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Twitter-Aktion #Aufschrei „Vom Dozenten begrapscht“

#Aufschrei: Vom Dozenten begrapscht, von Jungs auf der Tanzfläche festgehalten, vom Chef mit schlüpfrigen Witzen zugetext – seit Donnerstagnacht berichten unzählige Frauen über ihre Erfahrungen mit Männern, die Grenzen überschritten.

25.01.2013 16:59
Sabine Rennefanz
Die Menschen teilen ihre Erfahrungen zum Thema Sexismus auf Twitter. Foto: Screenshot/Twitter

#Aufschrei: Vom Dozenten begrapscht, von Jungs auf der Tanzfläche festgehalten, vom Chef mit schlüpfrigen Witzen zugetext – seit Donnerstagnacht berichten unzählige Frauen über ihre Erfahrungen mit Männern, die Grenzen überschritten.

Man mag das Wort Aufschrei nicht mögen, weil es so abgenutzt ist, aber was sich unter diesem Schlagwort am Freitag im Kurznachrichtendienst Twitter sammelte, bringt doch eine neue Qualität in die Debatte über Gleichberechtigung.
Vom Dozenten begrabscht, von Jungs auf der Tanzfläche festgehalten, vom Chef mit schlüpfrigen Witzen zugetext – seit Donnerstagnacht berichten unzählige Frauen über ihre Erfahrungen mit Männern, die Grenzen überschritten. „Der Arzt, der meinen Po tätschelte, als ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag“, schreibt @vonhorst. @Kathyschreibt: „Die unzählig vielen Typen, die mir in der S-Bahn erklärt haben, dass ich mal so richtig von nem Mann durchgefickt gehöre.“

Im Laufe des Freitags war #Aufschreidas meistverwendete Wort im deutschsprachigen Raum, jede Minute liefen neue Meldungen ein. Angestoßen wurde die Twitteraktion von einer Gruppe junger Bloggerinnen. Während viele noch über die sexistischen Äußerungen von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sinnierten, die eine Stern-Journalistin öffentlich gemacht hatte, saß die Hildesheimer Studentin Nicole von Horst am Computer und las einen Beitrag im Netz von Bloggerin Maike Hank (kleinerdrei.org/2013/01/normal-ist-das-nicht/), der sie dazu brachte, über ihre eigenen Erfahrungen von Diskriminierung nachzudenken. Unter ihrem Twitter-Namen @vonhorstschrieb sie mehrere Nachrichten wie diese: „Die vielen Männer, die mich anstarrten oder eklig ansprachen, als ich in Gothic-Kleidung an eine Wand gelehnt auf einen Freund wartete.“

Nicole von Horst ist 25, studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie habe Worte finden wollen für Erlebnisse, „ für die ich mich schämte, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht über sie sprechen zu können, weil ich mich für sie verantwortlich fühlte“, sagt die 25-Jährige der Berliner Zeitung. Eine andere Bloggerin, Anne Wizorek (31), griff die Tweets auf und bündelte sie unter dem Schlagwort „Aufschrei“. Ähnliche Twitter-Aktionen habe es bereits in England und Schweden gegeben.

Beide Bloggerinnen sind unter 35, wie auch die Stern-Journalistin, die die Debatte anstieß. Ist das Anzeichen für eine neue, mutigere Generation von Frauen, die nicht mehr bereit ist, Sexismus wegzulächeln, zu ignorieren? Nicole von Horst glaubt das nicht. “Jüngere Frauen, bei denen nicht bereits ein feministisches Setting vorhanden ist, müssen oft erst lernen, dass ihre Erfahrungen kein individuelles Problem sind sondern strukturelle Diskriminierung und sie nicht alleine mit ihren Erfahrungen sind. Meine Vermutung ist, dass die Scham, darüber zu sprechen, alle Altersgruppen gleichmäßig durchzieht, sagt sie.

Sie wünscht sich, dass die Debatte ein Bewusstsein dafür schafft, was Frauen täglich erleben. Die Resonanz auf die Twitteraktion zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten: Journalisten, Politiker, Unternehmer. Die Schriftstellerin Sibylle Berg schreibt: „Mann tätschelt mich, spricht zu mir wie zu einem Kleinkind. Die ca. 452.728 Auslöser habe ich vergessen.“

Macho-Sprüche

In mehreren Tweets zitiert die ehemalige Microsoft-Managerin Anke Domscheit-Berg die Macho-Sprüche, die sie sich anhören musste: „Der Chef, der mir riet, nimm das Wort Frau ein Jahr lang nicht in den Mund, dann klappt’s auch mit der Beförderung.“ Auch Männer äußern sich, mal spöttisch, mal lobend, je nach Alter.

Einen nachdenklichen Artikel lieferte der Chef der Jungen Liberalen Lasse Becker: „Die deutsche Politik hat ein gewaltiges Problem mit Sexismus und dem Umgang mit Frauen“, konstatierte er in seinem Blog. (www.lassebecker.de/?p=1034)

Nicole von Horst: literatier.wordpress.com/

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