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Leitartikel zum Missbrauch Ein Jahrzehnt quälender Experimente

Auf die Zeit des Aufbruchs in den 68ern fällt ein Schatten. Im Namen der sexuellen Befreiung geschah Missbrauch. Das Urteil über diese Zeit zu ändern, heißt aber nicht, die Ideale zu diskreditieren.

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau. Foto: fr

Aus aktuellem Anlass ein Zitat über Sex zwischen Erwachsenen und Kindern: "Werden solche Beziehungen von der Umwelt nicht diskriminiert, dann sind um so eher positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten, je mehr sich der Ältere für den Jüngeren verantwortlich fühlt."

Ein unverhohlener Aufruf zur Pädophilie, würden wir heute sagen - mit Recht. Stammt er aus einem Internetforum für unbelehrbare Triebtäter? Nein, er stammt aus einer anderen Zeit. Und so skandalös er ist: Wer die Zeit begreifen will, in der nicht nur Klosterschullehrer, sondern auch "Reformpädagogen" ihre Schutzbefohlenen missbrauchten, der wird sich mit solchen Aussagen beschäftigen müssen.

Das Zitat ist einem Buch entnommen, das 1974 erschien; "Zeig mal!" hieß es und behandelte die "kindliche Sexualität" mit Bildern des hochgeehrten Fotografen Will McBride (der die Weiterverbreitung im Übrigen in den neunziger Jahren stoppte, als das Buch auf den offiziellen Index zu geraten drohte). Erschienen war das Werk in einem Verlag, der der evangelischen Kirche nahe stand. Das zitierte Vorwort schrieb der damals vergleichsweise berühmte Sexualforscher Professor Helmut Kentler.

Nichts kann rechtfertigen, was Lehrer der Odenwaldschule ihren Schützlingen angetan haben. Doch zur klaren Verurteilung des Missbrauchs, unter dem viele Opfer ein Leben lang leiden, gesellt sich die verzweifelte Frage: Wie kann es sein, dass damals ausgerechnet Pädagogen, die sich einer freiheitlichen, möglichst befreienden Erziehung verschrieben hatten, das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Lehrern und Schülern so schamlos ausnutzten? Wir sollten dafür kein Verständnis haben, aber verstehen sollten wir schon, allein der Vorbeugung wegen. Wer das versucht, begegnet der dunklen Rückseite einer als fröhlich, hell und fortschrittlich erinnerten Zeit.

Die siebziger Jahre sind nicht zufällig medial wiederauferstanden. In der Erinnerung (und in den Bildern, die sich Nachgeborenen einprägen) stehen sie für Wohlstand und Vollbeschäftigung, für Prilblumen und Schlaghosen, für Hippie-Partys und Wohngemeinschaften, für Umwelt- und Friedensbewegung und nicht zuletzt für die "sexuelle Befreiung".

Müssen wir das schöne Bild jetzt revidieren? Liefern die Verbrechen von "Reformpädagogen" den Beweis, nach dem sich Konservative wie der Bischof Mixa so sehr sehnen, dass die Enttabuisierung des Körperlichen zu nichts anderem führte als zu repressiven Verhältnissen und Gewalt?

Revidieren muss sich, wer das Jahrzehnt nach dem 68er-Aufbruch bisher eindimensional betrachtete. Es war, das kann man schon lange wissen, auch das Jahrzehnt quälender und zum Teil zerstörerischer Experimente, nicht nur, aber auch sexueller Art. Es war das Jahrzehnt, in dem ein Teil der Emanzipationsbewegung in Dogmatismus oder gar im Terror der RAF verkam. Es war das Jahrzehnt, in dem Westdeutschland den Ölschock erfuhr und erstmals Massenarbeitslosigkeit erlebte.

Ja, es stimmt: Das Aufbrechen - ein Aufbrechen alter Strukturen, ein Aufbruch in eine vermeintlich bessere Welt - führte zu Verunsicherung. Es führte, bei einer Minderheit, ins Maßlose oder ins Verbrechen. Und die ideologischen Fronten - "Revoluzzer" hier, "Spießer" dort - erschienen so eindeutig, dass es leicht war, Warner und Mahner in die Feindes-Ecke zu stellen und zu ignorieren (was zum Beispiel Konservative und Schulreformer wechselseitig, aber mit gleicher Inbrunst taten).

Und doch, den wahnwitzigen und selbst den verbrecherischen Abwegen zum Trotz: Es war vor allem eine Zeit der positiven Veränderung. Wer das bestreitet, ignoriert die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Tabus der Vor-68er-Zeit. Auch sie brachten, das sollten wir nicht vergessen, Gewalt hervor - nicht zuletzt im Bereich der Sexualität, oft genug mitten in der gesitteten Familie.

Es ist nicht leicht angesichts der jetzt ans Licht kommenden Taten, die (auch sexuelle) Befreiung gegen jene zu verteidigen, die sie zu Verbrechen an Schutzbefohlenen missbrauchten. Aber dies nicht zu tun, wäre dumm - so dumm, als wollte man zum Beispiel die Errungenschaften der Französischen Revolution verdammen, weil ihr auch eine Epoche des Terrors folgte.

Zu lernen wäre etwas anderes: Wer sich im Furor noch so schöner Ideale verbunkert - ob hinter Kloster- oder Reformschul-Mauern -, der amputiert die Fähigkeit zu Selbstkritik und -korrektur. Und hat die Ideale damit schon verraten.

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