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Pegida-Demonstration in Dresden Der Zug der Zornigen

In Dresden wächst eine neue Bewegung aus Nazis und Wutbürgern. Es ist eine neue Erscheinung, schwer zu greifen, schwer zu begreifen, eine Bewegung, gespeist aus Angst vor Fremden, vor allem aber gespeist aus tiefster Verachtung und blankem Hass auf die Politik.

Teilnehmer einer Demonstration des Buendnisses Patriotischer Europaeer gegen Islamisierung des Aben
„Wir sind das Volk“, skandieren die Pegida-Anhänger in Dresden. Foto: imago

Dresden, 2. Dezember 2014. Er ist eine Viertelstunde zu spät, aber das macht nichts, die Leute warten geduldig. 7500 sind es an diesem Abend, einige sind in Deutschlandfahnen gehüllt, sie stehen im Dunkeln neben der Skateranlage hinter dem Dresdner Hygienemuseum und warten auf ihn.

Und dann ist er da, tritt ans Mikrofon und begrüßt die Menge: „Ich schätze mich glücklich“, sagt Lutz Bachmann, „von so vielen Ratten wie euch umgeben zu sein.“ Das Volk johlt und applaudiert. „Ihr seid laut Innenminister Ulbig Ratten“, ruft der sonnenstudiobraune Mann mit Dreitagebart ins Mikrofon. Und die 7500 klatschen und sind begeistert. „Die Ratten werden mehr, sie werden lauter“, ruft der Mann in den Jubel hinein.

Seit sieben Wochen geht das so in Dresden, jeden Montagabend. Es begann mit einer Handvoll, die sich per Facebook organisierte und zum Spaziergang aufrief. „Pegida“, nennt sich das Häuflein um den Herrn Bachmann: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Nun sind es 7500, die durch die Stadt ziehen, 1200 Gegen-Demonstranten stehen vorm Rathaus in Sicht- und Rufweite. „Nazis raus“, schreien sie. „Wir sind das Volk!“, schallt es zurück.

Nazis sind die wenigsten in dem langen Zug der Zornigen, der sich gleich durch die Altstadt schieben wird. Einige sind es offensichtlich, ihre Thor Steinar-Klamotten lassen darauf schließen. Dazu gesellen sich etliche Typen aus der Fußball-Hooliganszene. Aber die allermeisten sind das alles nicht: Es sind junge Eltern mit ihren Kindern dabei, Handwerker, Verkäuferinnen, Rentner, Akademiker – ein grimmiger Dresden-Mix, aber überhaupt nicht vergleichbar mit den braunen Horden, die jahrelang im Februar durch die Stadt zogen, um der Bombardierung 1945 auf ihre Art zu gedenken.

Es ist eine neue Erscheinung, schwer zu greifen, schwer zu begreifen, eine Bewegung, gespeist aus Angst vor Fremden, vor allem aber gespeist aus tiefster Verachtung und blankem Hass auf die Politik, ihre Repräsentanten, die Parteien, die Medien.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU), der demnächst Oberbürgermeister von Dresden werden möchte, hat die Pegida-Anführer vergangene Woche als Rattenfänger bezeichnet, woraus Lutz Bachmann an diesem Abend den Schluss zieht, Ulbig halte also alle anwesenden Dresdner für Ratten. Sachsens schwarz-rote Regierung, die Landtagsparteien von Grünen bis CDU, sie reagieren teils ratlos und schockiert auf die Erscheinung aus dem Nichts.

Und Ministerpräsident Stanislaw Tillichs Regieren hat plötzlich ein echtes Thema und Anliegen: den freundlichen Umgang mit Fremden lehren, die wüst aufblühende Ausländerfeindlichkeit in einem Bundesland bekämpfen, das kaum Ausländer hat. Tillich ist Sorbe und weiß, wie es sich anfühlt, einer Minderheit anzugehören. Er hat offensichtlich begriffen, was gerade aufzieht in seinem Land. Nun wirbt er bei jeder Gelegenheit für eine freundliche Willkommenskultur, wirbt mit dem Reichtum, den Fremde einbringen, erinnert an Sachsens Geschichte, deren Pracht und Glanz ohne Ausländer undenkbar wäre.

Bachmann hält eine kurze Rede. Natürlich geht es wieder gegen die „unsägliche Asylpolitik“ und gegen den Islamismus, aber nicht gegen den Islam, wie der Mann betont. Er spricht über das Land der Dichter und Denker und über arme Rentner und alleinerziehende Mütter, die sich kein Stück Stollen zu Weihnachten leisten können.

Es geht um einen Berliner Weihnachtsmarkt, der aus falscher Rücksichtnahme zum Wintermarkt umdeklariert wurde, um islamische Schüler und separaten Schwimmunterricht, um die Verhunzung der deutschen Sprache, die in falscher Rücksichtnahme auf andere Religionen irgendwann dazu führe, dass es keine Christstollen und Christkindelsmärkte mehr gebe.

„Alles Gesocks!“, ruft ein Mann dazwischen. „Stimmt, genau“, meinen einige um ihn herum. Vom Rathaus her sind die „Nazis raus“-Rufe jetzt besser zu hören. „Das sind alles Scheiß Gutmenschen und Asis“, sagt ein Vater zu seinem Jungen. „Darf ich fragen, warum Sie hergekommen sind? Wogegen protestieren Sie?“ – „Wer will das wissen?“, fragt der junge Mann in der rotweißen Skijacke zurück. „Presse? – „Ja, Presse.“ – „Verpiss dich!“

Pegida ist aus dem Boden geschossen wie ein Pilz im warmen Herbst. Mittlerweile gibt es Ableger in Kassel, Rostock, Düsseldorf, in Ostfriesland. Wer genauer rausbekommen möchte, was und wer dahinter steckt, welche Ziele die Bewegung verfolgt, stößt auf Ablehnung. Anführer Bachmann, ein 41-jähriger Dresdner mit krimineller Vorgeschichte, hat lediglich der „Bild“-Zeitung ein Interview gegeben. Ansonsten werden alle darauf eingeschworen, nicht mit der „Lügenpresse“ zu reden.

Es ist eine seltsam verdrehte und verlogene Welt, die sich seit Wochen montagabends in der alten Elbresidenz bietet: Da ist hochtrabend von jüdisch-christlichen Werten die Rede, die es zu wahren gelte. Von der schönen Heimat und vom Abendland, von der Kultur, von Goethe und Schiller. Schwer moralisch und erhaben geht es zu – und all diese Reden schwingt ein wegen mehrerer Einbrüche und wegen Drogenhandels verurteilter Würstchenverkäufer, wie die „Sächsische Zeitung“ herausfand.

Widersprüche und hohles Gerede

Ein Mann, der einmal meinte, Claudia Roth und die Grünen gehörten standrechtlich erschossen, der für Null Toleranz bei straffälligen Asylbewerbern eintritt und der, so die Zeitung, vor Antritt einer Haftstrafe nach Südafrika abhaute und später behauptete, er habe in Kapstadt Graphik und Design studiert, ein Studium, das die dortige Uni gar nicht im Angebot hatte.

Im Jahr 2001 habe er dann in Dresden seine Strafe angetreten, 14 Monate abgesessen, Rest auf Bewährung. Danach Werbe-Arbeiten für Erotik-Clubs, zwischendurch eine Verurteilung wegen Drogenhandels, dann Arbeit als Würstchenverkäufer auf dem Dresdner Striezelmarkt, Krach und Rauswurf. Lebt heute in Dresden, hat eine Werbeagentur, ist auf Bewährung frei, hat angeblich „keine Bonität mehr“, darf keine öffentlichen Ämter übernehmen, keine Jugendlichen beaufsichtigen oder beschäftigen.

Und gibt lauthals den Retter des Abendlandes.

„Ich bin austauschbar“, sagt er am Ende seiner kleinen Rede, als er auf seine Vorstrafen zu sprechen kommt, die seit Tagen als Gerüchte durch Dresden sausen. Und wenn es sein müsse, werde er auch aus dem „ungewollten Rampenlicht“ zurücktreten.

Aber all das stört niemanden in der Menge, über die Vorstrafen wird gelacht, all die Widersprüche und das hohle Gerede sind egal. Hauptsache: Wut zeigen.

Den Weg zum Theaterplatz schafft das neue Wutbürgertum an diesem Abend dann doch nicht. Einige Dutzend Antifa-Demonstranten versperren die Straße. „Macht gar nichts“, ruft ein Mann vorn aus dem blockierten Aufzug. „Macht gar nichts. Wir kommen wieder. Und wir werden mehr sein, 10.000, 15.000. Wir hören nicht mehr auf.“

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