Lade Inhalte...

Interview Burhan Qurbani „Politik darf sich nicht wegducken“

Regisseur Burhan Qurbani hat einen Film über Rostock-Lichtenhagen 1992 gemacht. Mit uns spricht er im Interview über Pegida und seine eigene Hybrid-Identität.

Burhan Qurbani, 1980 in Erkelenz (NRW) als Kind afghanischer Flüchtlinge geboren und in Westdeutschland aufgewachsen, ist Regisseur von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ Qurbanis Regiedebüt „Shahada“ von 2010 wurde als erster Abschlussfilm einer Filmhochschule überhaupt als Beitrag für die Berlinale ausgewählt. Der mehrfach ausgezeichnete Spielfilm erzählt von drei Muslimen in Berlin und Widersprüchen zwischen islamischer und deutscher Kultur. Foto: Imago

Herr Qurbani, Ihr Spielfilm „Wir sind jung. Wir sind stark.“ erzählt von einer Clique, die bei den Ausschreitungen gegen das Asylheim in Rostock-Lichtenhagen 1992 zu Tätern wird. Sie zeigen, wie der Hass aus der Mitte der Gesellschaft entsprang, dass eine Stimmung zwischen Volksfest und Aggression herrschte. Bei Pegida in Dresden gibt es heute keine Gewalt. Aber Protestforscher haben das Klima ähnlich beschrieben, wenn dort Tausende gegen „Überfremdung“ demonstrieren. Ist Ihr Film eine Warnung?
Unser Film kommt zur Unzeit. Er wirkt wie ein aktuelles Statement, obwohl beim Arbeitsbeginn vor fünf Jahren nichts von NSU oder gar Pegida zu ahnen war. Im Gegenteil, wir machten den Film, weil rechte Gewalt gerade kein Thema mehr war. Für meine Generation, jetzt Mitte 30, ist Lichtenhagen eine schattenhafte Erinnerung. Aber fragt man bei der Generation meiner Schauspieler, heute um die 20, ist da gar nichts. Dagegen wollten wir ein Stück Erinnerungskultur setzen, auch Mahnung. Aber mit dem Anspruch, durch die Augen der Täter auf ihre monströse Tat zu schauen. Weil man auch das erzählen muss, um es zu verstehen. So wollten wir eine Geschichte über Rostock-Lichtenhagen hinaus erzählen, die nicht orts- und zeitspezifisch ist.

Was kann man verallgemeinern?
Wie leicht Gewalt entstehen kann, wenn Menschenfeindlichkeit verbal legitimiert wird. Dort waren über Monate die Sinti und Roma beschimpft worden, die vor dem überfüllten Heim campieren mussten. Es wurden Flyer verteilt: „Wir müssen hier aufräumen, eine Protestaktion starten“, die einige Zeitungen abdruckten. Einige Lokaljournalisten schrieben von berechtigtem Zorn auf die Asylpolitik. So etwas legt die Basis für den Ton einer Diskussion – und das passiert uns gerade wieder. Wir geben die Deutungshoheit über Fragen von Zuwanderung und Asyl an die „Spaziergänger“ in Dresden ab. Deren Jargon wird wieder salonfähig. Und mit dem Wort fängt es immer an.

Hat das Ausmaß der Pegida-Märsche Sie überrascht?
Ja, völlig! Ich hielt dieses Denken für überwunden. Aber wir haben unterschätzt, wie Frust, Ängste und Misstrauen weitergegärt sind. Anders ist nicht zu erklären, dass Pegida so schnell diese Dimensionen annahm. Dass Parolen wie „Scheinasylanten“ und „Das Boot ist voll“ wiederkommen, sobald es wieder mehr Kriegsflüchtlinge gibt, verbittert mich. Es wirft mich auch selbst zurück.

Wie meinen Sie das?
Ich bin als Kind afghanischer Eltern in Deutschland geboren. Lichtenhagen habe ich als Elfjähriger im Fernsehen verfolgt – und war geschockt: Vielleicht werde ich hier immer der Fremde bleiben. In den Jahren danach konnte ich das abschütteln – und nun kommt es wieder. Diese Wirkung von Pegida ärgert mich schon jetzt: Das Klima ist vergiftet. Seit zwei Monaten lese ich Verhalten auf der Straße anders: Hinter Unfreundlichkeit, die ich vorher ignoriert hätte, vermute ich plötzlich Fremdenfeindlichkeit. Wenn mir das im pluralistischen Berlin schon so geht, macht mich das wütend.

Auch aus Dresden hört man, dass Pöbeleien gegen Ausländer zunehmen. Sehen Sie da Parallelen zu Rostock vor dem Pogrom?
Der große Unterschied ist: Es gab in Lichtenhagen tatsächlich ein Moment der Zumutung. Ein überfülltes Flüchtlingswohnheim mitten in einem dicht besiedelten Wohngebiet, in dem die Arbeitslosigkeit, vor allem unter Jugendlichen, explodiert war. In Sachsen leben dagegen heute unter einem Prozent Muslime – die Angst vor der Islamisierung ist fiktiv. Deshalb muss die Politik endlich in den Dialog mit Pegida treten. Es war der große Fehler von Rostock, dass sich die Politik wegduckte. Es ist aber ihr Job, sich dem zu stellen, was bei solchen Protesten gesagt wird. Wenn Frau Merkel den richtigen Satz sagt, dass der Islam zu Deutschland gehört, muss sie ihn in Dresden sagen. Genau jetzt.

Soziologen sagten, hinter Pegida stecke die Erfahrung der Nachwendezeit: das Gefühl, vom Westen kolonisiert, abgewertet zu werden. Ihr Film erzählt diese Erfahrung als Vorgeschichte zum Pogrom.
Seitdem sind 25 Jahre vergangen. Klar ist nur, dass sich in Dresden eine Empörung sammelt, hinter der etwas Größeres steckt als Angst vor Islamisten. Aber ich kann das aus meinem Erfahrungsschatz heraus nicht erklären. Ich kann nur sagen: Ich liebe den Artikel 5 des Grundgesetzes, wonach Kunst, Rede und Presse frei sind.

Sie blicken als Verfassungspatriot und als Westdeutscher auf die Debatte.
Mag sein. Ich bin in Schwaben, Hessen, Rheinland und in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Also ziemlich westdeutsch. Deshalb war der Co-Autor des Films, Martin Behnke, ein Ostdeutscher.

Als Flüchtlingskind ist Ihr Blick noch komplexer. Sie denken westdeutsch, fühlen sich aber manchmal fremd.
Ich habe eine Hybrid-Identität. Eine Mischung aus Assimilierung und bestimmten Zügen, die ich nicht loswerde: afghanisch, kanackisch, wie auch immer. Mein Großvater, der mich großgezogen hat, sagte immer: Du wirst in Deutschland nie zu Hause, aber auch in Afghanistan immer Ausländer sein. Du bist ein Vogel ohne Beine: Du kannst nirgendwo landen.

Woran merken Sie das?
Ich bin stolz auf das, was meine Eltern mir mitgegeben haben, aber im Kreis meiner Verwandten bin ich immer der steife Deutsche. Ich bin als Schüler durch die KZs getrieben und im Geschichtsunterricht über die Jahre mit den Naziverbrechen bombardiert worden. Ich kann bis heute Gedichte zitieren, die jüdische Häftlinge in die Wände der Vernichtungslager kratzten. Ich trage diese Erbschuld genau so in mir wie meine deutschen Freunde.

„Hybrid-Identität“ klingt positiv: Sie können verschiedene Blickwinkel einnehmen. Sie können nicht landen, aber Sie haben Flügel. Wie unterscheidet sich das von der Heimatlosigkeit, die die Rostocker Jugendlichen in Ihrem Film empfinden?
Der Unterschied ist, dass ich weiß: Ich habe eine Zukunft in Deutschland. Diese Kinder wussten das nicht. Sie fühlten sich vielleicht noch unwillkommener in ihrem eigenen Land als ich. Ich lebe heute in einer pluralistischen Gesellschaft, in der meine Community dabei ist, anzukommen. Die dritte Generation der Migrantenkinder ist progressiv, hat sich eine Stimme verschafft. Die Kids von Lichtenhagen waren damals gerade drei Jahre in dieser neuen Welt, und es sah nicht so aus, als hätten sie darin eine Zukunft.

So wie heute manche Migrantenkinder, die sich nun auch ideologisch radikalisieren lassen – von Salafisten.
Ja, Soziologen beschreiben, dass Einwandererkinder manchmal an ihrer traditionellen Erziehung scheitern. Ihr anerzogenes Rollenbild unterscheidet sich extrem von dem, was ihnen in Deutschland vorgelebt wird. Kommt dann ein geschickter Einflüsterer, kann durchaus Ähnliches ablaufen, wie wir es von Rostock nachzeichnen konnten, wo die orientierungslosen jungen Menschen auf Neonazi-Einflüsterer trafen.

Interview: Steven Geyer

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum