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Femen in Deutschland Von der Last und der Lust nackter Tatsachen

Die ukrainischen Nacktprotestler von Femen sind nach Deutschland gekommen und schocken jetzt den Politikbetrieb. Das ist unbedingt zu begrüßen und hat auch noch andere gute Gründe für sich. Allerdings sind die Kollateralschäden nicht zu übersehen.

Kurzer Schockmoment auf der Messe Hannover: Angela Merkel schaut lieber weg, als die nackte Demonstrantin lautstark ihrer Meinung Luft macht. Putin schaut eher interessiert als geschockt. Foto: dpa

Das ist doch lächerlich! Frauen ziehen sich nackt aus, in aller Öffentlichkeit, und halten das für einen politischen Akt. Für einen Akt des Protests. Und das, obwohl sie noch nicht einmal über ein ausformuliertes Programm verfügen. Ein Parteiprogramm sollte es schon sein, am besten eines, in dem von Renten- über Steuer- bis zur Außenpolitik alles, aber auch wirklich alles geklärt ist. Und wehe, wir finden da ein gesellschaftliches Thema unerwähnt! Nein, diese ukrainische Frauen-Truppe namens Femen hat doch keine Ahnung. Sie nennt sich zwar feministisch, aber vor Wladimir Putin und Angela Merkel blank zu ziehen, wie jüngst geschehen, ist doch einfach nur peinlich.

Selbstverständlich könnten wir, bevor wir weiter über Femen und andere Nacktprotestler herziehen, auch mal fragen, warum der Politikbetrieb mitsamt der dazu gehörenden Berichterstattung so elend langweilig ist. Aber das wäre beinahe schon wieder ein ganz anderes Thema. Halten wir vorläufig fest, dass Nacktheit im öffentlichen, zumal im politischen Raum als übergriffig und aufdringlich empfunden wird. Sie brüskiert das Gegenüber mit blanker Anwesenheit, mit einer aggressiven Körpersprache, die hier nicht vorgesehen ist; sie macht sprachlos und bedeutet, weil argumentativ nicht mehr verhandelbar, der Tendenz nach eine totalitäre Geste.

Andererseits, ja, das gibt es – andererseits wird der Körper, der nackte Leib, ohne den konventionellen Panzer aus Kleidung und Scham gerade in seiner ostentativen Verletzlichkeit zum politischen Statement par excellence. Nackt ist, wer alles verloren hat, Nacktheit steht für Armut, sie ist die Ultima Ratio der Habenichtse, eine verzweifelte Anklage durch das zur Schau getragene Elend selbst und in ihrer Rückhaltlosigkeit auch ein Zeichen der Aufrichtigkeit – schließlich kann, wer nackt dasteht, nichts mehr verbergen. Das findet sich übrigens sehr genau beschrieben in Hans Christian Andersens politischem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.

Die barbusige Nacktheit von Femen irritiert nachhaltig, weil sie körpersprachlich beide Motive, also die Übergriffigkeit und die Hilflosigkeit, die totalitäre Geste und die verzweifelte Anklage, ineinander blendet. Somit wird im Akt des Protests ununterscheidbar, was wir für unsere politische Bewertung gewohnt sind, fein säuberlich auseinanderzuhalten. Das verunsichert und verursacht mitunter schlechte Laune: Man vermisst dann die klare Botschaft. Dabei gehört es zum Wesen des politischen Protests zu irritieren, das heißt: zu stören und zu nerven, gerade, weil er sich nicht in die gängigen Schubladen einsortieren lässt, im Wortsinne also maßlos ist.

Was nun Femen von den meisten anderen Nacktprotestlern wie etwa den Tierschutzaktivisten von Peta, der neo-feministischen Bewegung Bara Bröst aus Schweden oder den Fahrraddemonstranten von World Naked Bike Ride unterscheidet, sind ihre durchweg jungen, den herrschenden Schönheitsidealen mehr oder weniger entsprechenden Frauenkörper. Dieser Umstand birgt nämlich ein besonderes Irritationspotenzial: Einerseits inszenieren sich die Frauen in aller Öffentlichkeit als nicht verfügbare, wild und laut kreischende, sich jeder Berührung widersetzende Akteure; andererseits entkommen sie der sexistischen, sie in verfügbare Objekte verwandelnden Optik der Medien nicht.

Femen wollen also selbst die Botschaft oder auch die Wirkung ihrer Nacktheit bestimmen, aber können nur in einem öffentlichen Raum agieren, der sie immer schon als willfährige Sexobjekte klassifiziert. Dieser Widerspruch oder, mit einem anderen Wort: diese allemal verstörende Ambivalenz lässt ihre Aktionen vollends zum Spektakel werden, auf das kein eindeutiger politischer Reim mehr zu machen ist. Genau das hat den Frauen den Vorwurf eingetragen, sie selber seien sexistisch und würden damit ihre feministischen Ziele – Kampf gegen die Herrschaft der Männer und für die Selbstbestimmung der Frau – ums Ganze verfehlen. Mit anderen Worten, Femen sind politisch unzuverlässig, ein Risiko.

Aus diesem Grund sind sie aber gerade nicht unpolitisch. Femen kreieren mit allen Einschränkungen, die hier zu machen sind, einen durch sie selbst politisierten Körper. Sie verwenden ihn als politisches Instrument. Und das heißt: Als Politikum können und müssen sich Femen Kritik gefallen lassen. Selbstverständlich auch die, dass sie vollkommen selbstverliebt auf massenmediale Aufmerksamkeit abzielen, also den Medien-Betrieb in seiner Unersättlichkeit mit marktgängigen Bildern versorgen. Diese Kritik hilft indes nicht weiter, weil die meisten anderen Politiker ebenso handeln. Abgesehen davon sind Femen bei der medialen Aufmerksamkeitsbeschaffung nun einmal sehr erfolgreich.

Doch gibt der Erfolg nicht immer recht. Dass Femen unlängst vor einer Berliner Moschee posierten und muslimischen Frauen, die Schleier tragen, per se absprachen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, war offenkundiger Unsinn und zudem noch von kreuzdummen antiislamischen Ressentiments getragen. Nicht minder töricht war beispielsweise der Protest auf der Hamburger Reeperbahn gegen die legale Prostitution im Januar dieses Jahres („Sex-Sklaverei ist Faschismus“). Denn warum sollen Frauen, wenn sie frei entscheiden können, nicht diesem Beruf nachgehen? Kurzum, der mediale Hype um Femen kann die sinnvolle politische Arbeit vor Ort zunichtemachen.

Manchmal stimmt einfach der Kontext nicht: Die große politische Geste ist ignorant gegen Details. Aber Papst Benedikt XVI. oben ohne beim Gebet auf dem Petersplatz in Rom zu stören („Schwulenfeind, sei still!“), war einfach passend. Protest ist keine dröge Übung in Ordnungspolitik, sondern muss nerven. Falsche Vornehmheit sollte er nicht kennen.

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