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Kolumne Aus Angst vor der Freiheit

Warum beklagen sich so viele Verschwörungstheoretiker über das Böse, das von oben kommt? Wie können Menschen einerseits finstere Mächte für Missstände von Hartz IV bis zum Untergang des Abendlandes am Werke sehen und andererseits selbst ausgrenzend sein?

HoGeSa-Demonstranten laufen durch die Kölner Innenstadt. Foto: dpa

Was ist MoMaFri? Und was HogeSa oder PEGIDA? Das klingt mehr nach Namen von Wohnungsbaugesellschaften als nach politischen Aktionen. Und KenFM ist auch kein Radiosender, sondern ein aggressiver Wadenbeißer der neuen Friedensbewegung, die weder lechts noch rinks ist. „Der Friede muss bewaffnet sein“ – hieß es in der DDR, und das war er auch mit paranoider Propaganda. An Propaganda besteht auch jetzt kein Mangel, alle schreien die wahrsten Wahrheiten in die Welt, weil es ja sonst niemand tut.

Für die Leute von PEGIDA, das heißt Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, steht der Islamismus in Dresden unmittelbar vor der Machtübernahme. Weniger präzise ist HogeSa, Hooligans gegen Salafisten, die schon immer einfach „Kanaken“ hassten. Nur die Salafisten, die ja auch durch das deutsche Schulsystem gegangen sind, haben noch keine Abkürzung. Wie wär’s mit GlaustaFrei – Glaube statt Freiheit?

Und dann die MoMaFri, die Montagsdemomahnwachen für den Frieden. Manche denken, die DDR wäre ausschließlich an den Montagsdemos zerbrochen. Das nicht, aber hätte es sie nicht gegeben, wäre das Ende anders gekommen. Immerhin hatte mit den Montagsdemos bis zum Mauerfall das Land endlich eine Art Revolution, unter deren Ausbleiben es lange gelitten hatte. Da leuchtete sie nun, die gute historische Tat eines ganzen Volkes. Nach Krieg, Niederlage und alliierter Besatzung nun endlich die Selbstbefreiung in Frieden! Der Gegenmythos war geboren. Und der Begriff Montagsdemo ging ein in das Wörterbuch des neuen, stolzen Deutschen.

Der benutzt es, wenn er Ansprüchen eine historische Bedeutung verleihen möchte. Die MoMaFri zitieren missbräuchlich, was einst mutiger Widerstand gegen das Regime der DDR war. Verschwörungstheorien sind ein Volkssport, eine Art neue soziale Bewegung geworden. Jeder hat eine: Grüne gegen Agrarverschwörung, Impfgegner gegen Pharmaindustrie, Aliens gegen Esoteriker oder umgekehrt, Friedenstreiber gegen den Kriegstreiber Gauck, Reichsbürger gegen die Republik und alle gegen Bilderberger und die Ihr-Wisst-Schon-Wen an der Wall Street, die sämtliche Kriege anzetteln nur wegen ihrer miesen globalen Machtgelüste und wegen des Geldes zum Scheffeln.

Eine neue Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung beschreibt die Erosion demokratischer Haltungen hin zu abwertenden Einstellungen gegenüber Schwachen und Anderen. Sie nennt das die labile Mitte. Gute Wortwahl! Doch wie können Menschen einerseits finstre Mächte für alle Missstände von Hartz IV bis zum Untergang des Abendlandes am Werke sehen und andererseits selbst ausgrenzend sein?

Vielleicht liegt es an der Flucht vor einem wichtigen liberalen Grundwert der Demokratie: der Eigenverantwortung. Anders ist kaum zu verstehen, weshalb die Mitte in Deutschland – das ist die Mehrheit der Abkürzungswütigen – lieber an Verschwörungstheorien von oben glaubt als an die Möglichkeiten zu gestalten und sich zu wehren. Verschwörungstheorie – das ist die Feigheit des Kleinbürgers vor der eigenen Courage und dem möglichen Scheitern. Wie sagten es doch die griechischen Götter so schön? „Wir Götter haben ein schreckliches Geheimnis: Wir wissen, dass die Menschen frei sind!“

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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