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Sexismus Männer, jetzt reicht es!

Kleine Übergriffe, heftige Grapschereien, dumme Sprüche: Frauen werden noch immer in vielen Formen belästigt – in Kantinen, Pausenräumen oder Büros. Jetzt bricht ein Proteststurm los.

25.01.2013 19:47
S. Rennefanz, E. Roth, K. Tichomirowa und D. Vates
Eines hat die Brüderle-Debatte erreicht: Frauen machen nun öffentlich, was sie im Verborgenen an sexuellen Belästigungen ertragen. Bei Twitter. Foto: Thinkstock

Rainer Brüderle hat einen Aufschrei provoziert. Seine sexistischen Sprüche gegenüber einer Journalistin haben Erinnerungen ausgelöst. Einige Frauen haben sie öffentlich gemacht. Im Internet-Dienst Twitter tauschen sie ihre Erfahrungen über den ganz alltäglichen Sexismus aus.

„Der Arzt, der meinen Po tätschelte, als ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag“. (Die Studentin Nicole von Horst)

„Dann trag halt keine Sachen mit Ausschnitt.“ (Ex-Oberpiratin Marina Weisband)

„Mann tätschelt mich, spricht wie zu einem Kleinkind: Das kriegen wir schon hin.“ (Autorin Sibylle Berg)

„Der Chef, der mir riet, nimm das Wort Frau ein Jahr lang nicht in den Mund, dann klappt’s auch mit der Beförderung.“ (Anke Domscheit-Berg, Piratin und ehemalige Microsoft-Managerin).

Stichwort "Aufschrei"

Das Stichwort „Aufschrei“ wird im Laufe des Freitags zum meistverwendeten Wort im deutschsprachigen Twitter-Raum.

Die Bundeskanzlerin beteiligt sich nicht am Twittern. Sie hat sich fragen lassen müssen, ob eine Frau denn Bundeskanzlerin sein könne, als sie zum ersten Mal für das Amt kandidierte. Ihre Figur und Kleiderwahl ist ausführlicher kommentiert worden als die ihrer männlichen Politikerkollegen.

„Die Bundeskanzlerin steht selbstverständlich für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang in der Politik wie auch zwischen Politikern und Medienvertretern“, lässt sie nun ihren Sprecher Steffen Seibert ausrichten. Brüderle wird es verstehen oder auch nicht.

Belästigung gibt es überall. Das zeigen die Twitter-Kommentare. Das zeigen die Fälle, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes dokumentiert hat. „Setz Dich mir gegenüber, dann kann ich Deine Titten besser sehen“, muss sich eine Frau von ihrem Chef anhören. Eine Angestellte eines Technikbetriebs wird noch in der Probezeit entlassen, nachdem sie Belästigungen ihres Chefs wiederholt zurückgewiesen hat.

Knapp 60 Prozent der Teilnehmerinnen einer Studie des Bundesfamilienministeriums gaben 2005 an, mindestens einmal Opfer sexueller Belästigungen geworden zu sein, in 42 Prozent der Fälle handelte es sich um Belästigungen am Arbeitsplatz oder in der Schule. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO stellt in ihrem Bericht über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit 2011 fest, dass 40 bis 50 Prozent der Frauen in der Europäischen Union von Formen sexueller Belästigung oder unerwünschtem sexuellen Verhaltens am Arbeitsplatz berichteten.

Bekannt werden die wenigsten Fälle. Sind die jungen Frauen mutiger? Trauen sie sich eher, von Übergriffen zu erzählen. „Die Scham, darüber zu sprechen, durchzieht alle Altersgruppen“, sagt die 25-jährige Studentin von Horst. Es gehe um Erlebnisse, „für die ich mich schämte, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht über sie sprechen zu können, weil ich mich für sie verantwortlich fühlte“.

Die Studie des Bundesfamilienministeriums weist junge, finanziell abhängige, ledige oder geschiedene Frauen und Migrantinnen als bevorzugte Opfer von Übergriffen aus. Es geht um Demütigung und Machtdemonstrationen. Den Tätern diene sexuelle Belästigung dazu, ihre Vorrangstellung und den eigenen Selbstwert zu stabilisieren, befindet der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe .

Die Situationen gibt es überall, in Fabriken, in Universitäten, in der Politik, in Redaktionen. „Das hat nichts mit dem Bildungsniveau zu tun“, sagt Karin Schwendler, Expertin für Frauen- und Gleichstellungspolitik bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Und auch nicht mit der Branche, heißt es beim DGB.

Nach Einschätzung der Gewerkschaften hat sich die Firmenkultur in den vergangenen 20 Jahren vielerorts verbessert. Viele Firmen schulten ihre Führungskräfte, sie hätten Gleichstellungsstellen eingerichtet oder Betriebsvereinbarungen abgeschlossen, die klarstellen, dass Belästigungen zu Abmahnungen oder Kündigungen führen können. Wenn sich Betroffene wehrten, würden Übergriffe meist auch geahndet, sagt DGB-Arbeitsrechtlerin Martina Perreng. Es könne aber immer noch passieren, dass die Firma den Boss schützt.

Sexuelle Belästigung als Kündigungsgrund

Wo beginnt die sexuelle Belästigung? Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) unterscheidet die allgemeine Belästigung, mit der die Würde der Person verletzt wird, von der sexuellen Belästigung: Sie ist nach der gesetzlichen Definition ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten. Dazu gehören unerwünschte sexuelle Handlungen, Aufforderungen, körperliche Berührungen, Bemerkungen und pornografische Darstellungen mit denen Täter ihre Opfer belästigen.

Das Bundesarbeitsgericht hat sexuelle Belästigung als Kündigungsgrund bestätigt – und zwar auch die verbale. Es handele sich um „eine der körperlichen Belästigung gleichartige Unzuverlässigkeit und Grenzüberschreitung“. Die Leiterin der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, empfiehlt, sich nicht zurückzunehmen, sich nicht als hysterisch bezeichnen zu lassen. „Da kommt dann der Spruch: Ach, ein Sensibelchen. Nichts da! Die Grenze verläuft dort, wo sich jemand gestört fühlt. Ein „Da musst Du durch“ hilft auch nicht weiter.“

Männern beziehungsweise Brüderle-Typen könnte auch der gesunde Menschenverstand helfen oder eine Spur von Feingefühl. Wenn Witze erzählt werden und sich alle köstlich amüsieren, bis auf die einzige Frau der Runde – dann ist nicht die Frau komisch, sondern der Witz daneben.

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