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Sexismus „Die Peinlichkeit umdrehen“

Unternehmensberater und Autor Peter Modler berät Frauen in Führungspositionen. Im Interview spricht er über den Sexismus in der Gesellschaft und wie sich Frauen gegen verbale Übergriffe wehren können.

26.01.2013 17:18
Gesa Mayr
Kleine Übergriffe, heftige Grapschereien, dumme Sprüche: Frauen werden in vielen Formen belästigt. Foto: Thinkstock

Peter Modler, Jahrgang 1955, war lange als Geschäftsführer in der Medienbranche tätig, bevor er 1998 sein eigenes Beratungsunternehmen gründete. Er schult unter anderem Frauen in Führungspositionen und hat Lehraufträge an den Universitäten Freiburg und Basel. Modler ist der Autor von „Das Arroganz-Prinzip – So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf“.

Herr Modler, als Unternehmensberater trainieren Sie weibliche Führungskräfte, sich im Alltag gegen ihre männlichen Kollegen durchzusetzen. Ist Sexismus in unserer Gesellschaft salonfähig?

Ich glaube, er ist weit verbreitet. Nach meiner Erfahrung in den Seminaren geschehen Übergriffe ganz oft und branchenübergreifend. Es hat sich zwar eine politisch korrekte Ausdrucksweise eingebürgert, die den Eindruck erweckt, es gebe diese latente Art von Sexismus nicht mehr. Aber für die tatsächlichen Machtverhältnisse bedeutet das gar nichts. Sexistische Bemerkungen gibt es laufend, und die werden vor allem in einem Kontext gemacht, der nicht mehr zum offiziellen Arbeitsrahmen gehört. Da schreiben sich mittlerweile auch die allergrößten Sexisten politisch korrektes Redeverhalten vor. Aber nachher auf dem Gang oder später in der Sitzungspause kommen sexistische Sprüche.

Warum erfährt diese angebliche Situation mit Herrn Brüderle und der Stern-Reporterin so viel Aufmerksamkeit, wenn es doch so normal ist?

In den vergangenen Jahren wurde das Missverständnis verbreitet, dass hoch qualifizierte Frauen sich beruflich aufgrund ihrer Leistungen wie von selbst durchsetzen werden. Das wäre großartig, entspricht aber nicht der Wirklichkeit. Ich sage nicht, dass das gerecht ist, im Gegenteil. Aber Frauen, die Karriere machen wollen, sollten sich das bewusst machen. Die Szene mit Brüderle, wenn sie denn so stattgefunden hat, zeigt, dass wir überhaupt noch nicht so weit sind.

War das Sexismus verkleidet als Herrenwitz?

Ein Blondinenwitz ist zwar ein schlechter Witz, aber ein Witz. Wenn eine Frau einen frauenfeindlichen Witz zu hören bekommt, dann sollte sie einen männerfeindlichen Witz auf Lager haben. Solche Machtspielchen sind geradezu rituell. Kommentare, wie sie jedoch Rainer Brüderle gemacht haben soll, sind sexistische Bemerkungen. Das ist ein Überschreiten der Grenzen.

Wie kann man sich gegen verbale Übergriffe wehren?

Eine ganz klassische Situation, in der anzügliche Bemerkungen fallen, ist abends auf der Betriebsfeier. Auch an der Bar befinden sich Chef und Assistentin, Politiker und Journalistin aber immer noch in einem Arbeitskontext. Als Erstes sollte man gerade höher stehende Personen an ihren Rang erinnern. Das sollte ganz laut und ganz klar geschehen. Viele hochgebildete Frauen sprechen sehr schnell und in Konfliktsituationen noch schneller. Das signalisiert dem Gegenüber aber keine Souveränität.

Und wenn das nicht hilft?

Meistens werden diese Bemerkungen halblaut gemacht, so dass nur die betroffene Person die Äußerung genau hört. Sie fühlt sich dann peinlich berührt. Ich nenne das die „Peinlichkeitserpressung“. Doch wenn die Betroffene das zulässt, hilft das dem Angreifer. Das allermächtigste Mittel ist deswegen, wenn ich diese Peinlichkeit umdrehe und öffentlich mache. Man sollte den genauen Wortlaut des Gegenübers ganz laut und ganz langsam wiederholen, sodass es alle im Umkreis von zehn Metern mitbekommen. Der Angreifer spekuliert meist darauf, dass es der Person so peinlich ist, dass sie es leise für sich behält.

Welche Fehler machen Frauen in dieser Situation?

Sie gehen von der Grundannahme aus, dass Männer und Frauen dieselbe Sprache sprechen. Das halte ich für einen Irrtum. Viele Frauen denken oft, sie müssten ihrem Gegenüber nur vernünftig zureden und eine moralische Überzeugung wiederholen, dann würde er ihren Standpunkt schon verstehen. Man sollte stattdessen einen Angriff als solchen identifizieren und dann den Samthandschuh gegen den Stahlhandschuh austauschen. Dafür muss man sich auf die Ebene des Gegenübers bewegen. Wenn das Gleichgewicht wiederhergestellt ist, dann kann man irgendwann auch wieder zu anderen Themen übergehen. Aber jemandem, der meine Körbchengröße thematisiert, kann ich nicht mit der deutschen Wirtschaftspolitik kommen.

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