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Missbrauchsskandal an Odenwaldschule Kommission will Beckers Nachlass sichten

Gerold Becker, der frühere Leiter der Odenwaldschule, soll Schüler missbraucht haben. Eine Kommission, die sich mit der Aufarbeitung des Skandals beschäftigt, möchte seinen Nachlass auswerten und seinen Lebensgefährten befragen.

Die ehemalige Odenwaldschule in Heppenheim. Foto: dpa

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs möchte den Nachlass des früheren Leiters der Odenwaldschule, Gerold Becker, auswerten. Becker gilt als Haupttäter des Missbrauchs-Skandals an der ehemaligen Internatsschule in Heppenheim. Er leitete die Schule von 1972 bis 1985.

Die Kommission äußerte jetzt den Wunsch, der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig möge den von ihm verwalteten Nachlass dafür zur Verfügung stellen. Der inzwischen 90-jährige Hentig war der Lebensgefährte des 2010 verstorbenen Gerold Becker, will aber von dessen Taten erst kurz vor dem Tod seines Partners erfahren haben.

Man würde es auch begrüßen, „wenn Hartmut von Hentig für eine öffentliche Anhörung der Kommission zur Verfügung stehen“ würde, heißt es in einer Stellungnahme. Sie wurde vom Rostocker Pädagogik-Professor Jens Brachmann verfasst. Er ist Mitglied der siebenköpfigen Kommission und arbeitet die Geschichte der Odenwaldschule auf.

Kritik an Hentigs Autographie

Die Unabhängige Kommission hatte Anfang des Jahres ihre Arbeit aufgenommen. Berufen wurde sie von Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs. Die Leitung hat die Sozialpädagogin und Familienforscherin Sabine Andresen von der Frankfurter Goethe-Universität übernommen. Ein Mitglied ist Rörigs Vorgängerin, die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD).

Professor Brachmann hat sich intensiv mit dem aktuellen Teil von Hartmut von Hentigs Autobiografie befasst. Der ist soeben unter dem Titel „Immer noch Mein Leben“ erschienen, umfasst 1400 Seiten und dreht sich in großen Teilen um Hentigs Verhältnis zu Becker, dessen Kindesmissbrauch und die öffentliche Debatte darüber.

Jens Brachmann zeigt sich entsetzt über den Text des einst gefeierten Erziehungswissenschaftlers. Hentig rechtfertige in dem Buch „auf fatale Weise das verbrecherische Handeln des nachweislich des hundertfachen Missbrauchs von Schutzbefohlenen überführten“ Becker, urteilt Brachmann. Er nennt es „inakzeptabel“, dass Hentig die sexuelle Gewalt „als einvernehmliche Liebesbeziehungen“ darstelle, den Überlebenden der Missbrauchstaten „eine aktive Mitverantwortung“ zuschreibe und sie öffentlich bloßstelle.

Wenn eine Anhörung Hartmut von Hentigs zustande käme, würde sie sich in die Aufklärungsarbeit der Kommission einfügen. Sie plant, die Thematik des sexuellen Kindesmissbrauchs in einer Reihe von Anhörungen aufzuarbeiten, die im Herbst beginnen sollen.

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