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Kolumne Kampf gegen eine offene Gesellschaft

Die Islamhasser von „Pegida“ sind nicht zuletzt Symptom eines erfreulichen Zustands: einer freien Gesellschaft. Und: „Pegida“ ist ein Phänomen des Ostens – oder kann sich jemand Ähnliches auf den Straßen von Frankfurt am Main vorstellen?

Pegida-Demonstranten in Dresden. Foto: dpa

Stimmt doch! „Pegida“ hat vollkommen Recht: Die Regierung hat das Volk belogen. Seit Jahrzehnten kam jede Regierung mit der Lüge, dass sich die Gesellschaft weder verändern werde noch müsse. Denn Veränderung wird in Deutschland gar nicht gern gesehen, besonders nicht vom Wähler. Veränderung macht in Deutschland nicht Hoffnung, sondern Angst. Und die deutsche Angst war von jeher der Zwilling der Aggression.

Die Regierungen sagten stets, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Irgendwann war das zwar vorbei, doch drückten sie sich vor einer Bezeichnung. Dann sprachen sie von Integration und meinten, dass sich die Gesellschaft niemals verändern müsse. Nur „die zu uns kommen“, müssten sich anpassen, nicht die Deutschen – und meinten damit die „Bio-Deutschen“.

Die Signale der Politik standen stets auf Abwehr. Nun ist in den letzten 20 Jahren jedoch viel mehr geschehen, als Medien und Politik zugegeben haben. Die nächste Generation der Kinder von Einwanderern macht Abitur, studiert und tritt ins Berufsleben ein. Der soziale Aufstieg dieser Kinder ist im Verhältnis zu Biodeutschen wesentlich höher. Inzwischen sind auch viele Familien gemixt, die jungen Leute heiraten kreuz und quer über Konfessionen, ethnische Herkunft oder Kulturen hinweg. Deshalb sind viele Deutschen heute eben Deutsche ohne Bio. Das alles passierte nebenbei und ist nun Teil der Normalität. Es geschah trotz der Politik und keinesfalls wegen ihr.

Das merkt nun selbst der sächsische Spießer. Und fühlt sich von der Politik betrogen, die darauf beharrte, dass Deutschland quadratisch, praktisch, deutsch bleiben werde und „Multikulti“ gescheitert sei. Und die Medien? Die haben, der Natur ihrer Konsumenten entsprechend, immer nur aufs Schlimme gestarrt und nicht aufs Alltägliche. Und jetzt, ausgerechnet bei „Pegida“, will man „dem Volk“ mit Fakten kommen? Kein Wunder, dass sie die nicht hören wollen.

Das Gefühl Pegida

Die Öffentlichkeit zeigt sich beschämt, erschrocken, entsetzt, besorgt. Dabei gibt es Grund für Optimismus! Denn „Pegida“ ist ein Symptom des Erfolges. Noch nie zuvor hatten so viele Menschen in Deutschland so viele Freiheiten. In den letzten 20 Jahren wurden die Rechte von Frauen, Migranten, Behinderten, Homosexuellen und anderen Minderheiten gestärkt. Die zivile Gesellschaft forderte sie ein. Deutschlands Gesellschaft ist in den letzten 20 Jahren moderner, eigenverantwortlicher, liberaler und vielfältiger geworden, als es Politik und Medien vermuten ließen.

Und: „Pegida“ ist ein Phänomen des Ostens – oder kann sich jemand Ähnliches auf den Straßen von Frankfurt am Main vorstellen? Die Ausländer seien schuld an allem, so sagt es die chauvinistische Menge. Auch interessant: 80 Prozent der Demonstranten sind Männer. Die Leute in Dresden akzeptieren Demokratie eben nur, wenn sie von allem Kosmopolitischen bereinigt ist.

Was will „Pegida“ denn? Ausländer raus aus der globalen Wirtschaft? Frauen zurück an den Herd? Schwule wieder in die Schmuddelecke? Flüchtlinge – ja was? Das Asylrecht ist schon eingeschränkt. Europas Grenzen wieder zu und keine globale Mobilität mehr? „Pegida“ ist ein Gefühl. Von ganz tief drinnen. Und eigentlich wissen das die Dresdner Demonstranten auch: Es ist ihr Rückzugskampf gegen die offene Gesellschaft. Die lässt sich nicht mehr schließen. Nicht in einer Demokratie.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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