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Spielfilm über die Odenwaldschule "Fiktion kann Leben retten"

Sylvia Leuker und Benedikt Röskau arbeiten an einem Spielfilm über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule: Ein Gespräch über richtige Zeitpunkte, große Missverständnisse und schwere Verantwortung.

07.03.2012 16:14
Spielfilm-Schauplatz Odenwaldschule. „Jeder Satz, der in diesem Film gesprochen wird, ist ein erfundener Satz“, sagt Benedikt Röskau. Foto: Getty

Herr Röskau, Frau Leuker, Sie schreiben das Drehbuch zum Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Doch noch ist das ganze Ausmaß des institutionellen Missbrauchs an dem Vorzeigeinternat der Reformpädagogik nicht erfasst, geschweige denn, dass das, was man als Schamfrist empfinden könnte, abgelaufen wäre. Ist es nicht zu früh für einen Spielfilm?

Benedikt Röskau: Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ein Stoff an mich herantritt und ich den Eindruck habe, den könnte ich machen, dann ist die Zeit dafür genau die Richtige. Das war bei dem Film „Contergan“ auch so.

Aber der Conterganskandal lag damals schon lange zurück.

Röskau: Ja, ungefähr 25 Jahre, und das ist kein Zufall. Bei dem Romy-Schneider-Film bin ich auch im 25. Jahr nach ihrem Tod angerufen worden. Unser Film über die Odenwaldschule wird ebenfalls vor 25 Jahren spielen. Die Contergan-Opfer sind 25 Jahre nach dem Prozess, der 1970 endete, alle in Frührente gegangen und hatten Zeit, sich zu organisieren. Und ich kenne Ehemalige der Odenwaldschule, die heute Anfang 40 sind. Das ist das Alter, wo man noch mal über sich nachdenkt. Die fangen jetzt an zu reden.

Sylvia Leuker: Nach Christoph Röhls Film „Wir sind nicht die Einzigen“ muss einfach etwas nachgeschoben werden. Die Doku geht einem sehr an die Nieren, weil Röhl endlich die Opfer reden lässt. Aber von den Tätern kommt nichts, weil sie entweder verstorben sind oder sich nicht äußern. Noch ist der Skandal relativ frisch, aber bald wird sich die Geschichte abnutzen, wenn die Medien weiter darüber berichten. Von daher ist es höchste Zeit, diesen Film zu machen.

Können Sie erklären, warum genau Ihnen der Dokumentarfilm von Röhl wehtut? Was könnte sich da abnutzen?

Röskau: Wenn man im Film die Wahl hat, ist das Opfer in der Regel blond, weiblich, jung und kreischend. Das ist besonders im Horrorfilm ein Topos, gelegentlich sogar ein Klischee. Jungs gelten nicht als klassische Opfer. Nun sind sie es geworden, was sie in Röhls Film im Mannesalter offenbaren. Und sie haben riesige Schwierigkeiten damit, sich einzugestehen, schwach gewesen zu sein. Das gesteht man, wenn überhaupt, eher Frauen zu. Das hat mich extrem schmerzhaft berührt.

Leuker: Was in Röhls Dokumentation sichtbar wird, ist der Schmerz der Männer. Aber man bekommt auch eine Vorstellung von der Systematik des Missbrauchs an der Odenwaldschule. Wie die Kinder da hinein verwickelt wurden, wie sie schon auf ihre Bedürftigkeit hin ausgesucht und abgerichtet wurden, die Übergriffe als etwas ganz Normales zu sehen. Wie sie eine Scham entwickeln und wie das Schweigen funktioniert. Das ist etwas, was ein Spielfilm wahnsinnig gut zeigen kann, weil er Strukturen beleuchten kann.

Wenn man eine Missbrauchsgeschichte erzählt, dann ist da immer die Gefahr, dass man die Opfer abermals traumatisiert, sie erneut zu Opfern macht. Wie werden Sie das in Ihrem Drehbuch verhindern?

Leuker: Wir wollen zeigen, dass die Jungs das Gegenteil von „selber schuld“ waren, wie Gerold Beckers Lebensgefährte Hartmut von Hentig später behauptete. Das Perfide ist, dass pädophile Täter auf Jungs von zwölf bis vierzehn oder fünfzehn stehen, noch ohne Körperbehaarung. Ausgewachsene Männer machen sich da an Kinder ran, denen sie körperlich absolut überlegen sind. Die Betroffenen erzählen in Röhls Film, dass die Übergriffe erst so im Alter von fünfzehn, sechzehn Jahren aufhörten, weil die Jungs wehrhafter wurden und unattraktiver für die Täter. Und wer sich gegen den Schulleiter Gerold Becker oder den Musiklehrer Wolfgang Held wehrte, wurde sofort aus diesem System ausgegliedert, bekam Schwierigkeiten an der Schule und war unter Umständen nicht mehr lange da.

Wie schnell war Ihnen klar, dass Sie die Geschichte Mitte der achtziger Jahre spielen lassen? Weil Ihnen historische Stoffe liegen?

Röskau: Es geht ja in einem Film darum, der handelnden Person ein Ziel zu geben. Und das kann in diesem Fall nur die Eliminierung des Feindes sein. Da Gerold Becker die Odenwaldschule 1985 verlassen hat, war ganz klar, dass der Film kurz davor spielt, sonst funktioniert die Geschichte nicht. Im Übrigen habe ich noch nie einen historischen Film geschrieben. Meine Filme spielen immer in der Gegenwart. Das wird nur mit den Kostümen und dem Szenenbild kaschiert. Die Verkleidung im historischen Film gibt uns die Möglichkeit über Themen, die wir heute selbstverständlich finden, neu nachzudenken.

Ein historischer Film rückt traumatische Ereignisse in eine entzifferbare Distanz.

Röskau: Das ist das eine. Das andere ist, dass die Figuren alle konstruiert sein werden, auch wenn sie historische Figuren sind. Becker ist bei uns eine fiktionale Figur, er muss es sein. Jeder Satz, der in diesem Film gesprochen wird, ist ein erfundener Satz.

Warum muss das so sein?

Röskau: Die Tatsache, dass unsere erfundene Geschichte auf realen Ereignissen beruht, hat nichts damit zu tun, auf welche Art und Weise wir sie erzählen, ob als Doku oder Fiktion. Die Dokumentation hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr in Richtung Fiktion verschoben – dadurch ist die Verwirrung entstanden. Nachgespielte Szenen in Dokus – eigentlich absurd, aber entstanden aus Mangel an Bildern und Emotionen. Dass ein Spielfilm als „Doku-Drama“ mit einer Dokumentation gleichgesetzt wird, ist ein Riesenmissverständnis.

Leuker: Aber eigentlich nur in Deutschland. Hier gibt es die Dokumentation, und die muss als solche ganz wahr sein, oder die Fiktion, die fast immer schon mit einer Illusion oder Lüge gleichgesetzt wird. Einen guten fiktionalen Film macht aber gerade das Erfundene aus, weil das die Wahrheit erst sinnlich erleben lässt.

Stimmt, manche Agenturen haben gemeldet, dass Sie ein Doku-Drama schreiben. Wo ist der Vorteil der reinen Fiktionalisierung?

Leuker: Bei diesem Stoff liegt es auf der Hand. Der große Antagonist ist tot. Wir können Gerold Becker nicht fragen. Wir müssen Lücken füllen, da hilft das Dokumentarische einfach nicht weiter.

Röskau: Ich stelle mir einfach die Frage, ob ich auch ein Opfer hätte sein können. Ich wäre als Kind in einem Pfadfinder-Lager um ein Haar selbst Opfer von Übergriffen geworden. Mir ist nichts passiert, aber mit Sicherheit nur, weil der Mann davon ausgehen musste, dass ich mich gewehrt hätte. Genau diesen Vorwurf machen sich die Opfer der Odenwaldschule: Dass du dich nicht gewehrt hast, ist das Allerschlimmste. Das zerfrisst dich. Und das ist, was man in der Fiktion so gut zeigen kann.

Sie vernachlässigen also das Dokumentarische zugunsten einer emotionalen Authentizität?

Röskau: Ein Dokumentarfilm kann nicht authentisch sein. Er bildet richtig ab, oder er bildet nicht richtig ab. Authentizität ist meiner Meinung nach ausschließlich eine Möglichkeit der Fiktion. Über den Film „Der Untergang“ hat Oliver Storz in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel geschrieben, der hieß „Wie echt“. Er hatte als Kind im Dritten Reich mit kleinen Panzern und Soldaten gespielt, und auf der Packung stand „wie echt“. Storz schrieb, genauso sei der Film gewesen, wie echt, aber nicht authentisch. Dokumentarfilme sind der Wahrheit verpflichtet, wir hingegen sind der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Das geht viel weiter.

Leuker: Wir können nicht einfach nur abbilden, damit kommt man nicht an die Emotionen ran, an das, was der Zuschauer später von sich aus mit dazu denkt. Und wenn der Film gut wird, wird genau das eine gewisse Schicht ärgern, weil er erreicht, dass die Leute mitfühlen können, was passiert ist. Das ist es, was am Film „Contergan“ für Grünenthal so ärgerlich war, dass plötzlich die Geschichte nachfühlbar wurde.

Röskau: Grünenthal hat mehr als ein Dutzend zum Teil hervorragende Dokumentarfilme fast kommentarlos zugelassen. Aber es hat sie auf die Palme gebracht, als sie hörten, das wir einen Spielfilm machten. Nur die Fiktion ist in der Lage, die Massen zu bewegen. Und davor hatten die Angst.

Wer wird eigentlich die Hauptfigur sein? Der Antagonist, also Gerold Becker, steht schon fest.

Röskau: Wir haben eine Figur gesucht und gefunden, die nicht unmittelbar betroffen ist und deshalb auch freier handeln kann. Mehr können wir zu diesem Zeitpunkt darüber nicht preisgeben.

Leuker: Das Projekt ist ja noch in der Entwicklungsphase, wir haben zwar schon einen Fernsehsender an Bord, den WDR, aber ein Film mit diesem Thema ist heikel und wir diskutieren gerade diese Aspekte sehr intensiv mit der Redakteurin Anke Krause, dem Produzenten Hans Koch und mit Christoph Röhl, der Regie führen wird. Wir tragen ja eine riesige Verantwortung, jeder von uns...

Und welches Genre werden Sie bedienen, ein Gerichtsfilm wird es nicht sein, etwa ein Coming-of-Age-Film oder eine Tragödie?

Röskau: Wir haben lange darüber nachgedacht, die Geschichte so zu konstruieren, dass die handelnde Figur scheitert und umkommt – oder am Ende die Schule verlassen muss, was aber ein ganz schwaches Ende wäre. Wir wollten auf jeden Fall zeigen, dass etwas passiert, machen aber auch deutlich, dass das bei weitem nicht genug ist. Unser Ende wird ein kompletter Pyrrhussieg, was ja für einen Film oft das Interessanteste ist. Man denkt, der Held oder die Heldin hat gesiegt und erkannt dann, dass es nur noch schlimmer kommt, denn die Vertuschung beginnt jetzt.

Leuker: Und das ist die Fortsetzung des Verbrechens mit anderen Mitteln. Vom Genre her wird unser Film ganz schlicht ein Fernsehdrama sein. Eines, dass die Leute dazu bringt, sich später zu erinnern: „Moment, diesen Mechanismus des Missbrauchs, den habe ich schon mal gesehen.“

Ist das Ihre Haltung? Sie wollen die Zuschauer aufklären?

Leuker: Ja, vor allem Kinder und Jugendliche. Beim großen Tsunami in Thailand gab es diese Geschichte von einer Familie, die gerettet wurde, weil der zwölfjährige Sohn den „Der Schwarm“ von Frank Schätzing gelesen hatte. Er erinnerte sich daran, als er sah wie das Meer zurückwich und sagte seinen Eltern, das ist ein Tsunami, wir müssen sofort weg.

Röskau: Fiktion kann Leben retten. Und unser Film soll eine Warnung sein. Schüler sehen eine Dokumentation völlig anders als eine Geschichte. Es gibt den uralten Disneyfilm „Die Wüste lebt“ mit der Geschichte von den Xhosa, die von der Jagd zurückkehren und abends ihre Begegnungen mit Tieren am Feuer nachspielen. Wie sie die Tiere jagen, wo die Gefahren liegen. Grandios. Das machen sie, damit die Kinder lernen, wie sie später selbst mit den Tieren umgehen sollen. Kinder lernen nicht durch Belehrung, sie lernen durch Erfahrung. Unser Film soll den Zuschauern Erfahrungen vermitteln, damit sie sie bitte nicht mehr selber machen müssen.

Das Gespräch führte Natalie Soondrum.

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