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Interview Katja Kipping „Störtebeker wäre heute ein Linker“

Linken-Chefin Katja Kipping spricht im Interview über die West-Schwäche ihrer Partei, die SPD und wer die besseren Piraten sind.

28.01.2013 14:54
Die beiden Bundesvorsitzenden der Partei Die Linke, Katja Kipping und Bernd Riexinger, bilden ein gutes Team. Foto: dpa

Die Dresdnerin Katja Kipping, 35, ist seit dem Göttinger Parteitag im Juni 2012 Vorsitzende der Linkspartei. Die Bundestagswahl ist ihre bisher größte Herausforderung.

Frau Kipping, hat die Linke schon einen Busfahrer engagiert?

Die Linke steht natürlich für die Förderung des öffentlichen Personennahverkehr. Aber ich vermute, darauf zielt Ihre Frage nicht ab.

Richtig. Die Frage zielt eher darauf ab, dass Ihr achtköpfiges Spitzenteam nicht in einen Pkw passt.

Das stimmt. Aber da wir gerne mit der Bahn fahren, ist es ja nicht schlimm, wenn bei uns mehrere unterwegs sind.

Im Ernst: Die Linke hat ein Team nominiert, weil Gregor Gysi mit Sahra Wagenknecht nicht kann. Können Sich sich so kleines Karo leisten?

Es ist kein Geheimnis, dass Bernd Riexinger und ich Freunde eines kooperativen Führungsstils sind. Und die Linke braucht mehr Teamgeist, sowohl für sich selbst als auch für die Gesellschaft. Wenn wir sagen, wir wollen den Einstieg in eine solidarische Alternative, dann müssen wir das auch vorleben. Gemeinsam statt einsam, miteinander statt gegeneinander. Dafür sind die acht Köpfe ein Zeichen.

Mindestens zwei der acht sind der Öffentlichkeit unbekannt. Kann man so Strahlkraft entwickeln?

Das Team zeigt auch, dass wir den Generationenwechsel angehen. Im übrigen schimpfen jetzt dieselben in den Medien, die früher beklagt haben, die Linke wäre nur Gysi und Lafontaine. So ernst war das offenbar nicht gemeint.

Die Linke ist in Niedersachsen aus dem dritten West-Landtag geflogen. In Hessen droht eine Wiederholung. Dann blieben nur noch Hamburg, Bremen und das Saarland. Reicht das für eine gesamtdeutsche Partei?

Natürlich sind die jüngsten Niederlagen schmerzhaft. Und sie gehen in Teilen vermutlich auch auf Fehler zurück, die wir in den letzten Jahren gemacht haben. Aber wer bundesweit eine Partei möchte, die konsequent Nein zu Kriegseinsätzen sagt und sich konsequent für die Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen einsetzt, der muss in Ost wie in West die Linke wählen.

Trotzdem schlagen Sie in den West-Ländern kaum Wurzeln.

Offensichtlich ist ja, dass wir ganz viele Stimmen an die Nichtwählerinnen verloren haben. Das wiederum ist ein Ausdruck dafür, dass wir bei der Mobilisierung unserer Kernmilieus zulegen müssen.

Das wiederum hängt mit Ihrer fehlenden Machtperspektive zusammen. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagt, eine Stimme für Piraten oder Linke sei eine verlorene Stimme.

Gabriel hat offenbar eine Rechenschwäche. Wir liegen in den Umfragen bundesweit zwischen sieben und acht Prozent. Er wird mit uns reden müssen, wenn die SPD den Kanzler stellen will. Außerdem gibt es zentrale Kernforderungen zur Veränderung der Gesellschaft, die nur die Linke einbringt. Wer zum Beispiel die Energiewende wirklich möchte, der muss bereit sein, sich mit den Konzernen anzulegen. Und wer die Lebensbedingungen der Normalbeschäftigten verbessern will, der muss bereit sein, die Hartz- IV-Schikane abzuschaffen. Für beides steht nur die Linke.

Eine Machtperspektive haben Sie dennoch nicht.

Man kann auch in einer Regierung recht machtlos sein. Im übrigen üben wir auch ohne Regierungsbeteiligung im Bund Einfluss aus. So plädieren wir zum Beispiel dafür, die Dispo-Zinsen zu senken. Diese Forderung wird jetzt in anderen Parteien aufgegriffen. Und dass die Ferienjobs von Kindern aus Hartz-IV-Familien nicht mehr in dem Maße angerechnet werden, geht zurück auf eine Initiative der Linken. Ähnlich ist es bei den Mindestlöhnen. Wir haben schon einige Verbesserungen angeschoben.

Die Piraten erschienen wie eine große Bedrohung. Können Sie aus ihrem Niedergang Honig saugen?

Die Piraten haben Protestwähler und linke Stimmen gebunden, ohne links zu sein. Der Vorsitzende der Piraten hat sich selbst als liberal bezeichnet. Viele haben etwas Fortschrittliches in die Piraten hineinimaginiert. Denen sage ich: Wer eine Freibeuter-Partei im Bundestag will, die den Reichen nimmt und den Armen gibt, muss uns wählen, Störtebeker wäre heute ein Linker.

Beim Umgang mit Frauen sind Piraten auch nicht sehr fortschrittlich.

Böse könnte man sagen: Die Piraten sind eine Art FDP mit Smartphone, nur ohne Frauen. Da sind wir feministisch besser aufgestellt.

Ihre Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Bernd Riexinger klappt offenbar. Sie scheinen ihn zu mögen.

Wir können uns beide gut leiden. Das ist eine gute und kooperative Zusammenarbeit, die beispielgebend sein kann für den Umgang in der Partei.

Wie macht er sich als Beute-Ossi?

Wenn man bedenkt, dass die Schwaben in Berlin einen schweren Stand haben, macht er sich sehr gut. Bernd Riexinger kann sehr leidenschaftlich Politik entwickeln und andere mitnehmen. Im übrigen sind wir beide zwar sehr unterschiedlich in unserer Herkunft. Wir stehen aber beide eher für eine undogmatische Linke und für Teamgeist. Und im übrigen hat sich der Schwabe Riexinger mehr für die Ostrenten-Angleichung eingesetzt als die Ossis Merkel, Thierse und Gauck zusammengenommen.

Für eine Partei ist es ungewöhnlich, dass Vorsitzende darauf verzichten, im Spitzenteam vertreten zu sein.

Das Team ist unser Vorschlag. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, nicht in das Team zu gehen, weil wir uns ganz der Führungsverantwortung für die Partei widmen müssen. Insofern müssen wir die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen. Der Aufbau der Partei ist ein längerer Weg, als wir gehofft hatten.

Sie haben mit der Macht kein Problem. Es heißt, Sie hätten das Vakuum des Göttinger Parteitags ausgenutzt.

Ich finde es widersprüchlich, wenn mir in Interviews unterstellt wird, ich hätte mich an die Spitze der Partei gedrängt, und gleichzeitig bemängelt wird, dass ich mich beim Spitzenteam nicht in die erste Reihe gedrängt habe. Wir müssen auch bei der Bewertung von Politikern über Klischees hinauskommen.

Das Gespräch führte Markus Decker.

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