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Theologin zu Missbrauch "Das ist demagogisch"

Die Kirche hat sich schuldig und damit angreifbar gemacht, sagt Theologin Marianne Heimbach-Steins. Mit der FR spricht sie über abgeschmackte Nazi-Vergleiche und Kirchenmänner, die sich verfolgt fühlen.

30.03.2010 00:03
"Viel zu lange wurde der Selbstschutz der Kirche über alles andere gestellt", sagt Heimbach-Steins. Foto: ddp

Frau Heimbach-Steins, der Regensburger Bischof Gerhard Müller will im Missbrauchsskandal eine mit Goebbels´ Hetze vergleichbare Medienkampagne gegen die katholische Kirche ausgemacht haben.

Die Behauptung einer Kampagne lenkt vom eigentlichen Problem ab. Es geht nicht an, den Feuermelder zum Brandstifter zu machen. Und indem Bischof Müller die Gläubigen dann auch noch zum "Widerstand" aufruft, verschiebt er die moralische Verantwortung ein zweites Mal: Unbeteiligte werden funktionalisiert, um vom Versagen einer Vielzahl kirchlicher Amtsträger abzulenken. Ich halte das für demagogisch.

Angriff ist die beste Verteidigung?

Die Kirche hat sich schuldig und damit angreifbar gemacht. Darüber sollte nichts hinwegtäuschen - weder abgeschmackte Nazi-Vergleiche noch Versuche, die "säkulare Gesellschaft" oder die 68er für Missbrauch verantwortlich zu machen.

Wie Bischof Mixa aus Augsburg das getan hat.

Die Position führt auf eine falsche Fährte, als ob ein veränderter - und weniger verklemmter - Umgang mit Sexualität zur Pädophilie geführt hätte. Ich halte das Argument aber auch für moralisch fragwürdig, weil es wiederum den Eindruck erweckt, die Verantwortung auf andere abzuwälzen.

Ab welchem Umfang wird das Versagen Einzelner eigentlich zu einem Versagen des Systems?

Das ist kein quantitatives Problem. Die Verantwortung der Einzelnen ist nicht "abzulösen" durch den Verweis auf das System. Aber die christliche Ethik kennt neben dem schuldhaften Verhalten des Individuums auch die "strukturelle Sünde". Und im Fall des Umgangs mit Missbrauchsfällen zeigt sich meiner Ansicht nach so etwas auch in der Kirche als Institution.

Inwiefern?

Viel zu lange wurde der Selbstschutz der Kirche über alles andere gestellt. Das hat in der Praxis dazu geführt, dass Vergehen geheim gehalten wurden, die veröffentlicht gehört hätten; dass Opfer nicht gehört und anerkannt wurden, dass Täter nicht konsequent aus der Gefahrenzone herausgeholt wurden. Ich habe immer noch den Eindruck, dass die beschwichtigende Rede von - wenn auch vielen - Einzelfällen die Auseinandersetzung mit dem Strukturproblem verhindert. Selbst im Brief des Papstes an die irische Kirche ist das so.

Wo liegt das Strukturproblem?

Ich sehe einen Komplex von Problemen. Ein erster Punkt betrifft die priesterliche Lebensform. In der Ausbildung und Begleitung der Kleriker muss der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Sexualität offen thematisiert werden. Missbrauch von Amtsmacht - denn das ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche - muss konsequent geahndet werden. Eine offene Diskussion darüber, ob Zölibat und Priesterberuf zwingend zusammengehören müssen, muss endlich zugelassen werden.

Und der zweite Punkt?

Betrifft weitergehende Fragen der kirchlichen Selbstdeutung. Aktuell zeigen sich, so scheint mir, Relikte eines Selbstverständnisses, das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden sein sollte, nämlich die Kirche als "societas perfecta" - als vollkommene Gemeinschaft - innerhalb oder neben der säkularen Gesellschaft zu betrachten.

Das heißt?

Die Kirche und ihre Institutionen werden als heilig und unantastbar begriffen, so etwas wie strukturelle Sünde gilt für die Kirche selbst als ausgeschlossen. Aus diesem Verständnis heraus wird sie für fähig gehalten, Probleme in den eigenen Reihen selbst zu lösen - also insbesondere ohne Eingreifen der staatlichen Justiz oder ohne angemessene Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse. Das ist nicht nur unvereinbar mit einem modernen Verständnis der Kirche, sondern auch kaum vermittelbar im Verhältnis zwischen Kirche und säkularem Staat.

Der Papstkritiker Hans Küng sagt sinngemäß, dass Benedikt XVI., der bis 2005 an der Spitze der für Missbrauchsfälle zuständigen Glaubenskongregation stand, als Aufklärer so glaubwürdig sei wie der Frosch, der den Sumpf trockenlegen will.

Ich halte es vom Anspruch und in der Sache für falsch, dass die Aufklärung zentral von Rom aus erfolgen soll. Die erste Verantwortung liegt bei den Ortskirchen. Andererseits kann in der hierarchisch strukturierten Organisation der katholischen Kirche der Papst nicht außen vor bleiben. Erst recht nicht, da Benedikt XVI. als früherer Münchner Erzbischof in die deutsche Situation involviert ist und als Kurienkardinal autoritative Vorgaben für den Umgang mit den Missbrauchsfällen gemacht hat.

Und was folgern Sie daraus?

Es gehört umso mehr zur versprochenen vollständigen Aufklärung, dass sich Papst Benedikt XVI. mit den angesprochenen Strukturfragen auseinandersetzt. Er ist keine neutrale - gleichsam außenstehende - Beurteilungsinstanz, sondern durch sein Amt Teil des Systems.

Interview: Joachim Frank

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