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Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle Entlang der Gürtellinie

Kein Dementi, nur Empörung: Eine "Stern"-Journalistin erzählt vom Hang Rainer Brüderles zu Anzüglichkeiten und schmierigen Witzen. Die FDP stellt sich dennoch fast geschlossen hinter ihren Spitzenkandidaten Rainer Brüderle.

Kein Dekolleté in der Nähe: Rainer Brüderle guckt in die Luft. Foto: dpa

Kein Dementi, nur Empörung: Eine "Stern"-Journalistin erzählt vom Hang Rainer Brüderles zu Anzüglichkeiten und schmierigen Witzen. Die FDP stellt sich dennoch fast geschlossen hinter ihren Spitzenkandidaten Rainer Brüderle.

Es gibt kein Dementi. Es gibt nur Empörung. Das Magazin Stern hat ein Porträt über den gerade frisch gekürten FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle veröffentlicht. „Der Herrenwitz“ lautet der Titel, und die Autorin Laura Himmelreich bescheibt darin Brüderles Hang zu Anzüglichkeiten und schmierigen Witzen. An einem Abend mit Journalisten vor einem Jahr hat er neben Himmelreich gestanden. Er habe ihr auf den Busen geschaut und gesagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Er hat irgendwann auch die Hand der Journalistin genommen, diese geküsst und sei ihr zum Abschied sehr nahegerückt. Himmelreich hat Brüderle auf ein paar weiteren Terminen beobachtet. Bei einem Besuch in einem Kuhstall hat er das Euter einer Kuh mit den Worten kommentiert: „Der hängt ja ganz schön. Das ist Körbchengröße 90L.“

Ein Tabubruch

Die FDP regt sich darüber auf. Nicht über Brüderle. Sondern über den Artikel. Parteichef Philipp Rösler – der gerade einem Fast-Putsch-Versuch von Brüderle entgangen ist – äußert sich nicht. Dafür sagt Außenminister Guido Westerwelle, der Text sei unfair. Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki findet, es sei seltsam, „dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten“. Ihm schließen sich andere an, darunter auch die Vorsitzende der FDP-Frauenorganisation, Doris Buchholz. Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn spricht von „Journalismus unter der Gürtellinie.“ Die Geschichte sei ein Tabubruch und eine Kampagne gegen Brüderle. Er findet nicht, dass Brüderle selbst ein Tabu gebrochen oder zumindest Grenzen überschritten hat.

Vermutlich liegt das daran, dass Brüderle diese Grenzen schon so oft überschritten hat. Dass man sich an seine zotigen Sprüche gewöhnt hat. Der 67-Jährige kokettiert ja sogar damit. Und er ist nicht der einzige Politiker mit diesem Benehmen. Nicht selten können sie sich auch durch Journalisten bestätigt fühlen, die mitlachen, mitgrinsen oder zumindest nichts sagen.

Wozu sich so etwas auswachsen kann, hat gerade die Spiegel-Online-Journalistin Annett Meiritz beschrieben, die viel über die Piratenpartei berichtet. Über den Online-Dienst Twitter lief bald das Gerücht, sie habe eine Affäre mit einem Piratenpolitiker, um an Informationen zu gelangen.

Das Magazin Stern hat das Problem, dass es ein wenig so aussieht, als wolle es dem von der Konkurrenz gesetzten Thema hinterherlaufen. Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn versichert, Himmelreich habe seit vergangenem Jahr an der Geschichte gearbeitet und warnt, „junge Journalistinnen sind kein Freiwild“. Die Autorin selbst sagte dem Deutschlandfunk, sie habe zeigen wollen, dass der Spitzenkandidat aus der Zeit gefallen zu sein scheine.

Am Nachmittag scherte die Europa-Abgeordnete Silvana Koch Mehrin aus der Riege der Brüderle-Verteidiger aus. „Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben“, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters. „Wirksame Schritte, um den Frauenanteil zu erhöhen, gebe es bei der FDP nicht. „Hier müssen sich grundsätzliche Einstellungen verändern.“ Allerdings betreffe dies nicht nur die FDP. Brüderle schweigt. (mit tich.)

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