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Kommentar zu Günter Grass Wieso schützt ihr nicht alle?

Wenn ein Sarrazin hetzt, macht kaum ein Kommentator den Mund auf, aber beim bloßen Verdacht auf Antisemitismus machen alle den angeblichen Täter fertig. Wieso eigentlich?

06.04.2012 18:07
Mely Kiyak
Wieso gab es gegen Sarrazin keinen Proteststurm, fragt Mely Kiyak. Foto: dapd

Wenn ein Sarrazin hetzt, macht kaum ein Kommentator den Mund auf, aber beim bloßen Verdacht auf Antisemitismus machen alle den angeblichen Täter fertig. Wieso eigentlich?

Als Thilo Sarrazin vor siebzehn Monaten sein Buch veröffentlichte, in dem er Leute wie mich als minderwertige, der Gesellschaft schadende Subjekte beschrieb und mit falschen Zahlen seine Denunziationsschrift fütterte, passierte erstmal nichts.

Genüsslich und unkommentiert veröffentlichte die Bildzeitung, später der Spiegel, vorab Passagen daraus. Dann wurden Talkrunden angestrengt, wo es um die Frage ging, wie man die Defekte bestimmter Gruppen in den Griff kriegt.

Ein Land versuchte sich pseudowissenschaftlich in Vererbungslehre und Religionskritik. Versuchte den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Schaden, den wir diesem Land antun, zu bemessen. Stellte in immer neuen Variationen unsere Existenzberechtigung in Frage.

Der Mob tobte ungestört

Bis zum heutigen Tag kann ich mich an keinen Herausgeber oder Chefredakteur von Rang erinnern, der den behaupteten Schaden, den wir Deutschland antun, mit einer einzigen Zeile gekontert hätte. Erst spät entstand eine lustlose Debatte darüber, ob es sich bei dem Buch nicht um einen gewöhnlichen Fall von vulgärem Rassismus handeln könnte.

Da war der Mob schon längst enthemmt und labte sich dumm und dämlich an dem Mist. Bis heute bescheinigen Autoritäten dieses Landes Sarrazin Größe und Mut. Seine letzte Tinte also ging in Ordnung.

Der alte Grassschreibt nun ein politisches Gedichtund sorgt sich um den Frieden. Ich mische mich nicht ein. Nur so viel: Leute, wie ich, an deren Küchentischen viele Sprachen gesprochen werden und in deren Familien Bürger aus mehr als einem Land und einer Religionsgemeinschaft versammelt sind, lassen uns unsere Worte nicht durch Botschafter, nicht durch Regierungen und durch keine Staatsräson vorformulieren.

Wir lieben jeden Deutschen, jeden Israeli, jeden Iraner, jeden Palästinenser, jeden Bürger. Wir lieben jeden Moslem, jeden Juden, jeden Christ. Wir vermissen, dass unsere Regierungen nicht in der Lage sind, Freundschaft miteinander zu schließen.

Wir verdammen jeden Terroristen, jeden Rassisten, jeden Nationalisten, der unsere Menschenliebe in Geiselhaft nimmt. Wir sind klug und gebildet genug, um zu sehen, mit welchem Maß Worte gemessen werden, abhängig davon, wer sie spricht und wen sie betreffen.

Warum könnt ihr uns nicht ebenso heldenhaft schützen?

Ich sehe, dass die Kommentatoren dieses Landes bei dem bloßen Verdacht auf Antisemitismus alles stehen und liegen lassen, um den Sprachtäter auf der Stelle zu entlarven, zu demontieren und fertigzumachen.

Meine Lehre aus allen mir bekannten Genoziden ist, dass die Bekämpfung von Rassismus – Antisemitismus ist eine Form davon – zu unserem Menschsein dazu gehören muss. Mensch sein bedeutet, jeden als seinesgleichen zu betrachten und in Schutz zu nehmen.

Deshalb frage ich: Warum könnt ihr alten grauköppigen Kollegen, Chefs, Botschafter, Schriftsteller und Historiker, uns, die wir mit euch zusammenleben, nicht auf die gleiche, heldenhafte Art schützen, wie ihr es tut, wenn ihr meint, Hass und Unrecht richte sich gegen unsere jüdischen Freunde?

Ich kriege diese Diskrepanz einfach nicht zusammen. Wir sind ein Teil von euch, wir leben Tür an Tür, und wenn ich sehe, mit welcher Kraft und Leidenschaft ihr in der Lage seid zu kämpfen, dann schreibe ich mit vorletzter Tinte: Es gab Zeiten in diesem Land, da habe ich eure Liebe sehr vermisst. Schönes Osterfest wünscht Mely Kiyak

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