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Gastbeitrag zur Odenwaldschule Erneut versagt die Schule

Ein Opfer klagt an: Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kommt die Odenwaldschule nicht voran. Entschädigungen für die Opfer gibt es immer noch nicht.

17.09.2011 18:16
Adrian Koerfer
Nur ein Scherz? 1975 errichteten Schüler für wenige Stunden ein „Mahnmal“ in der Odenwaldschule ? dem Ort, ?an dem viele von ihnen kaum zu beschreibende Schrecken durchlitten. Foto: Privat

Ein Opfer klagt an: Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kommt die Odenwaldschule nicht voran. Entschädigungen für die Opfer gibt es immer noch nicht.

Im Jahr 1975 hatte ich, gemeinsam mit einer Handvoll Aktivisten, des Nachts einen etwa fünf Meter langen Baumstamm aus dem nahen Wald hinunter auf den Platz zwischen Waschhaus und Bürohaus der Odenwaldschule (OSO) geschleppt und ihn dort eingepflanzt. Zuvor war der Stamm von einem Mitschüler in liebevoller Feinarbeit geschält und die Spitze des Phallus zu einer Eichel geschnitzt worden. Im frühen Sommer stand das schöne Stück dann für ein paar Stunden vor dem Büro des damaligen Direktors, Gerold Ummo Becker, heute auch bekannt als einer der berüchtigtsten Kinderschänder der westdeutschen Nachkriegszeit, als ein päderastischer Pädagoge, einer von ungefähr fünfzehn pädosexuellen Mitarbeitern der 60er, 70er und 80er Jahre an dem Internat.

Später, nach der Ära Becker, wurde die Zahl der pädosexuellen Verbrechen an der OSO zwar deutlich geringer, gegen null ging sie aber nicht. Und auch Becker trieb sein Unwesen weiter: in seiner Wohnung am Berliner Kurfürstendamm, wo er und sein Freund Hartmut von Hentig zwei miteinander verbundene Etagen bewohnten. Becker, ich kann es bezeugen, hatte sich später bisweilen Schüler aus der OSO „vermitteln“ lassen und „betreute“ diese in Berlin. Er hatte sie an seiner ehemaligen Schule „abgeholt“, und ihnen all das „angedeihen lassen“, was den vielen anderen Schutzbefohlenen zuvor von seiner Hand passiert war. Einige seiner Opfer sind inzwischen tot, andere haben den Schulabschluss nach dem „Leben“ in Berlin nicht mehr geschafft.

Etwa 500 Betroffene und Opfer

Aber es ist eben nicht so, dass die beiden „Haupttäter“ an der Schule, Gerold U. Becker und der Musiklehrer Wolfgang Held, die einzigen Päderasten waren. Der von der Schule in Auftrag gegebene Aufklärungsbericht nennt elf Täter oder gibt diese Zahl von Mitarbeitern zumindest als belastet an. 132 Opfer führt der Bericht auf. Inzwischen haben sich weitere Opfer bei Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann ? den Autorinnen dieser Chronologie des Schreckens ? gemeldet. Der Opferschutz-Verein Glasbrechen geht von etwa 500 Betroffenen und Opfern des Kindesmissbrauchs an unserer ehemaligen Schule aus. Diese Hochrechnung ergibt sich aus der Zeit, die die Täter an der Schule waren und der Zahl der Schüler, die innert mindestens fünfunddreißig Jahren durch die sogenannten „Familien“ geschleust wurden, um dort ganz eigentlich nicht missbraucht, sondern angeleitet und zum Schulerfolg geführt zu werden, nach dem zu schönen Motto: „Werde der du bist ? indem du lernst.“ Das Grauen zu lernen stand nur ungeschrieben auf dem Schulplan, es hat Hunderte von Kinderseelen vernichtet, und andere lebenslang schwer beschädigt.

Bei den Mitgliedern unseres Vereins gehen bis heute neue Meldungen von Opfern ein. Ich weiß von missbrauchten Mitschülern, die sich zwar in Internetforen austauschen, die an ihnen begangenen Untaten aber nicht gemeldet haben. Manche möchten mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Dies gilt zum Beispiel für ein mir bekanntes Opfer, das auf das Schwerste nicht von einem Lehrer, sondern von einem Schul-Mitarbeiter vergewaltigt wurde. Es folgte ein einjähriger Aufenthalt in psychiatrischen Einrichtungen. Danach kam dieser traumatisierte Mensch zurück auf die Schule, zurück in die Täterfamilie! Man hatte während dieses einen Jahres einfach so getan, als sei das Kind in selbst gewählten Ferien. Niemand auf der OSO wunderte sich darüber. Es wurde darüber ganz einfach nicht gesprochen. Der Mantel des Schweigens war dicht gewoben. Es arbeiteten viele, sehr viele Erwachsene an der Herstellung dieser „Bekleidung“, inklusive Schulamt und Kultusministerium ? die OSO war ein pädagogischer Leuchtturm des Landes Hessen.

Aktiver Täterschutz

So dachten auch die damaligen Mitglieder des Trägervereins, die Schulleitung und die Mitarbeiter der OSO. Nachdem 1998 ein Brief bei der Schulleitung eingegangen war, mit dem vielsagenden Titel „Und wir sind nicht die Einzigen“, tat sich auf der Schule nach außen immer noch nichts. Selbst als Jörg Schindler 1999 in der Frankfurter Rundschau einen, den einzigen Artikel zum Missbrauch an der OSO veröffentlichte, geschah seitens der Gremien nichts. Im Gegenteil, bei einer Sitzung des Trägervereins, an der auch Peter Conradi aus Stuttgart, Florian Lindemann aus Frankfurt und Schulleiter Wolfgang Harder teilnahmen, wurde ausdrücklich vereinbart, den Skandal erneut in den Mantel des Schweigens zu hüllen ? im Bestreben, der Schule und deren Image nicht schaden zu wollen. So wurde 1999 sogar aktiver Täterschutz betrieben ? denn einige Taten der pädosexuellen Mitarbeiter waren da noch nicht verjährt.

Genauso, nämlich mittels der Mechanismen des Verschweigens und Vertuschens, ging es weiter. Ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, aber für die OSO schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die notwendigen Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, finanzielle Hilfen) entschieden haben.

Unsere Bewältigung des Alltags, die Arbeit von Glasbrechen für die Opfer, wird uns seitens der Schule in keiner Weise leichtgemacht. Insbesondere der Trägerverein und sein sich ständig zerkleinernder Vorstand agieren heute wieder so wie ihre Vorgänger. Im März 2010, vor der letzten Sitzung des alten Trägervereins unter der Leitung von Frau Richter-Ellermann (auch sie eine der ewig Uneinsichtigen) schrieb ich an ein Vorstandsmitglied: „Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass der Vorstand seit einem guten Jahrzehnt von den Missbrauchsvorwürfen wusste. Und nichts zur Aufklärung der Vorwürfe beigetragen hat. Bis heute nicht. Im Gegenteil. Seit heute aber liegt eine ,Erklärung‘ Gerold Beckers vor, in welcher er seine Schuld/seine Verbrechen eingesteht. Ich schreibe Dir daher ganz klar (...): Sollte der Vorstand des Trägervereins nicht gesamtschuldnerisch am 27.03.2010 zurücktreten, werde ich prüfen lassen, ob sich nicht auch strafrechtliche Konsequenzen aus der Verdeckung von Straftaten ergeben.“ Der inzwischen leider früh verstorbene Mitschüler Florian Lindemann hatte zum selben Zeitpunkt eine persönliche Erklärung abgegeben, in der er schrieb: „Tatsächlich wurde 1999 eine Chance vertan, den Betroffenen zu zeigen, dass die Schule ernsthaft gewillt war, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen. Stattdessen stand Eigenschutz im Vordergrund. (...) Mit dem Ergebnis: die Opfer wurden vergessen, die Täter wurden verschont.“ So der von mir vorher des Mitwissertums bezichtigte Florian Lindemann.

Im Mai 2010 traf den Trägerverein der OSO die Zäsur wie ein Blitzschlag. Die ehemaligen Vorstände waren ? wenn auch unter Protest ? zurück- und ausgetreten. Damit ergab sich eine Chance für einen Neuanfang. Zum ersten Mal nach Aufkommen der Vorwürfe von Missbrauchten, zum ersten Mal seit 1969, als der damalige Schulleiter Walter Schäfer schon mit Hinweisen aus der Schülerschaft konfrontiert worden war und sehr unentschieden handelte. Schon Schäfer wusste von der pädosexuellen Neigung des Musiklehrers Held, auch von der pädosexuellen Anlage des künftigen Schulleiters Gerold U. Becker. Ein „Schäferstündchen“ Beckers mit einem minderjährigen Jungen in München ist belegt. Der Zeuge erzählte Schäfer 1966 davon. Gegen Beckers und Helds Beschützer aber konnte sich Walter Schäfer wohl nicht durchsetzen. So entließ er als Einzigen den Lehrer Trapp ? auch der war damals schon schwer belastet. Auch G. U. Becker wollte er nicht an seiner Schule haben, das bezeugt Bernhard Bueb, der Schäfer noch lange als Berater seiner Schule „Schloss Salem“ schätzte.

Schutzmacht im Vorstand und Trägerverein

Groß waren die Namen, die sich bis in die 80er Jahre, also während der „Ära“ Becker, im Vorstand des Eigentümers der Schule und in dessen Beschlussorgan, dem Trägerverein, versammelt hatten. Es handelte sich um eine Schutzmacht, so muss ich das im Rückblick sehen: Hellmut Becker, Jürg Zutt, Carl Schill, Hermann Freudenberg, Gerold Becker und Günther Schweigkofler bildeten den Vorstand, Richard von Weizsäcker, Peter Conradi und Benita Daublebsky waren Mitglieder im Verein und wurden später teilweise in den Vorstand nachgewählt.

Hellmut Becker wusste sehr früh schon von der pädosexuellen Veranlagung seines Schützlings Gerold U. Becker, das ist heute erwiesen. Peter Conradi hatte Kenntnis von den Missbräuchen, auch das ist erwiesen.

Beide taten nichts, um potenzielle Opfer zu schützen oder tatsächlichen Opfern zu helfen. Wie der Rest aller anderen Mitwisser auch, inklusive des späteren Schulleiters Wolfgang Harder. Und Hentig, der Freund Beckers, will von dessen schandhaftem Tun bis heute nichts gewusst haben ? und riet zum Aussitzen dessen, was die Opfer Beckers niemals aussitzen können.

Dass Hentig nichts von dem Missbrauch weiterer Jugendlicher in der Wohnung über ihm wahrgenommen hat, wage ich zu bezweifeln. Dass er das heile Bild von seinem Freund und dessen „Lehre“ bewahren möchte, kann ich verstehen. Heute sitzen im Trägerverein der OSO neben drei Elternvertretern, einigen Lehrern und Mitarbeitern der Schule fast nur ehemalige Schüler und die designierte Schulleiterin Frau Professor Katrin Höhmann. Die Satzung des Vereins ist noch jene aus der Beckerära. Eben diese Satzung begünstigte in fahrlässiger, aber offenbar gewollter Weise (Verfasser war Hellmut Becker) die Täter. Man muss sich das einmal vorstellen: Das Gremium, das die Leitung der Schule und ihre Mitarbeiter kontrollieren sollte, wurde dominiert von den Beschützern des Schulleiters und seiner Jünger. Der Schulleiter selbst saß im Vorstand „seines“ Kontrollorgans...

Bis heute hat es der neu besetzte Trägerverein nicht geschafft, sich auf eine neue Satzung zu einigen. Die Macht soll sachte verschoben werden zugunsten der Mitgliederversammlung, zuungunsten der Macht des Vorstands. Darüber wird nun seit anderthalb Jahren gestritten, lautstark, dilettantisch und häufig unfein. Es agieren Ehemalige, die mehrheitlich offensichtlich immer noch den inzwischen fragwürdig schönen Schein ihrer alten Schule bewahren möchten.

Im Sommer 2010 feierte die OSO ihr 100-jähriges Jubiläum. Vorgesehen war ein Jubelfest. Frau Kaufmann, die damalige Schulleiterin, gab also auch ein Jubelbuch zur Reformpädagogik heraus ? sie, die relativ wenig Kontakt zu dieser Ausformung der Pädagogik hatte. Immerhin kam sie nicht von der sogenannten „Laborschule“, der Ausbildungsstätte von Hentigs Adepten in Bielefeld. Frau Professor Höhmann kommt von dort.

Das Jubiläum wurde der Schule verhagelt. Frau Kaufmann ahnte dies zumindest ? Opfer hatten ihr angekündigt: wenn Sie nichts machen, tun wir etwas ?, und so begann sie schon im November 2009, weitere Aussagen ehemaliger Schüler zu sammeln, auch meine. Im Februar 2010 dann brach ein Sturm los, der vom Canisius-Kolleg in Berlin ausging, bald darauf die Odenwaldschule, andere kirchliche Organisationen und ein paar wenige weitere Schulen erfasste sowie manch ebenso schreckliche Erziehungseinrichtung der ehemaligen DDR. Das Jubiläum der OSO blieb dennoch ? von kleineren Änderungen abgesehen ? zunächst wie geplant. Es sollte gefeiert werden, nicht diskutiert.

Die erste öffentliche Anhörung

Mein Freund Johannes von Dohnanyi und ich entwickelten daher die Idee der ersten öffentlichen Anhörung zum Kindesmissbrauch an der OSO, dem sogenannten Wahrheitsforum. Gegen durchaus immer noch ernstzunehmende Widerstände seitens der Schulleitung setzten wir und andere die Veranstaltung auf dem Gelände der Schule durch. Ohne unsere damalige Mitgliedschaft im Vorstand des Trägervereins, ohne unsere Mehrheit im Vorstand, gemeinsam mit Michael Frenzel, wäre uns dies nicht gelungen. So aber wurde das Hearing zu der bis heute einzigen Veranstaltung an der Schule, die sich ehrlich, offen und schonungslos mit der Vergangenheit beschäftigte. Viereinhalb Stunden saßen viele sprachlos, manche sprachmächtig in der voll besetzten alten Turnhalle. Später gingen die meisten hinauf zu dem neuen Mahnmal für die Opfer des pädosexuellen Missbrauchs.

Glücklicherweise steht jetzt dieses Denkmal. Denn heute besteht der Vorstand des Trägervereins aus vier Personen, denen nach unserer, nach meiner Einschätzung, noch immer das Wohl der Schule über das Wohl der Opfer geht.

Erst jetzt hat der Trägerverein Glasbrechen für Ende September eingeladen. Die designierte Schulleiterin hat bisher keinen Kontakt zu uns gesucht, ebenso „die jetzt nur noch für die Aufklärung zuständige Schulleiterin“ Margarita Kaufmann. Vertreter der von der Schule eingerichteten Stiftung „BrückenBauen“ immerhin haben sich mit uns getroffen. Sie erschienen uns freundlich unbedarft, kaum informiert über das Ausmaß des Missbrauchs.

Opfervertreter als Nestbeschmutzer

Wenn ich lese, dass die OSO angeblich über eine halbe Million Euro für Prävention und Aufklärung ausgegeben habe, so wird mir übel. Zum einen gehört Prävention zu den ureigensten Aufgaben einer jeden Einrichtung, die im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch gefährdet ist, zum anderen hat unser Verein, der einzige, der sich um die Opfer kümmert, ein Zehntel des Betrages erhalten. 55000 Euro „für Kopierer und Papier“, wie ein prominentes Mitglied des Trägervereins in vollkommener Verkennung unserer Aufgaben sagte.

Nach anderthalb Jahren des Kampfes gegen Missbrauch, Vertuschung und Verklärung, aber für Respekt, Aufklärung, Verantwortung und Nachteilsausgleich stehen die Opfer und Betroffenen weiterhin mit leeren Händen da. Der neue Trägerverein sieht uns Opfervertreter offensichtlich weiter als Nestbeschmutzer. Die meisten dort haben bislang weder das Ausmaß der Zerstörung von Seelen begriffen noch ihre Verantwortung als Vertreter der Täterorganisation Odenwaldschule in akzeptabler Form wahrgenommen.

Nach dem Ausscheiden von Michael Frenzel, Johannes v. Dohnanyi und Dieter Grah aus dem Vorstand des Trägervereins, nach ihrem und meinem vergeblichen Kampf für eine „Neue Odenwaldschule“, sehe ich schwarz für die Zukunft. Viele meiner Freunde sagen, nur wenn die Schule ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Vergangenheit gerecht wird, hat sie noch die Chance auf eine Zukunft.

Es wird ein zweites Wahrheitsforum nötig sein, wir müssen die gegenwärtig Verantwortlichen befragen. Genau die aber haben eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben ? auf Diktat des Vorstands ? zum Wohle der Schule. Alles wie gehabt.

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