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Landpartie mit Freizeitpanzer

Amerika zwischen Terrorprävention und Touristenflaute. Reise durch ein Land auf dem Weg in einen aufhaltsamen Krieg / Von Claus Leggewie

06.12.2002 16:12

Noch immer versammeln sich am Ground Zero Hinterbliebene an der improvisierten Trauerstätte, zu der Passanten nicht vorgelassen werden. Man geht weiter an verstaubten Devotionalien des 11. September vorbei, die am Zaun von St. Paul's Chapel angebracht sind, jener Kapelle, die den Einsturz des World Trade Center direkt nebenan wie durch ein Wunder überstand und den Rettungsmannschaften als "Außenposten des Himmels" zum Luftholen und Ausruhen diente. Und erst aus der Ferne stellt man fest, wie sehr die ästhetisch belanglosen Zwillingstürme zur Schönheit New Yorks beigetragen hatten. Der Verlust wiegt schwer, und er dauert lange. Für viele ist 9/11 nur ein anderer Name für eine ohnedies anstehende Depression. Diese macht sich im lädierten, oft ausgestorben wirkenden Börsenviertel ebenso bemerkbar wie in den Praxen der New Yorker shrinks, der zu dieser Stadt gehörenden Therapeuten; in U-Bahnen sieht man auffällig viele Anzeigen für Anti-Depressiva und Klinik-Hotlines.

Ein Psychoanalytiker, der nach dem Anschlag selbst über Wochen kein eigenes Dach über dem Kopf hatte und uns als ebenso zartfühlend wie wohl bedacht bekannt ist, wartet mit Rachefantasien auf. Am Bartresen und in der gelben Presse geht es noch rabiater zu: It's Payback Time, jubilierte die New Yorker Daily Post, als der CIA in Jemen mit einer unbemannten Drohne Al-Qaeda-Leute niedergestreckt hatte. Und vor allem in den Vorstädten lässt ein Meer von Fahnen einen religiös getönten Patriotismus erkennen und eine Bereitschaft zur Verfeindung, zu der wir Europäer kaum noch fähig scheinen, es sei denn in der rhetorischen Attacke auf Amerika.

Ein grassierender Konformismus hat Ex-Liberale bedenkenlos und Post-Liberale sprachlos gemacht. Nach dem Vergeltungsschlag in Jemen treibt einen Leser der New York Times die Frage um, warum man so auf dem israelischen Premier Sharon herumhackt, der es mit Hamas-Mördern genauso gehalten habe, aber besorgte Stimmen möchten diese Sorte von Strafverfolgung per Todesschwadron lieber Diktaturen überlassen. Auswärtige Besucher zieht man als Bedenkenträger heran, und das ist die einzige Rolle, die man als Deutscher in den USA derzeit spielen kann.

Ein Dauerthema ist die innere Sicherheit. Eine im Massenblatt USA Today veröffentlichte Umfrage besagt, dass auch Durchschnittsamerikaner ausufernden Maßnahmen der Heimatverteidigung - wie dem flächendeckenden Abhören und Überwachen, der pauschalen Verdächtigung arabisch-muslimischer Mitbürger und der skandalösen Behandlung der Kriegsgefangenen - skeptischer gegenüberstehen. Auch die Zustimmung zur Einführung eines in den USA bisher undenkbaren Personalausweises lässt nach, und erst recht missfällt vielen die Rolle des mobilen Blockwarts, die Justizminister John Ashcroft selbst Pizzalieferanten und UPS-Boten beim Dienst am Kunden zugedacht hatte.

Die amerikanische Gesellschaft ist dabei, jener Staat zu werden, der sie nie sein wollte, genauer: ein autoritärer Sicherheitsstaat, dem eine 170 000 Mitarbeiter starke Bürokratie vorstehen soll, während gleichzeitig (und in Kenntnis der negativen Folgen) 850 000 Stellen und damit die Hälfte aller Bundesbeamten privatisiert werden. Eingriffen in die bürgerlichen Freiheiten und in die Privatsphäre steht eine magere Bilanz der Sicherheitsorgane gegenüber, die nach Insiderberichten vor dem September 2001 schwer versagt haben und, nach Aussagen von CIA-Chef George Tenet vor dem Kongress, wenig Hoffnung machen, einen neuen Anschlag verhindern zu können. USA Today bemühte sich deshalb, die Proportionen zurechtzurücken: 280 Millionen Amerikaner kämen in den Genuss von weniger Kriminalität und mehr Sicherheit im Straßenverkehr, während das Risiko jedes Einzelnen doch minimal sei, etwa einem mit Bakterien verseuchten Brief, einem Sniper oder einem Anschlag von der Größenordnung des Elften September zum Opfer zu fallen.

Die Nervosität ist spürbar, und weil gegen den virusartigen Terror kein Mittel gefunden wurde, drängte der Militärschlag gegen den Irak auf die Tagesordnung und behält er jene Automatik, die ihm die europäischen Verbündeten im UN-Sicherheitsrat zu nehmen versucht haben. Im Januar, wetten viele Kommentatoren und Beobachter, wird es soweit sein, was auch immer wir Bedenkenträger aus Sympathie für die USA über ein zweites Vietnam im Zweistromland und über Nebenfolgen selbst eines siegreichen Feldzuges einzuwenden haben.

Bush's Land

In der amerikanischen Hauptstadt wird man als Mahner schwerlich ernst genommen. Der Vorwurf des Antiamerikanismus lässt sich zwar leicht ausräumen, da man für jede Kritik am amerikanischen Alleingang eine präzisere und meist noch galligere US-Quelle heranziehen kann. Aber Germany ist out, und die in fünfzig Jahren Kalter Krieg gesponnenen Netzwerke über den Nordatlantik tragen nur, wenn auch nichtmilitärische Mittel der Terrorbekämpfung und Friedenssicherung wieder in Mode kommen. Dazu muss sich der transatlantische Dialog, welcher ohnehin in Routine erstarrt und auf die politische Galerie fixiert war, der amerikanischen Zivilgesellschaft und den Nicht-Regierungsorganisationen zuwenden, wo man besser verstanden wird als in den Denkfabriken von Washington.

Den Ex- und Post-Liberalen dort kommt der anfangs schwer unterschätzte George W. Bush wie eine Dampfwalze vor. Sie lässt sich weder durch Jasagerei aufhalten, wie die demokratische Opposition in den Zwischenwahlen erfahren musste, noch durch außerparlamentarische Aktion, die vom Campus und von den Randbezirken des Showbusiness ausgeht, wo man derzeit gern Bertolt Brechts Arturo Ui gibt.

Nicht nur versiegen die althergebrachten Kontakte der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft in den Kultur-Metropolen an der Ost- und Westküste, auch geraten die Gesprächspartner, die noch durch europäische Herkunft und Exil-Kultur geprägt sind, an den Rand einer Gesellschaft, die nun einen ressentimentgeladenen Führungsanspruch und arroganten Imperialismus an den Tag legt. Darüber schütteln wohlgemerkt auch viele Amerikaner den Kopf (genau genommen alle, die unsereins trifft), aber sie können ihren Dissens nicht im amerikanischen Mainstream publik machen, nicht gegen TV-Sender wie Rupert Murdochs Fox News, in dessen perfider Dauerpropaganda selbst der Rechtspopulist Pat Buchanan besonnen wirkt, wenn er davor warnt, in einen aufhaltsamen Krieg hineinzuschlittern.

Das parteipolitische Patt hat dem Patriotismus keinen Abbruch getan, aber dieser bemäntelt eine wachsende soziale Spaltung. Die nun in allen Institutionen unterlegenen Demokraten reden sich gut zu, ihnen neige weiterhin die andere (und bessere) Hälfte der Wählerschaft zu, und in der Tat haben die Republikaner, außer in der ehemals demokratischen Hochburg der Südstaaten, keine radikale Umorientierung der Wähler bewirkt. Die Identifikation der Wähler mit den Parteien blieb konstant, und die künftige demografische Entwicklung - Amerika wird bunter und weiblicher - müsste eigentlich den Demokraten zugute kommen.

Doch erst nach ihrer Wahlniederlage haben sie die Mängel bei der Terrorbekämpfung und die unübersehbare Wirtschaftsmisere zum Thema gemacht, und noch immer trauen sie sich nicht, etwas gegen den Irak-Feldzug vorzubringen. Bush, ebenso bewitzelt wie seinerzeit Helmut Kohl, deutet das überaus knappe Wahlergebnis als Plebiszit für seinen Krieg gegen den Terror. Und dieser dient mehr und mehr als Vorwand für die Vollendung einer konservativen Revolution, die unter Ronald Reagan begann und nun offenbar im Weltmaßstab vollendet werden soll. Flehentlich bittet die liberale Presse, den konservativen Durchmarsch wenigstens bei der dritten Gewalt zu unterlassen, bei der Besetzung frei werdender Richterposten, doch auch die Bundesgerichte rekrutieren sich zunehmend aus rechten Zirkeln wie der Federalist Society, die vor wenigen Jahren noch als nicht salonfähig galt. Amerika stehen furchtbare Juristen bevor, die alle Zurückhaltung fahren lassen, vor allem bei der öffentlichen Sittlichkeit und in der Schulpolitik, aber genauso beim Umweltschutz und in anderen Bereichen, wo der freien Marktwirtschaft noch gewisse Schranken gesetzt waren.

Die Vielseitigkeit der amerikanischen Gesellschaft übersetzt sich weniger denn je in das politische Entscheidungszentrum, nicht zuletzt, weil farbige, ärmere, weniger gebildete und junge Amerikaner kaum noch am politischen Leben teilnehmen - letztere etwa bei den Zwischenwahlen nur zu einem Fünftel. Gefragt warum, antworten sie den Meinungsforschern: Weil es ohnehin keine Wahl gibt, weil Politik uns kalt lässt, weil wir im Grunde zufrieden sind. Zu den Nichtwählern gehören viele der 41 Millionen, die keinerlei Versicherungsschutz genießen und deren Altersversorgung den Bach heruntergegangen ist, während die betrügerischen Machenschaften von Corporate America allen Schwüren zum Trotz bisher nicht die geringste Konsequenz gezeitigt haben und die Aufsichtsbehörden von Banken, Börse und Unternehmen führungslos vor sich hin dümpeln.

Während die US-Wirtschaft immer noch als Modell und Lokomotive gerühmt wird, geht man hier wieder, wie der Freund in Los Angeles, morgens ahnungslos ins Büro und ist nachmittags um halb fünf den Job los. Der Publizist Kevin Phillips beschreibt in seinem jüngsten Buch Wealth and Democracy, wie stark die amerikanische Demokratie durch die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen pervertiert ist, und er deutet an, wie das Muster eines forcierten Klassenkampfs von oben dem gesamten Globus aufgedrängt wird. Und der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman erkennt in der Bush-Dynastie, zu der der eben als Gouverneur von Florida bestätigte Bruder Jeb zählt, Anzeichen für eine geldaristokratische Schließung der US-Gesellschaft, auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie im Bildungssystem. Mehr denn je kommt es darauf an, die richtigen Eltern zu haben: Den Kindern der Superreichen stehen alle Türen offen, während die Tellerwäscherkarrieren mehr denn je ein Mythos sind. Eine Erbdynastie der happy few wird die Welt nicht für den Krieg gegen den Terror begeistern; eher soll der damit verbundene Ausnahmezustand die Exklusivität der US-Gesellschaft bemänteln.

Dissens an der Heimatfront

In Washingtons Denkfabriken herrscht eine erstaunliche Naivität, was die Risiken und möglichen Dauerlasten einer Irak-Invasion betrifft. Darauf verweist auch eine Koalition angriffslustiger Falken mit dem Namen Committee for the Liberation of Iraq unter Leitung von Bob Kerrey, eines früheren Senators aus Nebraska. Er steht heute an der Spitze der New School for Social Research in New York, wo einmal viele Emigranten untergekommen sind, die vor Hitler und Stalin und auch noch vor Milosevic flohen.

Manche Universitätskollegen knüpfen an diese antitotalitäre Tradition an und reklamieren einen rigorosen Internationalismus, der auch gegenüber Saudi-Arabien und Pakistan zur Tat schreitet und im gesamten Mittleren Osten für Demokratie sorgen möchte. Aber insgesamt hört man in der akademischen Welt mehr besorgte Stimmen und solche, die geradezu beschämt wirken von der amtierenden Administration. Wie eine Fremde fühlt sich die emeritierte Politikprofessorin aus Berkeley, die als Dreizehnjährige an der Hand ihres Wiener Vaters ins Exil nach Kalifornien gekommen war, ebenso der italienische Literaturdozent, der sich gerade in Stanford eingerichtet hat.

Mehrmals sind Zigtausende auf die Straßen gegangen, es formiert sich die größte Anti-Kriegs-Bewegung seit Vietnam. Daniel Ellsberg hat die seinerzeit berüchtigten Pentagon-Papiere neu herausgebracht, Noam Chomsky meldet sich mit immer gnadenloseren Pamphleten zu Wort, der Filmemacher Michael Moore lässt in seinem Dokumentarfilm Bowling for Columbine dem Populismus freien Lauf. Oft herrscht darin aber derselbe Gefühlsüberschwang wie beim US-Präsidenten, und die Friedensbewegung verlässt sich auf bisweilen dubiose Quellen und beschränkt sich auf symbolisches Handeln. Ein sentimentaler Anti-Amerikanismus greift um sich, wie bei Mark Hertsgaard, der 9/11 mit der in den USA jetzt viel diskutierten Bombardierung Dresdens aufrechnet; in einem Buch über Amerikas Bild in der Welt schreibt er: "Unser Land war in einer Krise, bevor Bin Ladens Bomber zu ihrer Mission des Hasses gestartet sind. Politisch gesehen leben wir in einer Demokratie, die diesen Namen kaum verdient."

Verhaltener äußern die römisch-katholischen Bischöfe ihren Dissens an der Heimatfront, auch wenn sie in anderen Fragen der religiösen Rechten zuneigen und zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester ihr Ansehen bedrohen. Gleichwohl bleibt die katholische Kirche eine verlässliche Burg gegen Kasino-Kapitalismus und Kriegs-Geheul; an sie können sich europäische Partner halten, wenn sie ihre Skepsis der amerikanischen Gesellschaft mitteilen wollen. Aber man täusche sich nicht: Selbst in Noe Valley, einem spät-hippiesken Bezirk von San Francisco, hat ein grimmiger Notar in seinem über und über mit Goldwater- und Reagan-Postern dekorierten Schaufenster ein handgeschriebenes Manifest ausgestellt, das den republikanischen Durchmarsch bejubelt und voller Schadenfreude darüber ist, wie in den Cafés der Nachbarschaft die "Starbucks-Handy-Liberalen in ihren Cafe Latte heulen". "Bush Kick Ass" (ein Arschtritt von Bush) heißt das im Hinterland, und der Präsident erfüllt die Erwartungen. Am Veteran's Day, Amerikas Heldengedenktag, erinnerte er am Vietnam Memorial nicht zum ersten Mal an den Kampf gegen Deutschland, an die Besatzungszeit mit "Candy und Zigaretten, Care-Paketen und Freiheit", und man begreift, wozu das nachtragende Gezanke mit Germany gut ist: Es hält die Erinnerung an Hitler wach, der wiederum als Maßstab für Saddam Husseins Gefährlichkeit herhalten soll.

Exurbia

Bush gewann in Exurbia, eine neue Wortschöpfung für die suburbs, die wuchernden Vorstädte, die einen Angriff auf das urbane Lebensmuster darstellen und sich in Reaktion auf die Rassenunruhen der sechziger und achtziger Jahre eingebunkert haben. Hier wuchs die Kultur der Angst, die sich in videoüberwachten Wohnkolonien verschanzt, dann aber per Bildschirm trotz sinkender Kriminalitätsrate in eine Dauerpanik versetzt, die Massaker wie an Columbine High School fast logisch wirken lässt. Das Statussymbol dieses Vorstadt-Milieus sind die S.U.V. (Sport Utility Vehicle), übermotorisierte Freizeitpanzer mit Vierradantrieb, die aus dem Militär-Jeep entwickelt worden sind, um die Autoindustrie in Ohio und Michigan vor dem Ruin zu bewahren. Die Fahrzeuge wurden als leichte Trucks eingestuft, also steuerlich begünstigt und von Umweltschutzauflagen befreit, obwohl sie erheblich unsicherer sind, mehr Benzin schlucken und Schadstoffe ausstoßen und die ohnehin bescheidene Energiebilanz verschlechtern.

Hierhin nach Exurbia führt die Flucht in eine elende Jetzigkeit und Hiesigkeit, die dem Machtkartell freie Hand lässt, auch wo es die Naturparadiese angreift, die sich nur wenige Meilen jenseits der öden Einkaufsparadiese eröffnen. In den Nationalparks begrüßt einen ein freundlicher Ranger noch an der entlegensten Stelle, doch gerade hier hat die Administration eine zweite Landnahme angekündigt. An vielen Stellen ist bereits ein Stück geschützter Natur abgezwackt worden, nun sollen richtig große Brocken dazukommen, vor allem für die Ausbeutung von Erdöl und Erdgas, von den Naturschutzgebieten Alaskas bis herunter zu den Golfküsten vor Texas und Florida.

Vor allem in der Umweltpolitik soll der im Januar zusammentretende Kongress alle Sicherungen lösen. Umweltorganisationen wie der Sierra Club alarmieren ihre Mitglieder und Anwälte, doch ist vor allem die Erkundung neuer Erdölquellen angesichts der Nachrichtenlage populär. Selbst wenn die Bevölkerung der Umweltpolitik der Republikaner am stärksten misstraut: An unserer Reise quer durch die USA war das Benzin immer noch am billigsten, während die Erhaltung von Grizzlybären und Wasserschildkröten derzeit sicher nicht zu den größten Sorgen der Amerikaner zählen. Zurück in New York erfährt man, dass bei der Rekonstruktion an Ground Zero so gut wie nichts vorangeht, die Wunde also noch auf Jahre klaffen wird und alle visionären oder auch nur pragmatischen Vorschläge abgeschmettert sind. Eine Lobby aus SoHo trommelt für den unveränderten Wiederaufbau der Twin Towers, und Silverstein Properties, der Besitzer des Grundstücks, kündigt unverdrossen die Reparatur von Nebengebäude Nummer sieben an.

Lebbeus Woods, ein Architekt, der drei Häuserblocks von Ground Zero entfernt wohnt, hat ein vertikales Mahnmal als Provisorium auf Dauer skizziert, das die Immobilienbranche gewiss nicht zufrieden stellen wird. Lieber sollen die Olympischen Spiele im Jahr 2012 an den Hudson kommen. Vielen Großstädten wachsen die Schulden über den Kopf, die Zuschüsse aus den Bundes- und Einzelstaaten sind in den letzten Jahrzehnten systematisch entzogen worden - als wolle sich Exurbia an den Städtern rächen. Während des Goldrausches der Neunziger hat Wall Street Vermögen aufgehäuft, aber nichts davon ist langfristig angelegt worden, so dass selbst Michael Bloomberg, der New York wiederaufzubauen versprach, nur noch die Steuern erhöhen und die Leistungen kürzen kann. Dazu passt, wie die Knicks, das hiesige Basketball-Team, am Boden liegen.

Der Madison Square Garden war 433-mal in Folge ausverkauft, jetzt bleiben die Fans weg, und die Prominenz. Nur Woody Allen sieht man sich am Spielfeldrand die Haare raufen. Terrorprävention, Touristenflaute und Wirtschaftskrise haben New York gebeutelt, sogar über die Schließung von Feuerwehrwachen wird nachgedacht, und die Überfahrt mit der Fähre von Staten Island an die Südspitze von Manhattan soll statt einem bald zwei Quarter kosten.

Das ist nichts Neues für Deutschland, aber drüben ist es verbunden mit einem verbissenen Kampf gegen die Reste des Wohlfahrtsstaates. Nicht, dass dies unbemerkt bliebe. Ein Kolumnist der New York Times, Bob Herbert, hat es so klar ausgedrückt, wie es kein deutscher Politiker tun dürfte, wenn er nicht in demselben Blatt schwere Schelte beziehen will: "Die Steuersenkungsmanie der Republikaner hat Methode, auch jenseits ihres offensichtlichen Nutzens für die Schwer-Reichen. Die Konservativen denken, der einzige Weg, populäre Wohlfahrtsprogramme zu zerstören, die gewöhnlichen Sterblichen helfen, ist der, der Regierung das Geld zu rauben, das sie dafür benötigt."

Hier liegt die wahre Kluft zwischen Amerika und uns, aber auch mitten durch die USA hindurch. In den Fragen von Krieg und Frieden kann sich Europa keine anderen Verbündeten leisten, in so gut wie allen übrigen Bereichen muss es das.

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