Lade Inhalte...

Ehemaliges Heimkind berichtet Missbrauch im Vincenzhaus

Gewalt, sexueller Missbrauch und bizarre religiöse Rituale: Ralf H., ehemaliges Heimkind aus dem Vincenzhaus in Hofheim, berichtet über das Erlittene. Von Matthias Thieme

10.03.2010 00:03
Matthias Thieme
Herr J. soll das Bistum Limburg um 4,8 Millionen Euro betrogen haben. Foto: dpa

Lange hat es gedauert, bis Ralf H. über seine Zeit als Heimkind im Vincenzhaus in Hofheim sprechen konnte. Über Gewalt, sexuellen Missbrauch und bizarre religiöse Rituale in den Jahren 1960 bis 1964. Heute ist Ralf H. ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat es geschafft, mit Disziplin, harter Arbeit - und dem Verdrängen des Erlittenen über Jahrzehnte, wie er sagt.

Doch als Ralf H. die 50-Jahres-Festschrift des Vincenzhauses sieht, als er von Achtung, Respekt und sozialer Anerkennung der Kinder liest, vom Selbstwert, und von der Stärkung der Handlungsfähigkeit der Kinder - da packt Ralf H. die Wut und er schreibt an die Leitung des Vincenzhauses.

"Ihr ´heilpädagogisches´ Institut Vincenzhaus hatte mir meine Identität geraubt und mein Fundament entrissen", schreibt Ralf H. Viel Zeit, viel Energie und psychologische Hilfe habe es ihn gekostet, trotzdem zu überleben.

Ein Erzieher habe ihn als 10-jähriges Kind abends im Schlafanzug auf sein Zimmer bestellt, erzählt H.. Dort sollte sich Ralf H. auf das Bett des Erwachsenen legen und warten. "Ich bekam Angst, sagte, ich müsse aufs Klo und bin weggelaufen", erinnert sich H. Nachts wurde der Junge im eigenen Bett geweckt. "Der Erzieher stand da mit Taschenlampe und hat an meinem Pimmel herumgespielt", sagt H. "Ich hatte Todesangst, dachte, der will mich umbringen und habe ganz leise geatmet." Dann habe sich der Erzieher neben ihn auf den Boden gelegt "und hat sich einen runtergeholt".

Dieser sexuelle Übergriff sei damals im Vincenzhaus kein Einzelfall gewesen, sagt H. Auch Erzieherinnen hätten sich an Jungen vergriffen - die Opfer seien danach zum Beten geschickt worden. "Die mussten den ganzen Tag in der Kapelle knien und Abbitte leisten", sagt H., der im katholischen Heimgefüge zum Ministranten ausgebildet wurde. Zudem kann sich H. an "drakonische Strafen" im Heimalltag erinnern: Heftige Ohrfeigen, nach denen der Kopf des Bestraften mit Wucht an die Tafel krachte. Manchmal seien die Jungen gruppenweise zum Heimarzt S. geführt worden, "der jedem in die Hose geschaut hat", erzählt H. Mehr sei dabei nicht ´untersucht´ worden.

Jetzt will Ralf H. wissen, ob die Verantwortlichen noch leben und ob es noch mehr Betroffene gibt. "Schreiben Sie alle Ehemaligen an und bitten um deren Hinweise", fordert H. von der Leitung des Vincenzhauses. Für ihn steht fest: "Offenheit mit diesem Thema ist die einzige Chance, glaubwürdig werden zu können."

Beim Caritasverband Frankfurt, dem Träger des Vincenzhauses, haben H.s Mitteilungen Bestürzung ausgelöst. Bis zum Mittwochnachmittag teilt der Verband auf FR-Anfrage mit, es handele sich um ein tragisches "Einzelschicksal". Weitere Fälle seien nicht bekannt, sagt Caritas-Sprecherin Christine Hartmann-Vogel mehrfach.

Doch dann, um 16.38 Uhr kommt das schriftliche Eingeständnis: Beim Caritasverband Frankfurt haben sich in den letzten Wochen schon drei ehemalige Heimkinder gemeldet, die in den 50er und 60er Jahren im Kinderheim Vincenzhaus in Hofheim gelebt haben. Sie erheben den Vorwurf, dass es dort damals zu Misshandlungen und sexuellen Übergriffen gekommen sei.

"Wir sind tief betroffen von diesen Hinweisen auf Missstände im Vincenzhaus und nehmen die Vorwürfe sehr ernst", erklärt Caritasdirektor Hartmut Fritz. Der Caritasverband habe eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Direktors gebildet, um den Vorwürfen nachzugehen. "Wir wollen wissen, was damals geschehen ist", so Fritz. "Wir bitten ehemalige Heimkinder, die in den 50er und 60er Jahren möglicherweise von Misshandlungen im Vincenzhaus betroffen waren, mit uns Kontakt aufzunehmen unter der Telefonnummer 069 / 2982-142."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen