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Linkspartei "Traurig, was die Linke macht"

Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth über vertane Chancen der Linken, die Piraten und die wundersame Wandlung von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht.

16.05.2012 18:28
Jutta Ditfurth, schied 1991 im Streit von den Grünen und macht heute für ÖkoLinX Politik. Foto: Dapd

Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth über vertane Chancen der Linken, die Piraten und die wundersame Wandlung von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht.

In der Linken gehen sich „Reformer“ und „Radikale“ an die Gurgel. Erinnert Sie das an etwas?

Wenn Sie damit die Grünen Anfang der 90er meinen, eher nicht. Es gibt natürlich Argumentationsmuster, die sich ähneln. Aber die Biografien und Anpassungsprozesse der Linken sind oft deutlich andere als die vieler Grüner, die aus systemoppositionellen Bewegungen der 1970er kamen und dann ran an die Pfründe wollten.

Ist nicht auch in der Linken ein Kernproblem, dass es auf der einen Seite Machthunger gibt, auf der anderen eine grundsätzliche Ablehnung der herrschenden Verhältnisse?

Naja, dass Oskar Lafontaine ein 'Radikaler' sein soll, erheitert mich, wenn ich mich an seine autoritäre, systemkonforme Politik als SPD-Funktionär erinnere. War er nicht auch stolz darauf, das Asylrecht mit abgeschafft zu haben? Die Linkspartei ist heute nur eine kleine sozialdemokratische Partei. Wenn man sich ihre Geschichte seit 1990 anschaut, ist es traurig, dass sie ihre immensen Möglichkeiten nicht genutzt hat, die sich links in dieser Gesellschaft mit dem Anpassungsprozess der Grünen ergeben haben.

Gerade die „Radikalen“ setzen ihre Hoffnungen auf Lafontaine.

Ja, verrückt, oder? Strategisch hat die Fraktion um Oskar Lafontaine, was die Interessen der Linkspartei betrifft, recht. Das ist die einzige Option, die sie haben, um nicht aus allen Parlamenten zu fliegen. Die Linkspartei hat ja eine soziale Basis, auf die sich beziehen könnte: die sozial Benachteiligten, die durch die Weltwirtschaftskrise Verelendeten und Gedemütigten. Aber diese Basis tritt sie überall dort, wo sie mitregiert, mit Füßen. Das weniger politisch bewusste Milieu der Protestwähler schwappt ja mal hier-, mal dorthin, zurzeit etwas kopflos zu den Piraten.

Lafontaine und die Westlinke werden aber von außen und von eigenen Genossen gerne als vorgestrige Fundis dargestellt.

Ein drolliger Vorwurf. Man muss sich doch nur anschauen, welchen Anpassungsprozess zur Zeit Sahra Wagenknecht hinlegt, die sich selbst mal als Kommunistin oder Marxistin sah. Jetzt plötzlich erklärt sie Leuten wie mir, in welchen wunderbaren kapitalistischen Verhältnissen wir in der Bundesrepublik bis zu den 90er- Jahren gelebt haben. Sie verklärt den Kapitalismus als soziale Marktwirtschaft und bezieht sich positiv auf Ludwig Erhard. Was da in der Linkspartei radikal genannt wird, stammt also aus ehemaligen Führungskreisen der SPD oder steckt gerade in ganz spezifischen Anpassungsprozessen an die herrschenden Verhältnisse.

Endet der Marsch durch die Institutionen zwangsläufig immer weiter rechts?

Herrschende und staatstragende Strukturen sind stärker als die Menschen, die sich, manchmal durchaus mit ehrenwerten Anliegen, hineinbegeben. Jetzt gerade werden die Piraten erzogen, aber da geht es schnell, da wehrt sich ja nichts. Ich glaube, dass in kapitalistischen Zentren wie Deutschland der verengte Blick auf parlamentarische Optionen sowieso ein falscher ist. In diesen Zentren kann eine Linke nie eine parlamentarische Mehrheit kriegen. Emanzipatorische Veränderungen gibt es nur durch soziale Gegenmacht, durch kluge Systemopposition. Manchmal gibt es Parteien, die den Druck aufnehmen.

Haben Sie deshalb nie mit der Linken kokettiert?

Ich habe mir die Linke ab ihrem ersten Gründungsparteitag, als sie noch PDS hieß, genau angeschaut. Ich bin auch gefragt worden, ob ich einsteigen will. Aber ich wollte mein Leben nicht auf einem Europaparlamentssitz verschwenden, ich will die Gesellschaft verändern. Ich habe sehr interessante Menschen in der PDS kennengelernt. Aber ich habe auch gelernt, dass es die Antriebskraft eines Teils der 'Reformer' ist, die Stellung und Reputation wiederzugewinnen, die sie als Oberschichtenkinder in der DDR hatten. Die können nicht verstehen, dass man dieser Gesellschaft aus einer Minderheitsposition heraus Veränderungen aufzwingen kann. Sie wollen es auch nicht.

Gespräch: Jörg Schindler

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