Lade Inhalte...

Pegida Die irreale Angst der Anderen

Fundamentales Unwissen: Die Botschaft von Pegida hat mit dem Islam nichts zu tun. Die Angst vor Islamisierung ist real, auch wenn die Fakten sie als irreal ausweisen. Wie kann das sein?

21.12.2014 13:48
Dirk Pilz
Pegida-Kundgebung am 8. Dezember in Dresden. Foto: dpa

Seit Jahren wird in diesem Land über den Islam gestritten. Heftig, aber erfolglos. Zumindest konnte sich eine Bewegung wie Pegida gründen. Sie bringt im Namen des Kampfes wider eine angebliche Islamisierung des Abendlandes Tausende auf die Straße, rechnet man die Dunkelziffer der Gefolgsleute hinzu, die nicht auf den Demonstrationen auftauchen, ist von einer Massenbewegung auszugehen. Pegida ist kein Randphänomen, sondern eine Stimme aus der Mitte der Gesellschaft. Die Angst vor Islamisierung ist real, auch wenn die Fakten sie als irreal ausweisen. Wie kann das sein?

Das hat viele, einander widerstreitende Gründe – es werden in der Debatte um den Islam Aspekte zusammengeworfen, die keinen gemeinsamen Nenner haben, aber auf dieselbe Problematik verweisen. Zunächst ist von Islam fast immer nur mit Bezug auf seine extremistischen und terroristischen Formen die Rede; das verleitet augenscheinlich viele zu der Annahme, in ihnen zeige sich das wahre und einzige Gesicht dieser Religion.

Unzugänglich für Argumente

Sie ist oft widerlegt worden, weder historisch noch theologisch irgend haltbar, aber zu Vorurteilen gehört, dass sie für Argumente unzugänglich bleiben, vor allem dann, wenn sie dazu dienen, sich der eigenen Identität zu versichern – der Islam wird benutzt, um sich zu versichern, dass man nicht zu ihm gehört. Das erklärt die Hartnäckigkeit antiislamischer Narrative.

Hinzu kommt, dass der Streit um den Islam auch ein innerislamischer ist, sowohl unter den Gläubigen wie in der Forschung, etwa über die Stellung des Koran, das Verhältnis von Politik und Religion oder die Rolle der Menschenrechte. Darin zeigt sich eine Reformationsdynamik wie sie für Religionen typisch ist, am besten zu ersehen in der Geschichte des Christentums und des sogenannten Abendlandes, das Pegida glaubt, schützen zu müssen.

Der Ausgang dieser innerislamischen Reformation lässt sich naturgemäß nicht prophezeien, allenfalls können Tendenzen verstärkt oder gebremst werden. Die deutsche Integrationspolitik bemüht sich zum Beispiel, die Verträglichkeit des Islam mit der Demokratie zu fördern. Das gelingt vielfach – die meisten der gut 4 Millionen Muslime in Deutschland leben weder in Parallelgesellschaften noch in Abwehrhaltung gegenüber der Demokratie, sondern sind fester Bestandteil der Gesamtgesellschaft.

Gegen die Abweichung vom Normalen

Dass in der Öffentlichkeit ein anderes Bild vorherrscht, ist die Folge medialer Verzerrungen: Muslime bekommen immer dann Aufmerksamkeit, wenn sie der gefühlten Normativität nicht entsprechen, wenn sie etwa Kopftücher tragen (was auf eine Minderheit zutrifft) oder am gemischten Schwimmunterricht nicht teilnehmen mögen (was nur zwei Prozent tun). Pegida ist so gesehen vor allem eine Bewegung, die sich gegen Abweichungen vom vermeintlich Normalen wendet.

Solche Konstruktionen einer Normalität sind die typischen Verfahrensweisen rassistischer Denkmuster: Das Abweichende wird als anders markiert und so als Projektionsfläche von Ängsten und Zuschreibungen freigegeben. Mit dem konkreten Glauben der Muslime oder der Verfasstheit des Islam hat das nichts zu tun – es ist eine Voraussetzung für rassistisches Denken, von Fakten und dem wirklichen gesellschaftlichen Leben abzusehen, andernfalls wäre die Fremd-Markierung nicht möglich.

Das erklärt auch, warum gerade in Dresden Pegida so großen Zulauf hat: In Sachsen leben die wenigsten Muslime deutschlandweit (lediglich 0,7 Prozent der Bevölkerung), zudem gehört Dresden zu den wirtschaftlich stärksten, also reichsten Gegenden Ostdeutschlands. Wo Abweichungen am wenigsten sichtbar sind und die Gesellschaft als homogener Block erscheint, gelingt die Konstruktion des Fremden offenbar am einfachsten. Das Andere tritt vor allem dort als Phantasma auf, wo es in der Wirklichkeit kaum vorhanden ist.

Auch das gehört zum Streit über den Islam: Er wird in aller Regel fern aller konkreten Begegnungen geführt, durchsetzt mit viel Halbwissen und vielen Unterstellungen. Wenn Menschen sich nicht begegnen, sondern lediglich voneinander hören und übereinander sprechen, können nur Zerrbilder entstehen.

Hier kommt ein weiterer Grund zur Geltung, warum der Streit über den Islam so wenig zu Wege bringt: Er wird gerade auch in den intellektuellen, akademischen und politischen Milieus jenseits konkreter, gelebter Begegnungen und auf einer ressentimentreichen, aber wissensarmen Basis geführt. Das war in der Sarrazin-Debatte zu erleben, das ist in der Auseinandersetzung um die Islamkritik und ihre Kritiker zu sehen.

Diese Diskussionen vermischen sich zudem oftmals mit einer pauschalen Religionsablehnung, die dem Begriff Debatte spotten. Die Methode ist hier eine Hermeneutik des Verdachts, gegenüber der Religion des Islam wie gegenüber allem irgendwie Religiösen generell – die Vorstellung, dass Religionen auf mangelnder Aufgeklärtheit und diffuser Irrationalität beruhen, ist noch immer leitend, obwohl alle empirischen und soziologischen Befunde dagegen sprechen.

Die so entstehenden Ängste und Aggressionen sind allerdings real – sie sind weder auf Empirie noch auf Argumente gegründet. Aber sie verweisen auf eine wirkliche Herausforderung für eine plurale, global eingebundene Gesellschaft, die sich selbst in Kategorien des Normalen und Abweichenden wahrnimmt: eben diese Kategorien aufzugeben.

Das fällt nicht nur den Pegida-Anhängern auffallend schwer. Der Unterschied ist nur, dass ihre Botschaft lautet: Das interessiert uns alles nicht, weder Texte wie dieser hier noch eine Politik, die auf Integration ausgerichtet ist. Pegida kündigt den Glauben an die derzeitigen Repräsentanten der Macht und die Strukturen dieser Macht selbst auf, an die demokratischen Prozesse des Aushandelns von Kompromissen, an die Gestaltung von Gesellschaft, an die Idee dieser Gesellschaft generell. Das macht diese Bewegung gefährlich – und ruft historische Erinnerungen wach. Der Niedergang der DDR begann, als eine Mehrheit den Staatsvertretern nicht mehr folgte, als man sie pauschal der Lüge bezichtigte, als es egal wurde, ob dieses Land von einem Erich oder Egon geführt wird. Insofern ist es folgerichtig, wenn in Dresden auf Plakaten steht „Wir sind das Volk“, denn der unausgesprochene Nachsatz lautet: Ihr seid es nicht. Und mit „ihr“ sind alle gemeint, die andere, abweichende Meinungen haben. Mit dem Islam hat das nichts zu tun, mit Demokratieverlust aber durchaus.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen