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"Merkur"-Sonderheft Kleinkram statt Visionen

Republikbesichtigung auch im "Merkur"-Sonderheft: "Ein neues Deutschland? Zur Physiognomie der Berliner Republik".

20.09.2006 00:09
NIELS WERBER

In den Gesichtszügen der Hauptstadt ihren Charakter zu lesen, unternimmt das prominent besetzte Sonderheft des Merkur "Ein neues Deutschland? Zur Physiognomie der Berliner Republik". Die Physiognomik, erläutert Lichtenberg 1778, wagt den "unermesslichen Sprung von der Oberfläche des Leibes zum Innern der Seele!" Die Gesichtszüge des Menschen seien als Zeichen seiner "Gedanken, Neigungen und Fähigkeiten", des ihn umgebenden "Klimas" und seiner "Hantierung" aufzufassen, welche die Physiognomik zu entziffern erlaube. Eine "Physiognomie der Berliner Republik" hat es folglich zuallererst mit Oberflächen zu tun, deren Zeichen dann als Ausdruck der inneren Haltung oder klimatischer Umstände zu lesen wären.

Die Themen des Sonderheftes sind entsprechend die Ästhetik des Staates, die Architektur der deutschen Hauptstadt und ihre Erinnerungsorte, Kunst und Feste der Republik, das "Facelifting" ihrer Universitäten, "Berlin Style", Topographien, Spaziergänge in Berlin samt Hundekot. Vor allem in der Hauptstadt werden die Zeichen gesammelt, deren Semiose das fragliche Neue Deutschland ergibt. Insofern hält der Titel, was er verspricht: Was immer Deutschland sonst sein mag, seine äußere Erscheinung wird als Berliner Republik wahrgenommen, und die aufmerksamen Physiognomen des Merkur erkunden deren auffälligsten Merkmale und kleinsten Spuren.

Stil- und substanzlos

Karl Heinz Bohrer hatte im Januar 1984 in einem Merkur-Essay über "Die Ästhetik des Staates" über das Volk der BRD geurteilt, es habe "nie wieder eine ästhetische Form, das heißt politische Institutionen und gesellschaftliche Selbstdarstellung gefunden, die der geographischen Größe des Landes und der politischen Situation, in die es verstrickt war, entsprochen hätte." Den Eindruck der Provinzialität hätten auch die "Überbleibsel der alten Oberschicht" nicht mehr zu korrigieren vermocht. Die BRD des "albernen" Helmut Kohls sei zu keinerlei ästhetischem Ausdruck fähig, das sehe man der Kleidung ihrer Bewohner (Latzhosen) genauso an wie der Einfallslosigkeit der Innenstädte (Imbissbuden) und der Peinlichkeit der Büroeinrichtung (Zierpflanzen).

18 Jahre später lautet die Diagnose erneut auf "defiziente Ästhetik". Nichts gebe es im "neuen" Berlin, was sich an der "großen bürgerlichen Vorkriegstradition" oder der großen "nationalpolitischen Repräsentationsarchitektur" Preußens messen ließe. Ungeachtet ihrer großartigen Überreste seien "Vulgarität und Kleinbürgertum" charakteristisch für Hauptstadt und Republik.

Was dem Physiognomen gefällt, ist alt: "Was der Regierungsmeile ihre Würde gibt, ist letztlich der verbliebene und gerettete preußische Klassizismus unterschiedlicher Epochen vom Brandenburger Tor bis zur Humboldt-Universität, zu Zeughaus, Berliner Dom, Prinzregentenpalais hinüber zum Gendarmenmarkt. Das allein hat Größe."

Die Bebauung des Pariser und Potsdamer Platzes hält Bohrer für genauso geschmacklos wie die Uniformen der Polizei. Die durchaus dezisionistisch auftretende Diagnose wird verlängert bis in das Erscheinungsbild der großen Koalition hinein, deren Reden und Regieren gleichermaßen Form und Substanz vermissen ließen.

Die physiognomische Lektüre der Ästhetik des Staates "springt" hier zum Innersten des Politischen und gelangt so zur Behauptung, das ästhetische Defizit zeige eine Schwäche von Regierungsmacht und Entscheidungsgewalt an, "die allmählich das Land gefährdet". Der Staat sei unfähig zur Entscheidung, so wie die Erscheinungsform der Hauptstadt nicht zu Würde und Größe finde und über Halbherzigkeiten nicht hinaus gelange. "Form" und "Entscheidung" machen für Bohrer das Wesen des Politischen wie der Ästhetik aus, der Berliner Republik mangele es an beidem.

Diese Stillosigkeit wird im Merkur zum Indikator einer degenerierten Politik. Auch wenn Herfried Münkler und Thomas Speckmann von Mittelmacht sprechen, fehlt es dem Herausgeber doch an einer entsprechenden Formensprache. Das Schwarzrotgold der WM, in dem zumindest Matthias Mattussek "einen guten Anfang" entdeckt, reicht Bohrer nicht. Nur hier und da sei in Berlin ein "Umbruch hinsichtlich ästhetischer Kapazität zu spüren", schließt Bohrer seine Abrechnung, um die Erkundung dieses Wandels jedoch Experten der Berliner Szene wie Marius Meller und Jens Bisky zu überlassen.

2006 und 1926

"Fünfzehn Jahre nach Gründung der Berliner Republik", ziehe er, Bohrer, Bilanz; vor zwanzig Jahren habe der Merkur die Frage nach der Physiognomie des Landes schon einmal gestellt. So geben Jahrestage Themen vor, aber tatsächlich ist Bohrers erster Aufsatz zur "Ästhetik des Staates" 22 Jahre alt, und die Einheit Deutschlands liegt 16 Jahre zurück, nicht 15. Ein rundes Referenzdatum scheint dem Merkur zu fehlen. Wenn man dennoch ein Jubeljahr vorschlagen müsste, würde ich es mit 1926 versuchen.

Vor achtzig Jahren haben zwei der wichtigsten Rechtslehrer ihrer Zeit, Carl Schmitt und Hans Kelsen, nach der Fähigkeit des modernen Staates zur Repräsentation gefragt und beide eine abschlägige Antwort gegeben. Der liberale jüdische Österreicher Kelsen sieht im Parlamentarismus nichts weiter als ein "sozialtechnisches Mittel zur Erzeugung der staatlichen Ordnung" im Zeitalter "differenzierender Arbeitsteilung". Was immer der "Souverän" substantiell zu repräsentieren suche, sei eine "krasse Fiktion".

Sein deutschnationaler Gegenspieler teilt die Beschreibung der Lage, hält sie jedoch für unerträglich. Die Republik habe Argument und Entscheidung durch Arithmetik und Statistik ersetzt, ihre Form sei daher substanzlos, nichts als "schlechte Fassade". Die Fähigkeit zu "agonaler Entscheidung", die auch Bohrer von der Republik verlangt, fehle nicht nur, sondern noch der Mangel werde verdeckt vom "ewigen Gespräch".

Schmitt hatte "Geschwätz" genannt, was im Parlamentarismus anstelle des "Arguments" getreten sei. Mit diesem Vergleich ist freilich Bohrers Diagnose nicht zu erledigen. Der "Appell an nächstliegende Interessen und Leidenschaften" habe das "Argument im eigentlichen Sinne" abgelöst.

Nicht dass Bohrer ähnlich formuliert, sondern dass Schmitt recht haben könnte, ist das Irritierende an diesen Passagen. Genervt vom Infotainment der Talkshows und den Elefantenrunden des Postjournalismus (Norbert Bolz), möchte man Bohrers Kritik am Niedergang der politischen Form fast zustimmen, wenn man auch seine Urteile über den Potsdamer Platz nicht teilen und Currywurstbuden in keiner Stadt missen mag.

Die Physiognomen der Republik konstruieren einen Zusammenhang zwischen der "fatalen Degeneration" des politischen Entscheidens zu einem vom Proporz bestimmten "Kleinkram" von Parteien, Provinzen und Lobbyisten und der völligen Abwesenheit verbindlicher Form, die groß und würdig wäre. Diese Denkfigur reicht nun über Schmitt hinaus bis in die Mitte des 18. Jahrhundert, bis zu Johann Joachim Winckelmanns These zurück, der große Stil der griechischen Klassik habe nur im politischen Klima der athenischen Republik entstehen können. Das Athen des Nordens oder Spree-Athen wurde Berlin dann in der Tradition dieser Formel genannt, immer mit Blick auf die Erhabenheit der Architektur und den dort blühenden "Geist". Berlins "Dignität", schreibt noch Wolfgang Pehnt in seinem Aufsatz, rühre aus den Bauten vergangenen Zeiten.

Der Schluss vom stilus grande (beziehungsweise seiner Abwesenheit) auf entsprechende politische Bedingungen ist so ehrwürdig wie alt, aber womöglich schon 1926 überholt, denn man könnte wie bereits Kelsen mit dem Verweis auf funktionale Differenzierung die symbolische Einheit von Ästhetik und Politik bestreiten. Damit könnte man dem "physiognomischen Sprung" von der repräsentativen Form zur politischen Substanz die Grundlage entziehen, womit auch Bohrers "Ästhetik des Staates" den Boden unter ihren Füßen verlöre.

"Merkur"-Sonderheft, Nr.689/690, 19 Euro.

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