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Rebellenchef Bassajew bekennt sich zu Beslan-Massaker

Geständnis und neue Angebote im Internet / Rebellen geben Putin die Schuld am blutigen Ausgang des GeiseldramasDer tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew hat sich im Internet zur Geiselnahme in Beslan mit mehr als 320 Todesopfern bekannt. Allerdings gibt er Präsident Putin die Schuld am Ausgang der "schrecklichen Tragödie". Dossier: Tschetschenien - der vergessene Krieg Siehe auch Das Netzwerk Al Qaeda im Dossier Terror gegen den Westen

17.09.2004 00:09
Bassajew bekennt sich zu Geiselnahme in Beslan
Der meist gesuchte Mann Russlands: Schamil Bassajew. Der Rebellenchef hat jetzt die Verantwortung für die Geiselnahme in Beslan übernommen. Foto: dpa

Moskau (rtr/dpa/ap). Der tschetschenische Rebellenanführer Schamil Bassajew hat sich im Internet zu der Geiselnahme in einer Schule im südrussischen Beslan bekannt. Dabei wurden in diesem Monat mehr als 320 Geiseln getötet, die Hälfte davon Kinder. Den blutigen Ausgang des Geiseldramas vor zwei Wochen nannte Bassajew eine "schreckliche Tragödie".

Brigaden der von ihm geführten Gruppe Rijadus-Salichin hätten zudem die beiden Anschläge auf russische Passagiermaschinen verübt, bei denen Ende August 89 Menschen ums Leben kamen, erklärte Bassajew am Freitag auf einer Internetseite der Separatisten.

Bassajew ist der meistgesuchte Mann Russlands und hat sich seit Beginn des ersten Tschetschenien-Krieges Mitte der 90er Jahre zu zahlreichen Anschlägen, Geiselnahmen und Überfällen bekannt. Die russische Regierung hat Bassajew sowie den Tschetschenen-Anführer Aslan Maschadow für die Geiselnahme in Beslan verantwortlich gemacht und ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar auf die beiden ausgesetzt. Maschadow hat eine Beteiligung jedoch bestritten und die Tat verurteilt.

"Die Operation (...) in der Stadt Beslan (wurde ausgeführt) vom zweiten Märtyrer-Bataillon unter dem Befehl von Oberst Orstchojew", hieß es in der mit dem Kampfnamen Bassajews, Abdallah Schamil, unterzeichneten Interneterklärung. Er machte den russischen Präsidenten Wladimir Putin für die Tragödie verantwortlich, der von Anfang an geplant habe, die Schule stürmen zu lassen.

In dem Schreiben im Internet bietet Bassajew dem russischen Präsidenten Wladimir Putin "Sicherheit als Gegenleistung für Unabhängigkeit" an. Falls Russland seine Truppen aus Tschetschenien abziehe, "können wir garantieren, dass alle russischen Muslime Abstand nehmen vom bewaffneten Kampf gegen die Russische Föderation". Dies gelte für "mindestens zehn bis 15 Jahre", sofern die in der Russischen Föderation garantierte Religionsfreiheit respektiert werde. Weiter hieß es in dem Brief, Tschetschenien würde der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) beitreten, einem Bündnis ehemaliger Sowjetrepubliken.

Bassajew wies die Darstellung der russischen Regierung zurück, wonach ein Sturm auf die Schule nicht geplant gewesen sei. Nach offiziellen Angaben und laut Augenzeugen erschütterten zunächst Explosionen die Schule, dann hätten bewaffnete Zivilpersonen geschossen, worauf die Spezialtruppen ebenfalls das Feuer eröffnet hätten. Bassajew erklärte, die Spezialtruppen hätten die Schule gestürmt, und dies sei von Anfang an geplant gewesen.

Die Forderungen der Geiselnehmer seien klar gewesen: ein sofortiges Ende des Kriegs in Tschetschenien und ein Beginn des Rückzugs russischer Truppen, oder Putins Rücktritt. Hätte der Präsident die Forderungen akzeptiert, hätten die Angreifer zugesagt, den Geiseln Wasser zu geben. Beim Beginn des Truppenrückzugs hätten die Geiseln Nahrung erhalten. "Sobald die Truppen von den Bergen zurückgezogen werden, lassen wir Kinder bis zehn Jahre gehen; den Rest nach dem vollständigen Truppenabzug", lauteten die Bedingungen, wie sie Bassajew im Internet darstellte.

Wäre Putin zurückgetreten, wären alle Kinder freigelassen worden. Die Angreifer hätten sich dann mit den restlichen Geiseln nach Tschetschenien zurückgezogen. Dies habe er Putin über den früheren inguschischen Präsidenten Ruslan Auschew, der auch die Freilassung von 26 Geiseln vermittelte, und den nordossetischen Präsidenten Alexander Dsasochow übermittelt. Putin hat jegliche Verhandlungen mit tschetschenischen Rebellen stets abgelehnt.

Bassajew wies Verbindungen zum Chef der Moslem-Extremistengruppe Al Qaeda, Osama bin Laden, zurück. "Ich kenne Bin Laden nicht. Ich erhalte kein Geld von ihm, würde es aber auch nicht ablehnen", fügte er hinzu.

Zugleich machte Bassajew eine Rechnung auf, was ihn die jüngsten Anschläge gekostet hätten, bei denen mehr als 410 Menschen ermordet wurden: Für die Flugzeuganschläge habe er 4000 Dollar aufwenden müssen, für die Bombenanschläge in Moskau 7000 Dollar und für die Geiselnahme in Beslan 9700 Dollar.

Der Sprecher des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) in Tschetschenien, Generalmajor Ilja Schabalkin, erklärte, die Behörden hätten seit langem gewusst, dass Bassajew Drahtzieher der Anschlagsserie sei. Die Web-Site des Kawkas-Zentrums, auf der die Erklärung veröffentlicht wurde, gilt als Sprachrohr Bassajews. Hier erschienen schon in der Vergangenheit Bekennerschreiben.

Das russische Außenministerium äußerte unterdessen Zweifel am Inhalt des veröffentlichten Bekennerschreibens. Man gehe weiterhin davon aus, dass die jüngsten Terroranschläge ein Werk internationaler Terrororganisationen seien, sagte ein Sprecher in Moskau.

Insgesamt hielten die Extremisten in der Schule mehr als 1100 Menschen zwei Tage lang ohne Wasser und Lebensmittel fest. Die Geiselnehmer hätten den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien gefordert, zumindest jedoch den Rücktritt Putins, erklärte Bassajew.

Nach der Tragödie von Beslan hat Putin ein hartes Durchgreifen gegen Extremisten im Kaukasus angeordnet. Verhandlungen mit den Rebellenführern über eine Unabhängigkeit der russischen Provinz lehnt er ab und wirft den Separatistenführern vor, Teil einer "terroristischen Internationale" zu sein.

Putin wirft Kritikern Doppelmoral vor

Auf einer internationalen Konferenz verglich Putin die Forderung ausländischer Politiker nach Verhandlungen mit den Rebellen mit der fehlgeschlagenen Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Nazi-Regime in Deutschland. "Erinnern sie sich, was uns die Geschichte gelehrt hat: Das einvernehmliche Abkommen mit Adolf Hitler in München 1938. Natürlich ist das Ausmaß der Konsequenzen ein anderes. Aber die Situation ist sehr ähnlich", mahnte Putin. Er warf den westlichen Regierungen eine Doppel-Moral bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus' vor.

Nach der Tragödie von Beslan hatten die Regierungen der USA und einiger westeuropäischer Staaten Putins hartes Durchgreifen gegen die Extremisten begrüßt, aber eine politische Lösung des Kaukasus-Konflikts gefordert.

Dossier: Tschetschenien - der vergessene Krieg

Siehe auch Das Netzwerk Al Qaeda im Dossier Terror gegen den Westen

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