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Schloss Bieberstein Missbrauchsverdacht gegen Elite-Schule

Nach der Odenwaldschule sieht sich jetzt ein zweites Elite-Internat in Hessen mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert: Mitarbeiter des Internats Schloss Bieberstein sollen Schülerinnen mit Alkohol gefügig gemacht und missbraucht haben.

01.04.2010 12:04
Das Internat Schloss Bieberstein der Hermann Lietz Stiftung in Hofbieber. Foto: dpa

Hofbieber. Missbrauchsvorwürfe gegen ein Elite-Internat in Osthessen: Die Staatsanwaltschaft Fulda ermittelt, nachdem in einem anonymen Brief Beschuldigungen erhoben wurden. Ein Behördensprecher sagte am Donnerstag, es handele sich angeblich um Vorfälle aus den 1970er Jahren. In der Hermann-Lietz-Schule in Schloss Bieberstein soll ein Internats-Mitarbeiter Alkohol an Schülerinnen verkauft haben, um sie gefügig zu machen und dann zu missbrauchen. Namentlich beschuldigt wurden den Angaben zufolge insgesamt drei Personen, zwei davon sind bereits gestorben. "Diese Vorwürfe schockieren mich schon etwas", sagte Schulleiter Helmut Liersch der Nachrichtenagentur dpa.

Die Privatschule hat eine Aufklärungskampagne gestartet, nachdem die Vorwürfe an sie herangetragen wurden. Knapp 5000 Briefe seien an Altschüler verschickt worden. In dem Schreiben wird darum gebeten, mögliche sexuelle Übergriffe aus der Vergangenheit zu melden. "Es ist unser Wunsch und Wille, das aufzuarbeiten", betonte Liersch, der seit 2005 Rektor in dem Internat ist. Knapp 130 Oberstufenschüler leben in dem Barock-Schloss in der malerischen Mittelgebirgslandschaft. Ein Schuljahr an der Privatschule in Hofbieber kostet pro Schüler rund 30.000 Euro.

Ermittlungen nach anonymem Brief schwierig

Die Ermittlungen gestalten sich für die Staatsanwaltschaft schwierig. "Wir haben weder Namen von Opfern noch von dem Absender des Briefes", sagte Rainer Heblik von der Behörde in Fulda. Die in dem anonymen Brief genannten Vorwürfe waren der "Fuldaer Zeitung" zugespielt worden, die am Donnerstag darüber berichtete. Das Schreiben sei der Behörde von der Redaktion übergeben worden.

Wie viele Übergriffe es gab und wie viele Personen betroffen waren, ist unklar. In dem Schreiben sei nur die Rede von mehreren Missbrauchsfällen, die sich zwischen 1970 und 1977 ereignet haben sollen. Laut Schilderungen sollen Internatsangestellte aus dem technischen Bereich wie zum Beispiel Hausmeisterei oder Küche jungen Mädchen Alkohol verkauft haben. In der Wohnung des Beschuldigten soll der Mann ihnen Getränke serviert haben, um sie zu enthemmen und dann zu missbrauchen. "Wir haben mit dem Mann bereits gesprochen. Er ist mittlerweile über 70 und kann sich das alles nicht erklären", berichtete Rektor Liersch.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Fulda könnte es schwierig werden, die Fälle überhaupt noch zu ahnden. Die Verjährungsfrist bei Vergewaltigung betrage 20 Jahre. Selbst wenn die potenziellen Opfer zur Tatzeit noch nicht volljährig waren und die Frist erst später einsetzt, könnte es knapp werden, sagte der ermittelnde Staatsanwalt Stephan Müller-Odenwald der dpa. Für zivilrechtliche Ansprüche beträgt die Verjährungsfrist hingegen 30 Jahre.

In der Region gibt es drei Internatsschulen, die zur Lietz- Stiftung gehören: Haubinda in Thüringen, Schloss Hohenwehrda in Haunetal (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) und eben Schloss Bieberstein. Aktuelle Missbrauchsvorwürfe aus der jüngsten Vergangenheit seien nicht bekannt, sagte Liersch. Der Stiftungsvorstand sei bei Recherchen aber auf zwei Fälle von sexuellen Übergriffen gestoßen, die rund 30 Jahre zurücklägen. Je ein Fall soll sich in der damaligen Schule Buchenau und einer in Hohenwehrda zugetragen haben. Beide Mitarbeiter seien sofort entlassen worden.

Direktor der Odenwaldschule im Fokus

Bei der Aufarbeitung Missbrauchsvorwürfen in Osthessen fällt auch der Name des damaligen Direktors der Odenwaldschule. Gerold Becker hatte jüngst zugegeben, Schüler an der Privatschule im südhessischen Heppenheim missbraucht zu haben. Becker war über viele Jahre bis Ende 2009 im Vorstand der Hermann-Lietz-Schulen. Der Schulleiter war bereits Ende der 1990er Jahre wegen sexuellen Missbrauchs in den Fokus geraten. Zu dieser Zeit war er ebenfalls im Lietz-Vorstand tätig, schied wohl wegen der Vorwürfe für gut zwei Jahre aus, kehrte aber 2002 in das Gremium zurück.

Das zog zwar Proteste von Lehrern in Bieberstein nach sich. Doch der Vorstand hielt an seiner Entscheidung fest. Nach den Vorwürfen "in der Presse im Jahr 1998 hat mir Gerold Becker in einem langen Gespräch ehrenwörtlich versichert, dass diese unberechtigt sind", schreibt der Vorsitzende des Stiftungsvorstands, Jan Rüggeberg, in dem jetzt versendeten Brief an die Altschüler. Darin erklärt er noch einmal rückwirkend, warum man sich vor gut zehn Jahren nicht von Becker abwandte. (dpa)

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