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Odenwaldschule lehnt Entschädigung ab "Es gibt nichts zu feiern"

Die vom Missbrauchsskandal erschütterte Odenwaldschule feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Für die Opfer gibt es aber nichts zu bejubeln. Das südhessische Internat lehnt Entschädigungszahlungen an die Altschüler ab. OSO-Vertreter Michael Frenzel bittet in einem Brief "um Verständnis". Von Joachim Wille

Die Odenwaldschule blickt zurück auf 100-jährige Geschichte. Foto: dpa

Die Odenwaldschule wird den Altschülern, die in den 70er und 80er Jahren in dem südhessischen Internat sexuell missbraucht wurden, auf absehbare Zeit keine Entschädigungen zahlen. Das geht aus einem Brief hervor, den der Vorsitzende des OSO-Trägervereins, Michael Frenzel, an den Anwalt der Missbrauchsopfer gerichtet hat.

Die Schule sei "naturgemäß durch die Schlagzeilen, die sie seit März diesen Jahres gemacht hat, in eine schwierige betriebswirtschaftliche Lage gekommen", schreibt Frenzel. Nur wenn es gelinge, die OSO "wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, ihr Ansehen zu heben und damit wieder eine Zuwachs an neuen Schülern zu bekommen, wird sie künftig auch in der Lage sein, sich Entschädigungsansprüchen der Opfer zustellen - was keine Anerkenntnis im juristischen Sinne darstellt."

Der OSO-Vertreter bittet "um Verständnis, dass trotz der sicherlich berechtigten Belange Ihrer Mandanten der Vorstand es nicht zulassen kann, dass 140 Arbeitsplätze massiv gefährdet werden und über 200 Schüler möglicherweise ihre Schule verlieren, weil kurzfristig Entschädigungsansprüche gestellt werden". Frenzel gibt an, es sei ein "Anerkennungsfonds" für mögliche Zahlungen in Planung, der "möglicherweise durch Spenden gespeist wird." Wann das geschehe könnte, bleibt offen.

"Es gibt nichts zu feiern"

Der Vertreter einer Reihe von Missbrauchsopfern, der Frankfurter Anwalt Thorsten Kahl, zeigt sich über die Ablehnung empört. Entschädigungszahlungen bedeuteten nicht nur eine symbolische Wiedergutmachung. Damit könnten zum Beispiel auch Kosten ausgeglichen werden, die in den vergangenen Jahren für die psychologische und psychiatrische Betreuung der Opfer anfielen, sagte er der FR.

Kahl macht der Schule heftige Vorwürfe, die derzeit ihr 100-jähriges Jubiläum begeht. "Sie hätte auf das Fest verzichten sollen. Denn es gibt nichts zu feiern", sagte er. Die Opfer würden immer noch nicht wirklich ernst genommen. Wenn die OSO kein Geld flüssig habe, dann solle sie "einen Teil ihrer Ländereien verkaufen".

Die Missbrauchsfälle waren im Frühjahr durch FR-Berichte bekannt geworden. Bei dem Jubiläum versucht die Schule unter einem neugewählten Vorstand, mit Veranstaltungen zum Thema Missbrauch die über Jahrzehnte verschleppte Aufarbeitung voranzutreiben. Mehrere Lehrer, darunter auch der frühere Schulleiter Gerold Becker, hatten sexuellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

Inzwischen haben sich rund 50 betroffene Altschüler gemeldet. Die Schule rechnet damit, dass sich noch weitere Opfer melden. Viele der Betroffene können erst jetzt, lange Zeit nach den Taten, darüber sprechen.

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