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Karikatur der Kulturen

In der Auseinandersetzung um die Mohammed-Zeichnungen sehen die Dänen keinen Ausweg

02.02.2006 00:02
HANNES GAMILLSCHEG (KOPENHAGEN)
MIDEAST ISRAEL PALESTINIANS DENMARK
Protest gegen die Mohammed-Karikaturen in Nablus im Westjordanland: Die dänische Flagge, der Danebrog, wird mit Füßen getreten. Foto: ap

In den Supermärkten in Riad, in denen Feta-Käse des Molkereikonzerns Arla sonst ein Verkaufsschlager war, prangen nun Schilder: "Sorry. Wir verkaufen keine dänischen Produkte." Bei Kundgebungen von Gaza bis Karatschi verbrennen aufgebrachte Demonstranten dänische Fahnen und Bilder von Premier Anders Fogh Rasmussen. In Irak hat ein "bekannter Terrorist" eine "Fatwa" über die dort stationierten dänischen Soldaten verhängt, die von den Militärs äußerst ernst genommen wird. Daheim in Dänemark mussten die Räume der auflagenstärksten Zeitung Jyllands-Posten wegen einer - zum Glück falschen - Bombendrohung evakuiert werden.

Fassungslos blickt Jyllands-Postens Chefredakteur Carsten Juste auf die Kalamitäten, die sein Blatt angerichtet hat. "Hätten wir gewusst, wohin dies führt, hätten wir es nicht getan", räumt er nun ein, "die Kosten können auch zu hoch werden." Als Kampf für die Meinungsfreiheit, gegen die "Selbstzensur", das Zurückweichen vor islamischen Fundamentalisten, die man um sich greifen sah, hat die betont islamkritische Gazette im September die zwölf inzwischen so heftig umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht. Jetzt sieht Juste den Kampf verloren. "Eine ganze Generation lang wird in Dänemark niemand Mohammed zeichnen. Beschämt muss ich sagen: Sie haben gewonnen."

Muslimische Organisationen und die Regierungen und Parlamente arabischer Staaten fordern eine "vorbehaltlose Entschuldigung" von Jyllands-Posten, von Rasmussen, von Königin Margrethe gar. Doch was sollen sie entschuldigen? Die Verletzung religiöser Gefühle hat Juste längst beklagt, zuletzt sich auch "entschuldigt", die Publizierung hält er weiterhin für wichtig. Rasmussen hat "persönlich" von den Zeichnungen Abstand genommen, Außenminister Per Stig Møller "Verständnis" für den Zorn der Gekränkten ausgedrückt. Doch eine dänische Regierung kann sich nicht dafür entschuldigen, was eine unabhängige Zeitung druckt. Dann wäre die Pressefreiheit tatsächlich in Gefahr.

Für die "unnötige Provokation" hat Jyllands-Posten in den vergangenen Monaten auch in Dänemark viel Kritik einstecken müssen. Doch die Lage hat sich "radikal geändert", springt die linke Zeitung Information nun ihren rechten Kollegen bei: "Jetzt geht es nicht mehr um verletzte Gefühle und die Behandlung ethnischer Minderheiten. Jetzt geht es darum, ob man mit Drohungen und wirtschaftlichem Druck die Meinungsfreiheit knechten kann." Was wäre der nächste Schritt? Was, wenn radikalen Islamisten demnächst die Nahost-Kommentierung nicht passt? Medhdi Mozaffari, Islam-Experte an der Universität Aarhus, hält die anti-dänischen Aktionen für einen Schritt einer langfristigen Taktik, mit der in Europa der Weg für islamische Lebensregeln und Scharia-Gesetze gebahnt werden soll.

Doch es ist kein Zufall, dass es nun just in Dänemark zu dem Zusammenstoß kam, denn nirgends sonst in Europa ist in den vergangenen Jahren die Ausländerdebatte so gehässig geführt, sind die Zuwanderungsgesetze so brutal verschärft worden. Wer einen ausländischen Ehepartner nach Dänemark bringen möchte, muss älter sein als 24 und die Braut oder der Bräutigam auch. Er muss das nachgeholte Familienmitglied nicht nur versorgen können, eine passende Wohnung vorweisen, eine Bankgarantie hinterlegen, sondern auch beweisen, dass die gemeinsame Beziehung des Paares zu Dänemark größer ist, als zu jedem anderen Land. Im Klartext: Ein in Dänemark aufgewachsener Türke kann seine türkische Frau nicht nachholen, weil beide als Paar zur Türkei eine stärkere Bindung haben. Die Zahl der Familienzusammenführungen ist seit dem Antritt der rechtsliberalen Regierung vor fünf Jahren auf ein Drittel, jene der aufgenommenen Flüchtlinge auf ein Viertel gefallen. Flüchtlingsfamilien werden mit den halben Sätzen der Sozialhilfe abgespeist. Wer Bleiberecht haben möchte, muss eine Loyalitätserklärung abgeben, gegen die die umstrittenen deutschen Fragebögen ein Pappenstiel sind, und für die Staatsbürgerschaft ist eine Sprach- und Landeskunde-Prüfung nötig, die auch viele Dänen überfordern würde.

In den tonangebenden Medien werden Ausländer ständig kollektiv als Problem bezeichnet, nie als Ressource. Abgeordnete der rechts-populistischen Volkspartei haben den Islam "Krebsgeschwür" und "Terrorbewegung" genannt. "Krieg der Zivilisationen?", fragte DVP-Chefin Pia Kjærsgaard, "es gibt nur eine Zivilisation, und das ist unsere." Rasmussen, dessen Regierung sich im Parlament auf die DVP stützt, rügte die ärgsten Auswüchse sanft, bezeichnet den Ton der Debatte aber als "frisch und sauber". So ist es kein Wunder, dass der Premier noch kein Wort der Kritik über die Jyllands-Posten-Karikaturen verloren hatte, als vier Monate nach der Publikation die Krise plötzlich aufflammte, und dass er damals den Wunsch von elf Botschaftern aus islamischen Staaten nach Intervention unnötig brüsk abbürstete. Er hätte mit ihnen sprechen und ihnen erläutern können, warum er nicht eingreifen kann. Doch er wies sie ab, als Signal an seine Wählerschaft, dass man von den Moslems fordert, sich "dänischen Werten" unterzuordnen. Kein Wunder auch, dass Jyllands-Posten seine Karikatur-Spitze gegen die Moslems richtete, als man die Grenzen der Meinungsfreiheit ausloten wollte. Es ist in Dänemark auch erlaubt, Nazi-Symbole zu drucken, doch eine Hakenkreuz-Hommage hat es noch nicht gegeben.

Kein Wunder schließlich, dass sich Muslime nun "verhöhnt, gekränkt, diskriminiert" fühlen, wie es Asmaa Abdol-Hamid ausdrückt, die im Integrationsrat der Stadt Odense sitzt. Dazu nochmals das Links-Blatt Information: "Wir haben in Dänemark den Respekt vor anderen Kulturen verloren." Jetzt, da Milliarden Kronen im Exportgeschäft auf dem Spiel stehen, kritisieren führende Industrielle, die keine Augenbraue hoben, als es nur um die Gefühle der muslimischen Mitbürger ging, den "Missbrauch der Pressefreiheit" und drängen die Regierung zum Handeln. Diese sucht hektisch nach einer Lösung, bleibt aber ratlos. "Wir haben es mit unkontrollierbaren Kräften zu tun", klagt Rasmussen. Denn selbst wenn man sich mit den Regierungen der islamischen Welt verständigen könnte, wer garantiert, dass dies militanten Milizen genügt, die mit der Erregung religiöser Gefühle ihre politischen Ziele verfolgen wollen.

Auch die selbst ernannten Sprecher der dänischen Moslems, die die Stimmung erst anheizten und sie jetzt wieder dämpfen wollen, wissen nicht, welchen Kurs sie eigentlich einschlagen wollen. Erst priesen sie Jyllands-Postens Entschuldigung, um dann zu befinden, sie sei nicht eindeutig genug. Abu Laban, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde, sagte im dänischen Fernsehen, er wolle zur Aufhebung der Sanktionen beitragen, im arabischen Kanal Al Dschasira nannte er den Boykott eine "Freude". Doch die meisten muslimischen Zuwanderer sehen der Eskalation ebenso verständnislos zu wie ihre dänischen Mitbürger. "In die Moscheen kommen höchstens 10 000 der 200 000 Moslems", sagt der palästinensisch-stämmige linksliberale Parlamentarier Naser Khader. Die norwegisch-pakistanische Komikerin Shabana Rehman empört sich: "Wie können irgendwelche Imame sagen, sie sprächen für 1,2 Milliarden Moslems? Meine Stimme haben sie nicht."

Zu den unkontrollierbaren Kräften zählen auch die dänischen Rechtsradikalen, die nun in SMS-Ketten auffordern, Einwanderer-Läden zu boykottieren und auf dem Kopenhagener Rathausplatz Korane abzubrennen. Premier Rasmussen warnt eindringlich vor Handlungen, die die Lage weiter zuspitzen könnten. Der Nahost-Kenner Herbert Pundik schlägt vor, als "Geste", dass Dänemark kein islamfeindliches Land sei, mit Spendengeld endlich die Moschee bauen zu lassen, auf die Kopenhagener Moslems schon lange warten. "Lieber wäre uns ein anständigerer Ton in der öffentlichen Debatte", erwiderte Hadi Khan von der Gruppe Moslems für Dialog.

Dossier: Islam und Islamismus

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