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Odenwaldschule Ein Rettungsversuch unter Freunden

Hartmut von Hentig nennt Missbrauch an der Odenwaldschule erstmals Verbrechen – und löst trotzdem Empörung aus.

25.11.2011 17:00
Jörg Schindler
Hartmut von Hentig. Foto: dpa

Es sah nicht gut aus zuletzt für das Lebenswerk Hartmut von Hentigs. Der große alte Mann der deutschen Pädagogik war in den vergangenen Monaten vor allem durch Schönreden, Herablassung und trotziges Schweigen aufgefallen. Seine von jeder Anteilnahme ungetrübten Äußerungen zum Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule (OSO) hatten auch langjährige Anhänger befremdet.

Als er im Oktober bei der Golo-Mann-Tagung auftreten wollte, protestierten dagegen etliche Missbrauchsopfer. Im November erkannte ihm die Comenius-Stiftung einen vor 17 Jahren verliehenen Preis wieder ab. Hentigs unbestreitbare Leistungen auf dem Gebiet der Reformpädagogik verkamen dabei immer mehr zur Randnotiz eines langen Lebens.

Nun haben Freunde Hentigs einen Versuch unternommen, den 86-Jährigen zu rehabilitieren. Auf dem Internet-Portal „Forum Kritische Pädagogik“ veröffentlichten sie ein kurzes Schreiben Hentigs, in dem dieser erstmals überhaupt dezidiert einräumt, dass sich sein langjähriger Lebensgefährte Gerold Becker massiver sexueller Übergriffe schuldig gemacht hat.

Das Papier stammt bereits vom Juli 2011 und ist überschrieben als „Ein Klärungsversuch“. Mit ihm jedoch hat Hentig die Betroffenen erneut maßlos enttäuscht.

Kein Wort über eigene Fehler

Er wolle „den wiederholten Aufforderungen von Freunden und Kritikern genügen“, endlich klar Stellung zu beziehen, schreibt Hentig. Dann bezeichnet er den Missbrauch an der Odenwaldschule – der über Jahrzehnte hinweg mutmaßlich mehrere hundert Kinder und Jugendliche betraf – als nicht entschuldbares Verbrechen. Dass diese Übergriffe dem früheren OSO-Leiter Gerold Becker anzulasten seien, „trifft niemanden härter als seinen engsten Freund“, so Hentig.

Anschließend bittet er die Opfer, dem inzwischen verstorbenen Becker die Verzeihung zu gewähren, „um die er sie noch lebend gebeten hat“. Er habe Mitgefühl für die Betroffenen und wisse inzwischen selbst, wie es sei, wenn einem nicht geglaubt werde. Aber: „Eine Abkehr von dem toten Freund nützt niemandem und ist von mir nicht zu erwarten.“

Kein Wort verliert Hentig über seine eigenen Äußerungen, nachdem der Missbrauchsskandal öffentlich geworden war. Nichts über seine Einschätzung, Becker sei trotz allem einer der größten Pädagogen der Neuzeit. Nichts über seinen Verdacht, Becker könne allenfalls von Schülern verführt worden sein.

"Hohle Worte"

Entsprechend fielen am Donnerstag die Reaktionen der Betroffenen aus. „Hentig irrt sich“, sagte ein ehemaliger OSO-Schüler der FR: „Beckers Taten treffen nicht ihn härter als sonst jemanden, sondern die Opfer.“ Adrian Koerfer, der Vorsitzende des Betroffenen-Vereins Glasbrechen, sprach von hohlen Worten, die Unbelehrbarkeit demonstrierten.

„Vielleicht sollte Herr von Hentig den Dialog mit den Opfern aufnehmen, das wäre eine Möglichkeit, von der hohen Treppe herunter zu kommen.“

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