, denn ich bin wirklich ein strikter Gegner von Provokation. Es ist unhöflich. Und ich bin halt ein höflicher Mensch. Aber ich kritisiere gern. Es gibt zum Beispiel viel daran zu kritisieren, wie man in Israel mit dem Gedenken an den Holocaust umgeht. Das ist die Geschichte meiner Eltern, meiner Großeltern, und ich finde es legitim, wenn ich dazu etwas zu sagen habe. Wenn es mich stört, wie in den Schulen über den Holocaust gesprochen wird, wie sie Ausflüge nach Auschwitz organisieren und jetzt sogar erwägen, dort die israelische Fahne zu hissen. Ich denke sogar, dass der Holocaust eine Ursache für das israelische Schutzbedürfnis, für eine Art Grabenmentalität ist. In der Armee reden sie über nichts anderes als den Holocaust. Jeden Konflikt beginnen sie mit dem Satz: Es darf keinen zweiten Holocaust geben. Diese Überzeugung ist das Herzstück der israelischen Armee.

Was ist daran falsch?

Falsch wird es, wenn die Erinnerung an den Holocaust benutzt wird, um eigene pragmatische Ziele zu rechtfertigen. Und diese Fixierung hat noch andere Konsequenzen. Das israelische Erziehungssystem interessiert sich nur für das Sterben der europäischen Juden. Wie sie lebten, will keiner wissen. Weil die Gründung des Staates Israel gesehen wird als eine Art Wiedergeburt des jüdischen Volkes, muss als Wurzel der Wiedergeburt das Sterben thematisiert werden. Dabei gibt es eine starke und aggressive Spannung zwischen der israelischen Identität und einer jüdischen Diaspora-Identität. Amerikanisch-jüdische Autoren wie Philip Roth verkaufen in Portugal mehr Bücher als in Israel.

Können Sie diese doppelte Identität näher beschreiben?

Die israelische Identität verleugnet die jüdische. Sie finden in Tel Aviv zum Beispiel mehr Sushi-Bars als koschere Restaurants. Das Jüdische klingt für Israelis nach Schtetl, nach Kleinstadt oder sie denken dabei an den Muselmann in Auschwitz. Sie denken aber nicht an die große jüdische Kultur und Philosophie, die Europa so sehr beeinflusst hat. Wenn Sie andererseits jemandem aus der Diaspora erklären würden, dass ein General, ein Bauer, einer, der kaum ein Buch in seinem Leben gelesen hat, nun der Oberste in Israel ist, sie würden es nie glauben. Juden haben niemals Land besessen, sie haben nie gekämpft. Es gibt so viele Dinge, die ich an der jüdischen Identität liebe, die in der israelischen verloren sind.

Was macht für Sie jüdische Identität aus?

Man braucht dafür nicht Hevenu Shalom Malechem zu singen oder Martin Buber zu lesen, es gibt etwas sehr Einzigartiges im jüdischen Schicksal und in der jüdischen Geschichte: Es geht immer um Kritik. Wenn du den Talmud liest, dann studierst du ihn argumentierend, wenn du das Alte Testament liest, stellst du fest, Moses, Jonas, sie streiten immer mit Gott: "Warum sagst du das? Sag das nicht." Die christlichen Helden, die Märtyrer, die Heiligen, sind immer so unterwürfig und leiden möglichst viel. Das jüdische System ist viel skeptischer. Und nun denke ich, dass die europäischen Juden dieses Werkzeug, diese Plattform benutzen konnten, um die Gesellschaft um sie herum zu kritisieren. Sie waren damit wirklich kosmopolitisch und antinationalistisch. Dieser Antinationalismus ist sicher eine Quelle des Antisemitismus, denn Nationalisten ertragen keine Kritik. Juden ertragen das Leben nicht ohne Kritik. Und jetzt sehen Sie sich Israel an: Es ist eine Nation. Und sie besteht aus Juden. Damit leben wir in einer großen Spannung. Wir leben in einem Paradox. Aber es wird nicht besser, wenn wir eine der beiden Seiten abschneiden.

Woher stammte Ihre Familie?

Mütterlicherseits aus Warschau, väterlicherseits aus Weißrussland. Meine Mutter musste mit ansehen, wie ihre Mutter in Auschwitz ermordet wurde, ihr Bruder starb auch dort. Mein Großvater versuchte, sich den Nazis zu widersetzen und wurde schon im Warschauer Ghetto ermordet - von der Seite meiner Mutter hat nur sie allein den Holocaust überlebt. Mein Vater und seine beiden Eltern haben überlebt, aber mein Großvater starb noch vor meiner Geburt: Er wurde am Versöhnungstag Jom Kippur in Israel erstochen. Von einem Nachbarn - auch Holocaust-Überlebender. Sie hatten sich um einen Komposthaufen gestritten. Von meiner ganzen großen Familie habe ich nur meine Großmutter kennen gelernt.

Wurde in Ihrer Familie über das Ghetto und die Konzentrationslager gesprochen?

Sehr wenig. Aber meine Eltern haben eine Technik entwickelt, um uns davon zu erzählen: Mein Vater erzählte uns, was meiner Mutter passiert war, und sie erzählte uns, was meinem Vater geschehen war. Mein Vater hatte zum Beispiel mehr als 700 Tage in einem Erdloch gelebt, in dem er noch nicht einmal stehen konnte. Dort versteckt hat er den Krieg überlebt.

Wie waren Ihre Gefühle, als Sie zum ersten Mal nach Deutschland kamen?

Weil meine Eltern während des Krieges Opfer von Diskriminierung geworden sind, haben sie mir beigebracht, andere nie zu diskriminieren. Sie haben mir eingeschärft: "Wenn du nach Deutschland kommst und jüngere Leute triffst, selbst wenn du der älteren Generation begegnest, darfst du niemals jemanden automatisch verdammen." Meine Mutter hatte jedoch immer wieder Probleme mit der deutschen Sprache, die sie noch sehr gut versteht. Ich erinnere mich an eine Reise nach Salzburg, sobald sie deutsche Volksmusik hörte oder nur Worte wie "raus", "schnell", zuckte sie richtig zusammen. Einmal fing sie an zu weinen. Aber ich sage es noch einmal: Das Deutschland von heute ist ein anderes Land.

Mit Ihrer Familie ist es in Israel dann turbulent weitergegangen: Ihr Vater wechselt alle zwei Monate den Job, Ihr Bruder hat eine Bewegung für die Legalisierung von Marihuana gegründet und Ihre Schwester kämpft für die Keuschheit vor der Ehe.

Mit den vielen Jobs meines Vaters, das stimmt. Er hatte immer eine große Angst davor zu stagnieren, deshalb fing er ständig wieder von vorne an, mal als Bistrokellner, mal als Gemüseverkäufer. Am liebsten wollte er immer zum Zirkus. Darüber habe ich ein Kinderbuch geschrieben mit dem Titel Vater haut ab, um zum Zirkus zu gehen. Wir fanden die Idee natürlich damals toll, andererseits war die wirtschaftliche Situation unserer Familie oft nicht die beste. Wir waren wirklich arm, je nachdem welchen Job er gerade hatte. Meine Schwester ist sehr religiös, erzieht ihre Kinder - sie hat elf Kinder - ultraorthodox. Mein Bruder war schon als kleiner Junge ein Genie, schon mit 14 Jahren begann er sein Universitätsstudium, mit 15 lebte er mit einigen 20-jährigen Frauen in einer Kommune.

Und das hat Ihre Fantasie beflügelt?

Ja. Ich glaubte auch immer, wenn ich einmal 15 bin, kommen die Frauen und holen mich in eine Kommune - das ist aber leider nie passiert. Mein Bruder hatte dann schnell einen hohen Posten in einem Computer-Start-Up. Aber kurz bevor er richtig reich wurde, ließ er den Job einfach sausen und gründete die "Legalisiert-Marihuana-Bewegung" in Israel. Er ist ein großer politischer Aktivist, und seine Frau ist Soziologin mit dem Spezialgebiet "Pornographie unter feministischen Gesichtspunkten". Sie schreibt Artikel wie "Die Porno-Industrie in den USA nach dem 11. September".

Das ist nicht Ihr Ernst.

Doch, doch, sie schrieb auch über die "Vergewaltigung weiblicher Porno-Stars in der Umkleidekabine". Meine Mutter hat ihr kürzlich geholfen, als sie Dolmetscher brauchte bei Recherchen über die polnische Porno-Mafia.

Wie kommt denn Ihre ultraorthodoxe Schwester mit Ihrer sozialkritischen Schwägerin aus?

Gut. Meine Schwägerin und mein Bruder wissen aus der Marihuana-Bewegung einiges über Polizei-Gewalt, das auch für meine Schwester interessant ist, wenn sie Demonstrationen gegen die Regierung organisiert, und etwa am Schabbat Straßenblockaden aufbaut. Auch meine Eltern profitieren davon: Mein Vater ist 75, und als mein Bruder ihm die Ziele seiner grünen Partei erklärte, hat er den ersten Joint seines Lebens probiert und ließ sich überzeugen. Und mein Vater ist schwer zu überzeugen.

Herr Keret, wie hat sich Ihr alltägliches Leben seit der zweiten Intifada verändert?

Mein Leben ist sehr normal. Vielleicht werde ich sterben, aber die Abnormalität der terroristischen Attacken ist für uns zu einer verqueren Alltäglichkeit geworden. Weil die Bedrohung konstant ist. Du kannst nicht jeden Tag wieder das Entsetzen neu erleben. Wir haben uns an den Schrecken gewöhnt. Um aus dieser Situation rauszukommen, muss alles erst noch viel schlimmer werden. Eines Tages fragte mich ein Auslands-Reporter, ob ich ihm etwas erzählen könnte, und wir machten einen Rundgang: Hier war gerade ein Attentat, das ist die Bar, wo ich normalerweise frühstücke, hier wurde auf Passanten geschossen, das ist die Bushaltestelle, wo ich zur Uni fahre, hier explodierte eine Bombe, das ist das Restaurant, wo ich gerne abends hingehe. Und während ich sprach, bemerkte ich erst, dass ich vom Terror umgeben bin.

Das war Ihnen vorher nicht aufgefallen?

Nein. Das war mir vorher gar nicht bewusst gewesen. Es ist halt mein Leben. Was aber neu ist seit der zweiten Intifada, ist ein Gefühl von Verzweiflung, von Ausweglosigkeit. Und das unterscheidet israelische Jugendliche von jungen Leuten in Deutschland oder Frankreich. Wir nehmen die Zukunft nicht als etwas Sicheres an. Der Staat Israel kam aus dem Nichts, jetzt befinden wir uns in einem Schwebezustand, und vielleicht vergeht er wieder im Nichts. Die Furcht war schon seit langem unterschwellig da, aber als die zweite Intifada begann, war er da, der Gedanke: Was wird das wohl für ein Ort sein, an dem unsere Kinder aufwachsen werden?

Haben Sie inzwischen eine Antwort?

Wir wissen, Israel kann sich morgen so verändern, dass wir es nicht wiedererkennen können: Es kann ultraorthodox werden, vielleicht sogar faschistisch. Es kann sein, dass Juden bald eine Minderheit in diesem Land sind. Wir wissen, wenn irgendwo auf der Welt eine Atombombe explodiert, die zweite, die aufschlägt, wird uns treffen. Da gibt es gar keinen Zweifel. Wir sind umringt von Unsicherheiten, wir vertrauen nicht in die Stabilität der Region, in der wir leben.

Aber das ständige Misstrauen stumpft ab?

Es ist seltsam, aber beiden Seiten war klar, dass sie dabei waren in etwas Schlimmes von mystischer Größe hineinzugeraten. Diese Hysterie des Anfangs ist verschwunden, denn nun hat sich das Übel auf hohem Niveau stabilisiert. Der Zustand ist kritisch aber stabil. Dass die Leute das so sehen, können Sie auch daran erkennen, dass die beiden Politiker, die für die Eskalation verantwortlich sind, Arafat und Scharon, in ihren Gemeinschaften sehr populär sind. Es ist absurd: Beide trieben ihre Gesellschaft in den ökonomischen Ruin, beide müssen täglich mit Toten auf beiden Seiten leben, und sind immer noch beliebt, sie erscheinen als Friedensmacher. Und keiner fragt, ob sie das überhaupt können. Wenn Sie eine Schokoladenfabrik aufmachen wollten, wen würden Sie als Manager einstellen?

Einen Experten für Schokolade.

Genau. Wir haben aber mit Arafat und Scharon zwei Greise, die sich ihr ganzes Leben lang mit dem Krieg-Machen beschäftigt haben. Ausgerechnet die sollen nun Frieden stiften? Sie sind dafür gar nicht qualifiziert. Beide lauern nur auf Schwächen des anderen, aus dieser Stärker-Schwächer-Logik wird nie ein Frieden. Dazu braucht man Einfühlungsvermögen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, was die zweite Intifada angerichtet hat: Israel war bisher immer ein Land, in dem jeder seine Meinung sagen konnte, in dem es leicht war, sich auszudrücken. Kollegen aus den USA waren immer neidisch, wenn sie sahen, wie leicht wir hier, ohne drastische Konsequenzen befürchten zu müssen, unsere Meinung sagen konnten. Das heißt natürlich nicht, dass die Leute nicht mit dir streiten. Israelis streiten immer.

Sie haben sich auch schon zwischen alle Stühle gesetzt: Die Orthodoxen mochten es nicht, dass in Ihren Kurzgeschichten Begriffe wie Arschficken vorkamen, die Linken nahmen es Ihnen übel, wenn Sie Soldaten als menschliche Wesen dargestellt haben.

Das stimmt. Bei uns ist immer alles wie die Wahl eines Stammes: Du bist entweder schwarz oder weiß. Wer eine etwas kompliziertere Meinung hat, verwirrt die Leute. Tatsächlich werde ich von Linken nicht als Linker wahrgenommen. Einfach weil ich nicht automatisch die linke Position vertrete. Ich kann zum Beispiel die Kampagnen gegen die jüdischen Siedler nicht leiden, die nur dazu dienen die Siedler zu entmenschlichen. Da steckt so ein tiefer Hass drin, dass kein Raum bleibt um die Siedler zu überzeugen. Wenn ich zu jemandem sage: "Crazy Motherfucker, hau ab", werde ich nicht erreichen, dass er das Feld räumt. Natürlich bin ich davon überzeugt, dass wir in den besetzten Gebieten nichts verloren haben. Aber wenn die jüdischen Siedler das Falsche tun und damit großes Leiden verursachen, heißt das nicht, dass sie nicht gute Menschen sein können.

Also, was ist zu tun mit den besetzten Gebieten?

Wenn Sie nach Israel gehen, mit Linken sprechen, dann mit Rechten sprechen und dann nach Palästina gehen und mit Palästinensern sprechen - werden Ihnen alle sagen: "Ich habe eine Lösung des Konflikts, es ist ganz einfach." Ich frage mich nur: "Wenn alle wissen, wie es geht, und es so einfach ist, warum funktioniert es nicht?"

Und jetzt trauen Sie Ihrer eigenen Meinung nicht mehr?

Sehen Sie, als ich sechs war, sah ich Bambi im Kino. Ich sah, wie sie Bambis Mutter erschossen haben. Damals habe ich entschieden, niemals Bambis Mutter zu töten. Als meine Eltern mir erklären wollten, dass es erlaubt ist, Fleisch zu essen, sagte ich ihnen: "Ich habe nichts gegen Fleisch essen, ich will nur nicht, dass diese niedliche kleine Kuh stirbt. Wenn ich entscheiden könnte, würde ich sie lieber nicht töten." Das ist meine Wahl, aber damit will ich nicht festlegen, was alle anderen Menschen über das Thema zu denken haben. Deshalb bin ich vielleicht auch nicht Politiker geworden, sondern Autor von Kurzgeschichten. Meine Eltern haben es mir kürzlich gesagt: "Du hast es in deinem Leben zu nichts gebracht."

Sind Sie selbst in den besetzten Gebieten jemals in eine bedrohliche Situation geraten?

Ich gehe da nicht täglich hin. Aber einmal war ich unterwegs mit einer Gruppe von Friedensaktivisten. Wir wollten Übergriffe der israelischen Armee auf die Lager untersuchen. Und da gab es schon böse Blicke von der palästinensischen Seite. Einfach weil die sahen, dass ich Jude bin. Ein palästinensischer Freund von mir hat die Situation entschärft, aber es hätte gefährlich werden können. Wirklich in Lebensgefahr war ich nur ein Mal, aber das war nicht in Israel, sondern in Budapest, wo ich von Neonazis gejagt wurde.

Wie ist das passiert?

Ich bin nach einer Lesung noch in eine Bar gegangen, und da sprach mich ein Typ an. Er fragte, wo ich herkäme. Als ich sagte "Israel", wurde er aufmerksam. Ob ich Jude sei, wollte er weiter wissen. Nachdem ich das bestätigt hatte, sagte er: "Ich hasse deine Eltern. Aber ich liebe meinen Großvater: Er hat während des Zweiten Weltkrieges 200 Juden erschossen." Da merkte ich schon, dass ich in Schwierigkeiten war. Spätestens als er sein T-Shirt hochzog und mir ein riesiges Adler-Tattoo zeigte. Dabei sagte er: "Und jetzt stehst du auf meiner Liste. Ich wollte schon immer mal einen Juden töten." Er rief nach ein paar Leuten und sagte: "Heute Nacht brauchst du kein Hotelzimmer. Ich und meine Freunde werden dir persönlich die Stadt zeigen." In dem Moment bin ich schleunigst aus der Bar abgehauen und habe zum Glück sofort ein Taxi gekriegt. Das war wirklich gefährlich. Aber das Leben ist halt gefährlich.

Herr Keret, waren Sie ein guter Soldat?

Nein, nicht so sehr. Ich war auch nie bei einer Kampfeinheit. Trotzdem hatte ich schon während meiner Grundausbildung jede Menge Ärger mit meinen Vorgesetzten. Ich hatte oft eine andere Meinung und habe denen zu viele Frage gestellt. Schon am ersten Tag vom Basistraining hat es sofort Ärger gegeben. Wir standen da in Dreier-Reihen, und der Ausbilder ließ uns rennen. Ich war nicht so gut in Form, aber ich bin gerannt, gerannt, gerannt. Als wir wieder standen, war ich richtig erleichtert. Und offenbar hat das ein Sergeant gesehen. Er brüllte: "Was gibt es da zu lächeln? Du denkst wohl, du bist klug und kannst vor dich hin grinsen? Okay, nochmal rennen." So ein Arschloch, dachte ich. Und alle rannten wieder im Kreis. Als wir wieder in Reih und Glied standen, blickte er rüber und sagte: "Aha, der Bursche lernt nicht dazu und grinst immer noch. Weiter rennen!" Ich war es diesmal wirklich nicht, und ich drehte mich rum, um zu sehen, wer da grinste. Ich wusste, wenn das so weiterginge, wäre ich am Abend tot. Aber hinter mir stand keiner. Da meldete ich mich und sagte: "Entschuldigung, Sergeant, könnte ich mal mit Ihnen unter vier Augen sprechen." "Halt's Maul", sagte der. "Aber es ist nur zu Ihrem Besten, wenn Sie mir zuhören.", sagte ich. "Sonst muss ich Sie hier vor allen beschämen." Da regte er sich wahnsinnig auf: "Ich befehle Ihnen: Sagen Sie auf der Stelle, was Sie zu sagen haben." "Gut", sagte ich, "Sie sind der Vorgesetzte, und wir sind nur einfache Soldaten: Sie dürfen also jederzeit befehlen: Rennen. Aber wenn Sie sagen: Wir sollen rennen, weil einer grinst, und da steht niemand, wo sie hingucken, dann ist das eine Lüge. Okay, es ist der erste Tag, Sie haben einen Fehler gemacht, aber es sollte nicht mehr vorkommen."

Was passierte dann?

Ich musste meinen Rucksack mit Steinen füllen und ganz allein um das Feld laufen. Gottseidank landete ich später in der Schreibstube. Da habe ich auch mit dem Schreiben angefangen.

Zurzeit gibt es in Israel eine große Debatte um einen Brief, den einige Kampfjet-Piloten geschrieben haben. Darin weigern sie sich, weiterhin Angriffe auf palästinensische Ziele zu fliegen, bei denen in der Vergangenheit auch immer Zivilisten getötet worden sind.

Ich fand den Brief nicht sehr gut, weil darin immer wieder zwei Fragen vermischt worden sind: Ist es Mord? Und: Was ist mit den besetzten Gebieten? Was mich aber schockiert hat, waren die öffentlichen Kampagnen gegen diese Piloten. Sie wurden öffentlich massiv unter Druck gesetzt, bedroht, als Verräter beschimpft. Hier fehlte ganz und gar der Respekt vor der fremden Meinung. Deshalb habe ich auch die Protest-Petition der Schriftsteller unterzeichnet. Ich war sehr enttäuscht von unserer Gesellschaft. Es hat mich wirklich an die McCarthy Ära erinnert. Es war eine Hexenjagd. Einige der Rechten boykottieren seitdem die Fluggesellschaft El Al, weil einige dieser Piloten auch dafür fliegen. Es war zum ersten Mal in Israel diese Stimmung: Hier ist einer nicht meiner Meinung, also will ich, dass er ausgestoßen wird, dass er seinen Job verliert, dass er vor die Hunde geht. Etwas Ähnliches ist dann gleich wieder passiert, als einige Schriftsteller forderten, dass der Vergeltungsschlag eines Piloten, bei dem viele Palästinenser starben, gerichtlich untersucht würde. Daraufhin sagte der stellvertretende Erziehungsminister, alle diese Autoren sollten aus dem Lehrplan gestrichen werden. Das hat mich sehr erschreckt, denn Kritik galt in unserem Land immer als die höchste Tugend.

Herr Keret, in Ihrem gerade erschienen Band mit Short-Stories finden wir fast nur Liebesgeschichten. Ist das Ihre politische Botschaft "Make Love - für den Frieden"?

Das können Sie durchaus so sehen. Seit der zweiten Intifada sind die Israelis viel häuslicher, leben auf engerem Raum. Meine Geschichten sind deshalb viel dichter geworden. Früher habe ich noch eine Aufbruchstimmung vermittelt: Die Situation ist schlimm, aber wir können sie ändern. Heute denke ich: Die Situation ist schlimm, wir können sie nicht ändern, also lasst uns die guten Seiten daran finden. Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte "Das Dickerchen". Ein Mann verliebt sich in eine schöne junge Frau, die sich nachts in einen kleinen dicken Zwerg verwandelt. Zuerst ist er schockiert, aber weil er sie liebt, lernt er, diese unangenehme Seite von ihr zu akzeptieren, am Schluss sogar, den kleinen Dicken zu mögen. Mir geht es jetzt viel mehr ums Akzeptieren.

Wenn man das Verhältnis von Israelis und Palästinensern als eine durch und durch verfahrene Liebesgeschichte liest, dann ...

... dann könnten Sie sagen: Eine Lösung gibt es nicht. Aber wir können menschlich sein und einfühlsam.

Interview: Barbara Mauersberg und Martin Scholz

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