Lade Inhalte...

„The Innocence of Muslims“ Die Unschuld der Cindy Lee Garcia

Im Schmähvideo gegen den Propheten Mohammed spielt Cindy Lee Garcia eine Nebenrolle. Lange suchte sie nach Ruhm, jetzt ist sie weltweit bekannt - aber auf eine andere Art als gewünscht. "Ich habe keine Angst", sagt die Schauspielerin. "Ich bin nur stinksauer."

Die Schauspielerin Cindy Lee Garcia. Foto: picture alliance

Im Schmähvideo gegen den Propheten Mohammed spielt Cindy Lee Garcia eine Nebenrolle. Lange suchte sie nach Ruhm, jetzt ist sie weltweit bekannt - aber auf eine andere Art als gewünscht. "Ich habe keine Angst", sagt die Schauspielerin. "Ich bin nur stinksauer."

"Ich habe keine Angst“, sagt Cindy Lee Garcia. „Mein Mann hat Angst. Ich bin nur stinksauer“. Im Interview mit dem Nachrichtensender CNN wirkt die rothaarige Frau gleichwohl den Tränen nahe. Fünfzehn Jahre lang hat sie mit Model-Jobs, Theaterauftritten und kleinen Filmrollen die Öffentlichkeit gesucht. Nun klopft der Unruhm an ihre Tür: Der islamfeindliche Schmähfilm „The Innocence of Muslims“ wurde zum Anlass gewalttätiger Proteste in mehreren islamischen Ländern. Cindy Lee Garcia spielt darin die Nebenrolle einer Mutter, die ihre minderjährige Tochter an einen Bräutigam verkauft – erst im Nachhinein hieß dieser Mohammed. „Ich sehe mich im Zentrum eines Alptraums“, klagt Garcia. „In einer Welt, für die ich um Gottes Hilfe gebetet hatte. Töten ist niemals richtig.“

Den Namen bekanntmachen

Der Sender CNN folgt Garcias Bitte, ihren Namen nicht zu nennen, doch der ist längst bekannt, seit der Internet-Blog Gawker ein Gespräch mit der Frau aus dem kalifornischen Bakersfield veröffentlichte. Auch der Lokalzeitung The Bakersfield Californian gewährte sie einen Hausbesuch, offenbar ohne auf Anonymität zu bestehen. Tatsächlich hat Cindy Lee Garcia in den vergangenen Jahren viel dafür getan, um ihren Namen bekannt zu machen. Auf der renommierten Webseite Internet Movie Database wirbt sie mit einem Portfolio für sich. Für einen Jahresbeitrag von 125 Dollar ist das auch für all Jene ein bezahlbarer Service, die nicht von ihrer Filmarbeit leben können. Menschen wie Cindy Garcia.

Unter ihren 39 offiziellen Fotos stammen nur wenige von professionellen Fotografen. Viele sind unscharfe Schnappschüsse. Sie zeigen eine selbstbewusste Frau mit langen roten Haaren. Ihr Rollenspektrum beziffert sie auf die Altersspanne von 38 bis 50 Jahren. In einem Netzwerk für Filmschaffende gibt sie ihr Alter mit 46 Jahren an; sie glaubt jedoch jünger auszusehen. „Ich gehe für 34 Jahre durch“, bewirbt sie sich, daneben steht eine Handynummer.

Mehr als hunderttausend Schauspieler sind in Los Angeles gewerkschaftlich organisiert, nur ein Fünftel davon findet regelmäßige Engagements. Cindy Lee Garcia ist nicht einmal in der Gewerkschaft. Vielleicht hat sie sich deshalb auf die Casting-Anzeige zu dem Wüstendrama „Desert Warriors“ gemeldet, auf der ausdrücklich auch Nichtmitglieder angesprochen wurden. Für verschiedene kleinere Rollen suchte man „exotische und attraktive Frauen bis 40“. Und tatsächlich: Für wenige Tage während der zweieinhalbwöchigen Drehzeit erhält sie insgesamt 500 Dollar. Das ist etwas mehr als eine Statistengage.

„Ist Ihr Gott ein Kinderschänder?“

Viel ist über den Aufwand des vor eingeblendeten Wüstenlandschaften gedrehten Films spekuliert worden. In einigen Berichten firmiert die später „The Innocence of Muslims“ betitelte Produktion als Amateurfilm; andere Reporter schätzen das Budget auf fünf Millionen Dollar. CNN berichtet von immerhin achtzig Mitwirkenden, die sich in einer Erklärung gegenüber dem Sender von den anti-islamischen Intentionen des Films distanzieren. Einen sechsstelligen Dollarbetrag dürfte die Produktion also verschlungen haben. Zur einzigen dokumentierte Aufführung unter dem Titel „The Innocence of Bin Laden“ in einem gemieteten Kino kamen im Juni 2011 weniger als zehn Gäste.

Cindy Lee Garcia will von der islamfeindlichen Tendenz des Drehbuchs nichts bemerkt haben. „Da stand nichts drin von Mohammed oder dem Islam“, klagt sie im Gawker-Interview. Ihr Satz im Trailer auf YouTube – „Ist Mohammed ein Kinderschänder?“– sei nachsynchronisiert worden. Gesagt habe sie lediglich: „Ist Ihr Gott ein Kinderschänder?“ Aber welche Religion, wenn nicht der Islam, sollte wohl sonst damit gemeint gewesen sein?

Explore Talent heißt eine weitere Webseite, auf der sich Garcia anpreist. Auch kleinste Model-Jobs sind hier minutiös aufgelistet. Es ist die typische Vita einer hoffnungsvollen Amateurin. Ironischweise schien sich Garcias Stern tatsächlich gerade etwas zu erheben. Am kommenden Mittwoch soll nun in Los Angeles der erste professionelle Spielfilm Premiere haben, in dem Garcia eine kleine Nebenrolle hat: In dem Liebesdrama „Broken Roads“, einer seriösen Independent-Produktion, spielt sie eine Krankenschwester.

Nennt sich selbst auch Missionarin

Noch zwei weitere Filmtitel zählt Cindy Lee Garcias bescheidene Filmographie: Im Kurzfilm „Evolution of the Dead“ ist sie ein paar Sekunden lang die US-Präsidentin. Es ist eine kurze Parodie auf das Zombie-Genre, abgedreht in 48 Stunden für einen Wettbewerb. Ein junger Mann will sich darin nicht den Warnungen der Präsidentin beugen, die im Fernsehen von einer Invasion von Untoten berichtet. Als Ninja-Kämpfer zieht er in den Kampf und wird schließlich bei lebendigem Leibe gefressen. Durchaus charmant erzählt dieser kleine Film das alles ohne Blutvergießen.

Dann ist da noch ein Werbefilm namens „Sugar & Spice & Company“, den hat Garcia selbst produziert. Sie spielt sich als Chefin der eigenen Model-Agentur. Das klingt nach Glamour und dient zusätzlich einem guten Zweck: Die Non-Profit-Gesellschaft vermittelt Nachwuchs-Models für Fashion-Shows. Mit einem Großteil ihrer Einkünfte unterstützt Garcia nach eigenen Angaben Waisenkinder und Witwen in Malawi, sie nennt sich selbst auch Missionarin. Einmal bezeichnet sie ihre jährlichen Reisen in das zu achtzig Prozent christliche, afrikanische Land als „Kreuzzüge“.

Und obwohl Cindy Lee Garcia nur über einen Hauptschulabschluss verfügt, ist sie auch Pastorin. Ihre Kirchengemeinde, die sie in Bakersfield leitet, trägt den Namen „Flame of the Fire Outreach“. Auf der Facebook-Seite, die sie dafür eingerichtet hat, prangt an prominenter Stelle eine „Gefällt-mir“-Angabe für die NRA, den amerikanischen Verband der Waffenbesitzer. Sollte Garcia wirklich ganz ungewollt in einen antiislamischen-Film geraten sein?

Beteuerung der eigenen Unschuld

„Ich hatte mit all dem nichts zu tun“, betont sie im Gawker-Interview die eigene Unschuld an „The Innocence of Muslims“. „Jetzt haben wir Tote wegen eines Films, in dem ich bin – es macht mich krank.“ Doch wann will sie den Betrug bemerkt haben? In ihrem Eintrag auf der Webseite Explore Talent sieht man noch heute einen stolzen Hinweis auf ihre Talentproben, die man bei Youtube finden kann. Und darunter ist auch eine bislang unbekannte Titel-Variante des zunächst „Desert Warriors“ betitelten Wüstendramas: „Mohammad“ heißt der Film da plötzlich. Merkwürdig. Dabei kam dieser Name doch im ganzen Film nicht vor.

Cindy Lee Garcia, die ehrgeizige Schauspielerin und christliche Predigerin, weiß vielleicht doch etwas mehr über die Geschichte dieses unseligen Schmähfilms, als sie gegenüber den amerikanischen Medien beteuert. Eine Anfrage unserer Zeitung blieb bis dato unbeantwortet. Den Leitspruch ihrer Kirche hat sie übrigens im Johannes-Evangelium gefunden: „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen