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Jochen Flasbarth "Gerede vom billigen Atomstrom absurd"

Union und FDP wollen längere AKW-Laufzeiten, womöglich sogar neue Kernkraftwerke in Deutschland. Die Atompolitik wird zum Wahlkampfthema. Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, kritisiert im FR-Interview die Argumente von Schwarz-Gelb.

17.09.2009 00:09
Die Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform sagt Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, und wiederlegt im FR-Interview die Argumente von Schwarz-Gelb Foto: dpa

Die Atompolitik ist zum heißen Wahlkampfthema geworden. Union und FDP wollen trotz aller Pannen längere AKW-Laufzeiten - um das Klima zu schützen. Forschungsministerin Schavan lässt sogar über neue AKW nachdenken. Ist das sinnvoll?

Nein. Die Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform. Die aktuellen Debatten über die Endlager Asse und Gorleben zeigen das doch überdeutlich. Die Probleme, die der Atommüll verursacht, sind nur mit riesigem Aufwand zu lösen. Diese Probleme noch zu vervielfältigen,führt nur noch weiter in die Sackgasse. Allein diese Facette ist Grund genug dafür, den Atomkonsens nicht aufzukündigen. Hinzu kommt: Wer Laufzeiten verlängert oder neue AKW baut, produziert einen Hemmschuh für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Dass Kohlestrom weniger CO2 als Atomstrom produziert, wollen Sie aber nicht behaupten...

Die Frage ist doch: Wie erreichen wir die Klimaschutzziele für 2020 und 2050? Das geht nur mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und einer starken Erhöhung der Energieeffizienz in Industrie, Haushalten und Verkehr. Wer die Atomkraft weiter pusht, verhindert diese Alternativen.

Die Union schlägt vor, die Laufzeit um zehn Jahre zu verlängern und die Hälfte der Konzern-Gewinne daraus in die Asse-Sanierung, erneuerbare Energien und Sozialstrom-Tarife zu stecken. Das hat doch seinen Reiz!

Mich reizt das nicht. Im Gegenteil. Eine Laufzeit-Verlängerung würde die veralteten Strukturen im Energiemarkt konservieren, die auch von der Monopolkommission kritisiert werden, weil sie den nötigen Wettbewerb verhindern. Und nehmen Sie nur das Thema Asse: Die Sanierung des löcherigen Atommüll-Lagers wird Milliarden kosten. Das zeigt doch, wie absurd das Gerede vom billigen Atomstrom ist.

Können die erneuerbaren Energien die AKW ersetzen?

Das können sie, wenn gleichzeitig die Energieeinsparung so forciert wird, wie die Bundesregierung das vorsieht.

Bei den Effizienz-Zielen hapert es. Die Ziele sind bisher nicht erreicht worden.

Richtig, da muss nachjustiert werden. Das ist eine große Herausforderung für die nächste Legislaturperiode. Wir brauchen Standards für energieverbrauchende Geräte und müssen effizientere Kraftwerke durchsetzen, etwa die Kraft-Wärme-Kopplung ausbauen.

Wie teuer wird der Strom für die Bürger dann?

Strom wird teurer, egal, ob neue Atom- oder Kohlekraftwerke gebaut werden oder wir die erneuerbaren Energien forcieren. Atomstrom ist nicht wirklich billig, Kohlemeiler brauchen teure CO2-Zertifikate, und die Erneuerbaren anfänglich noch Markteinführungshilfen. Längerfristig sind Ökoenergien aber der kostengünstigerer Weg.

Die Konzerne warnen vor einer Stromlücke, wenn die AKW auslaufen und keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Wie groß ist diese Gefahr?

Das ist ein Märchen, das gern erzählt wird, um die alten Strukturen zu konservieren. Wir haben nachgewiesen: Die Stromlücke droht nicht. Die alternativen Energien sollen zügig ausgebaut werden.

Gorleben ist wieder heftig in der Kritik. Halten auch Sie den Standort für "politisch tot"?

Das Projekt Gorleben ist zumindest stark beschädigt worden. Nur eine neue, offene Endlagersuche mit einem Vergleich von Standorten kann das heilen. Das schlägt ja auch das jetzt bekannt gewordene Gutachten des Bundesforschungsministeriums vor.

Was halten Sie vom "VW-Motor im Keller", dem Projekt von Volkswagen und dem Öko-Energieanbieter Lichtblick, Strom aus dem Heizungskeller nach Bedarf in das Netz einzuspeisen?

Das ist eine vernünftige Geschichte. Es könnte Teil eines virtuellen Kraftwerks werden, bei dem erneuerbare Energien und hochflexible, dezentrale Blockheizkraftwerke auf Gas-Basis zusammengeschaltet werden. Es gibt noch ein paar Hürden, aber die sind zu meistern. So müssen die Keller-Motoren genauso emissionsarm sein wie Autos oder neue Gaskraftwerke.

Die Debatte über Energie wird heftig geführt. Allerdings werden auch viele andere Ressourcen,vor allem Rohstoffe zunehmend knapp

Das ist richtig - und für die Wirtschaft durchaus gefährlich. Leider steht dieses öffentlich zu wenig im Fokus. Jüngst hat die deutsche Industrie beklagt, dass wichtige Rohstoffe, zum Beispiel seltene Metalle, knapp zu werden drohen. Sie hat die Bundesregierung aufgefordert, deswegen bei Ländern wie China zu intervenieren, damit diese die Rohstoffe weiter billig liefern.

Das ist aber ein zu kurzsichtiger Ansatz.

Der richtige wäre?

Ein viel effizienterer, intelligenterer Einsatz der Rohstoffe, maximales Recycling, Übergang zur Modulbauweise, damit Bauteile leicht wiederverwendet werden können.

Aber: Alle Welt ruft nach Wachstum. Wachstum, also mehr Konsum, mehr Transport, mehr Ressourcenverbrauch, soll aus der aktuellen Wirtschaftkrise führen. Da propagieren Sie das Einsparen...

Das wird funktionieren. Gerade diejenigen Volkswirtschaften werden künftig die Nase vorne haben, die wissen, wie man aus weniger Rohstoffen mehr macht, und die ressourcenleicht produzieren. Warum nicht Deutschland mit seinen tollen Ingenieurinnen und Ingenieuren?

Interview: Joachim Wille

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