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Niemals klein-klein

Bei den Grünen hat er einst Otto Schily ausgestochen, jetzt richtet sich Thomas Ebermann in der Literatur ein

18.11.2004 00:11
CHRISTOPH ALBRECHT-HEIDER
Als sie noch zu einer Partei gehörten: Ebermann und Otto Schily (links) 1987 in der Grünen-Fraktion im Bonner Bundestag. Zwei Jahre später verabschiedet sich der eine von der Parteipolitik, der andere wechselt in die SPD und wird schließlich Bundesinnenminister. Foto: ap

An diesem Abend, auf dieser Bühne muss er sich nicht vorstellen. Vor den vielleicht 90 Menschen, die den hellblau besesselten ehemaligen Kinosaal zu zwei Dritteln füllen, tritt Thomas Ebermann einfach ins Scheinwerferlicht und sagt das Programm an, sein Programm im Polittbüro; so heißt die Kleinkunstbühne der Kabarettistin Lisa Politt, die Ebermann seit 20 Jahren kennt. Das Polittbüro liegt zwischen türkischen Imbissen und Läden für Sexualartikel im Hamburger Kiezviertel St. Georg. Dort veranstaltet Ebermann alle zwei, drei Wochen die Reihe Vers-und Kaderschmiede. Wer zu den Literatursoirees kommt, auf denen Schauspieler von Hamburger Bühnen Texte lesen, weiß für gewöhnlich, wer der große Mann da vorne ist. Viele hat er ohnehin schon vorher begrüßt und trifft sich mit ihnen hinterher im Foyer. Man raucht und trinkt und redet, während der Abend in die Nacht übergeht.

Ebermann macht sich gern um die Literatur verdient, wie an diesem Abend um die Schriftstellerin Veza Canetti, aber es stellt ihn allein nicht zufrieden. "Ich kann mich nicht damit bescheiden, dass alles klein-klein ist." Er kann es so sagen, er muss es so sagen, denn er war mal ein Großer, in der Politik, und Ebermann ist nach wie vor ein durch und durch politischer Mensch. Er hat, nur als Beispiel und für alle, die seinen Namen noch nie gehört haben, 1987 die Wahl zu einem von drei Sprechern der Grünen-Bundestagsfraktion knapp gegen Otto Schily gewonnen. Schily trat zwei Jahre später nach rechts weg (und in die SPD), Ebermann blieb links und verließ deshalb ein paar Monate nach Schily die Umwelt-Partei.

Unverändert politisch

Die Brecht'sche Parabel von Herrn K. fällt einem ein, der "Oh" sagte und erbleichte, nachdem ein alter Bekannter, den er nach vielen Jahren wieder getroffen hatte, befand: "Sie haben sich gar nicht verändert." Muss man sich verändern? Seit 25 Jahren lebt Ebermann im Schanzenviertel, Hamburgs Kreuzberg. In der Nähe spielt der FC St. Pauli. Ebermann schaut sich nur noch Spiele der zweiten Mannschaft an. Wie es dazu kam, erklärt ein bisschen, wie Ebermann handelt - und warum er nurmehr eine Randfigur ist. Als, Jahre ist's her, selbst linke St.Pauli-Fans den ruppigen Manndecker Schlindwein auch dann noch auf dem Platz sehen wollten, nachdem er seinen brasilianischen Mannschaftskollegen Manzi als "schwarze Sau" beschimpft hatte, bekam Ebermann Angst vorm hemmungslosen Enthusiasmus der Fans. Also mischt er sich jetzt nur noch unter die paar Hundert, die den Oberligisten FC St.Pauli II sehen wollen. Immer noch regelmäßig findet man Ebermann bei den Trabern in Hamburg-Bahrenfeld. Ein eigenes Pferd hat er aber nicht mehr laufen wie damals, als Talkshow-Moderatoren den Ökosozialisten Ebermann stets nach diesem seinem Hobby fragten.

1982 hat der Arbeitersohn Thomas Ebermann als Sprecher der Grün-Alternativen Liste (GAL) mit SPD-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi "Tolerierungsgespräche" geführt. Es muss für beide ein Kulturschock gewesen sein. Die Gegensätze in Habitus und Gedankenwelt zwischen dem nachlässig gekleideten, schnoddrigen Systemgegner und dem vornehmen Stadtoberhaupt hätten kaum größer sein können. Die Gespräche nahmen auch kein gutes Ende.

Ebermann legt noch immer keinen Wert auf Äußeres, seine krausen Haare sind nicht viel weniger, aber heller geworden, die tiefe Tonlage, die unaufgeregte Stimme, die norddeutsche Melodie sind geblieben. Auch dem Anschein nach hat sich nichts verändert.

"Die Grünen sind gar nichts mehr"

Zum Frühstück ist er mit dem Rad gekommen. Das Café Stenzel liegt ein paar Häuser vom seit 15 Jahren besetzten Kulturzentrum Rote Flora entfernt. Ebermann wohnt hier quasi um die Ecke. "Die Grünen sind gar nichts mehr", sagt er bei Rührei und Kaffee und wirkt in dem Moment betrübt, trauert aber den Zeiten nicht nach. "Ich mache seit 35 Jahren Politik, da sind die Grünen nur eine achtjährige Episode." Mit der PDS hat er, der mit Bundesminister Jürgen Trittin die ehemalige Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund teilt, nichts im Sinn und mit der neuen Linksgruppe Wahlalternative auch nicht.

Richtig wohl gefühlt hat er sich nur im ersten Parlamentsjahr in Hamburg, in der "man von einer radikalen Szene getragen wurde". Mit Ebermann ging es steil nach oben, von der Hamburger Bürgerschaft in die Bonner Bundestagsfraktion. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hielt ihn Mitte der 80er Jahre für eines "der auffälligsten jungen Talente", die Süddeutsche Zeitung nannte ihn eine "politische Naturbegabung", das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt sah "schiere Lebenslust, gepaart mit politischer Standhaftigkeit". Ebermann war ein Medientyp. Konnte frei reden, war antiautoritär und schlagfertig. Ein Mann für die politische Debatte. Sprach bedächtig, aber auf Konter bedacht. So redet er noch immer, langsam, aber aufmerksam im persönlichen Gespräch. Wie früher. Nur hören heute viel weniger zu.

In seinem arbeitsreichsten Bonner Jahr kam er auf 228 Auftritte. "Da fremdelt man mit sich selbst." Er war übermütig, er saß in vielen Talk-Shows - zu vielen, wie er einräumt -, er erfuhr den kurzen Anflug der "Sehnsucht, Held der bürgerlichen Gesellschaft zu werden". Er ist es nicht geworden, hat es nicht wollen und hat sich bald von dem politischen Betrieb, der durchsetzt ist mit dem "Gift des Konstruktiven", verabschiedet und damit auch vom Job. Was Ebermann von den Mitstreitern jener Jahre, die heute mitregieren, entschieden unterscheidet, ist die Einstellung zur Macht. "Die Sehnsucht, mit SPD-Linken Hintergrundgespräche zu führen, habe ich nie gespürt." Er rechnet aber nicht ungefragt ab, verspürt keine Lust, ständig jenen Jahren hinterherzureden.

Thomas Ebermann, geboren 1951 in Hamburg, Sohn eines Schweißers und einer Näherin aus dem Stadtteil Bergedorf, kennt nur zwei feste Beschäftigungsverhältnisse: Arbeiter (sieben Jahre) und Abgeordneter (sechs Jahre). Seit dem Austritt aus der grünen Partei 1990 verdient er sein Geld als Radiomoderator, Publizist, Buchautor. Mit seinem politischen Weggefährten Rainer Trampert geht er auf ausgedehnte Lesereisen durch deutsche Kleinstädte, er hält Referate und diskutiert auf Podien, aber es war alles schon mal mehr, schon mal besser, schon mal einträglicher.

Mensch, Thomas, gib doch auch mal nach, pass Dich ein bisschen an, verschleudere Dein Talent nicht. Ebermann registriert Kopfschütteln um ihn herum, aber er bleibt intellektuell sperrig. Ist sein Dauerwohnsitz Hamburg seine Heimat? "Heimat ist mir ein fremdes Wort." Hat er gegen den Irak-Krieg protestiert? "Ich gehe nicht zu Demos, auf denen die Redner Schröder loben." Und die Aufmärsche gegen Sozialabbau unter dem Schlagwort "Wir sind ein Volk"? Ihn stört die Parole, weil in ihr das "Völkische" mitschwingt.

Nur nicht rührselig klingen

Er wäre schon "sehr gern organisiert", aber "ohne die törichten Rituale von Disziplin." Er spürt seine Einflusslosigkeit und zitiert Theodor Adorno, wonach es schwer sei, sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen. Sozialist Ebermann will aber um Gottes Willen nicht rührselig klingen. Schließlich ist seine politische Position sein freier Wille und der daraus erwachsene Individualistenstatus zwar eine "Notsituation", aber eben auch eine gewollte. Und obwohl er erst lernen musste, mit den Einkommensschwankungen des freien Autorendaseins fertig zu werden ("ich habe es mir angewöhnt, keine Angst zu haben"), stimmt er keine Klagen an, denn "alle, die von der Intellektualität leben können, sind sauprivilegiert". In seinen Lebensrhythmus hat er eine zweimonatige Auszeit pro Jahr eingeführt. Da fährt er weg, irgendwohin, wo es billig ist, und arbeitet nicht. In Litauen war er jüngst, mit dem Bus, Hotels für zehn Euro die Nacht, eine Mahlzeit für drei. Vielleicht geht es das nächste Mal nach Rumänien.

Thomas Ebermann, den man einen Polit-Profi genannt hat in Zeiten, als dies bei den Grünen eine unerwünschte Qualifikation war, hält sich auf den Gebieten der Literatur und des Kabaretts für einen "fröhlichen Dilettanten", was ihn nicht daran hindert, sich dort zu tummeln. Im kommenden Jahr wird der 100. Geburtstag Jean-Paul Sartres gefeiert. Ebermann wird den französischen Schriftsteller zum Thema seiner Reihe Vers- und Kaderschmiede im Polittbüro machen. "Ich arbeite mit großer Freude daran", sagt der alte Linke, "Sartre zu begreifen."

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