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Iran Auf der Suche nach der Bombe

Der Iran ist ganz anders, als das Bild, das westliche Politiker von dem Land verbreiten. Unser Autor würde einige von ihnen am liebsten einmal mit auf seine Reisen durch das Land nehmen.

02.05.2012 17:23
Jürgen Todenhöfer
Junge Frauen im Iran: einem Land, in dem Lippenstift und Kopftuch-Styling eine Art Protest gegen die Regime-Regeln ist Foto: REUTERS

Wie gerne würde ich einige unserer westlichen Politiker einmal in den Iran mitnehmen. Um ihnen zu zeigen, dass dieses Land so ganz anders ist, als sie es ihren Wählern erzählen. Ich würde sie in eine der christlichen Kirchen oder eine der Synagogen Teherans begleiten. Und in jenes berühmte jüdische Sapir-Hospital, wo sie Ciamak Moresadegh kennenlernen würden, den liebenswürdigen, klugen Direktor des Krankenhauses.

Moresadegh ist auf vieles stolz. Darauf, dass 80 Prozent seiner Patienten Muslime sind, die für ihre Behandlung nur wenig oder gar nichts bezahlen müssen. Und darauf, dass er Jude und Iraner ist. Wie 20.000?weitere Juden, deren Familien seit über zweieinhalbtausend Jahren hier leben.

Moresadegh, der die Juden als Abgeordneter auch im Parlament vertritt, würde mit seinen Besuchern gerne über Religionsfreiheit im Iran sprechen. Über die jüdischen Schulen und Kindergärten in Teheran, die koscheren Restaurants und darüber, dass der iranische Staat sein Krankenhaus jährlich mit einer Million Dollar unterstützt.

Er würde versuchen zu erklären, dass es im Iran trotz antizionistischer Politik nie jenen grauenvollen, staatlich organisierten Antisemitismus gegeben hat wie in Deutschland oder Europa. „Antisemitismus ist kein islamisches, sondern ein europäisches Phänomen“, würde er leise sagen.

Systematische Lügen

Moresadgh ist wie alle Iraner an den kriegerischen Alarmismus gewöhnt, mit dem die Nuklearpläne seines Landes immer wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse gepeitscht werden. Schon 1993 behauptete der heutige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der Iran werde in drei bis fünf Jahren eine Nuklearwaffe besitzen. 1995 zitierte die New York Times israelische und amerikanische Regierungsstellen mit der Feststellung, der Iran werde die Bombe im Jahr 2000 haben. 1998 erläuterte Donald Rumsfeld, der drei Jahre später wieder US-Verteidigungsminister werden sollte, dem Kongress, 2003 könne eine iranische Interkontinentalrakete die USA erreichen. Und 2003 berichtete der Spiegel, der Iran stehe „offenbar kurz vor dem Bau der Atombombe“. Wie vor dem Irakkrieg wird auch im Irankonflikt systematisch gelogen.

Präsidentschaftskandidat John McCain sang 2007 auf einer Parteiveranstaltung der Republikaner fröhlich: „Bomb, bomb, bomb Iran“ – lasst uns endlich den Iran bombardieren. Und Barack Obamas Herausforderer Mitt Romney, der den Iran für eine „zum Völkermord neigende Nation“ und die „größte Bedrohung seit den Nazis und den Sowjets“ hält, erklärte am 5. März 2012: „Entweder verstehen die Ajatollahs unsere Botschaft, oder sie werden einige sehr schmerzhafte Lektionen amerikanischer Entschlossenheit erhalten.“

Netanjahu wollte da nicht zurückstehen. Gefragt, wann Israel angreifen werde, antwortete er, er arbeite „nicht mit der Stoppuhr“. Es handle sich nicht um „Tage oder Wochen, aber auch nicht mehr um Jahre“. Der Iran wolle „im Namen einer Herrenreligion Millionen Juden vernichten“. Er sei der „größte Terrorstaat der Welt“.

Am 16. April, jenem Tag, an dem Netanjahu den Iran als „weltgrößten Terrorstaat“ bezeichnete, landete ich zu meiner vierten Iranreise in Teheran. Mein Sohn Frédéric begleitete mich. Ihm erging es wie den meisten westlichen Iranreisenden. Nach zwei Tagen rieb er sich nur noch die Augen. Der einzige „Extremismus“, dem wir begegneten, war die extreme Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft aller Iraner, die wir trafen. Ihre Liebenswürdigkeit war fast beschämend. Dieses Land des Lächelns sollte der Welt finsterster Terrorstaat sein?

Drei Tage später sind wir in Isfahan, einer märchenhaften Stadt voll mittelalterlicher Prachtbauten, uralter Basare und romantischer Parkanlagen. Am Imamplatz sitzen wir zusammen mit Ali, einem 22-jährigen Geschichtsstudenten. Er trägt Jeans, T-Shirt und modische Sneakers. Ali bekennt sich zur grünen Protestbewegung. Das Mullah-Regime hält er für unzeitgemäß und repressiv. „Das ist so, wie wenn ihr von Kardinalen regiert würdet“, sagt er. Wegen umstürzlerischer Umtriebe hat man ihn vor einem Jahr zwei Wochen lang ins Gefängnis gesteckt. „Die Iraner sehnen sich nach echter Demokratie“, flüstert er. „Aber niemand will nach dem Irak-Desaster vom Westen befreit werden.“

In der Nuklearfrage gibt er der iranischen Führung Recht – wie alle, die wir treffen. Niemand im Iran wolle Nuklearwaffen. Selbst die Mullahs nicht. Allerdings wollten alle Iraner das Recht auf friedliche Nutzung der Nukleartechnologie – wie jeder Staat der Welt. Das sei nationaler Konsens.

Den Nachmittag verbringen wir mit Ali auf der mittelalterlichen, steinernen 33-Bogen-Brücke. Dort treffen sich um diese Zeit Tausende Jugendliche. Immer wieder werden wir angesprochen und zu irgendetwas eingeladen. In kaum einem Land der Welt flirten die Mädchen fröhlicher als im Iran. „Kein Wunder, dass die Mullahs verlangen, dass sie wenigstens ihre Haare bedecken“, sagt Frédéric. Der Nachmittag währt bis tief in die Nacht. Bei iranischer und westlicher Musik und einem Picknick, weit außerhalb von Isfahan. Iraner feiern gerne.

In der geheimnisumwitterten heiligen Stadt Ghom, dort, wo Khomeini lehrte und zum Sturz des Schahs aufrief, treffen wir Ajatollah Abbas Ka’bi. Er ist Mitglied des mächtigen Expertenrats, das den Revolutionsführer wählt und überwacht. Wir sprechen über die von Irans geistlichem Führer Ali Chamenei erlassenen Fatwas, jene viel zitierten, verbindlichen Religionsgutachten zur Nuklearfrage. Darin hat der mächtigste Mann des Iran Nuklearwaffen als unvereinbar mit dem Koran erklärt, weil sie keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten machten. Frédéric fragt, ob eine veränderte Bedrohungslage zu einer Änderung der Fatwas führen könne.

Ajatollah Abbas Ka’bi erklärt lächelnd, dass das bei diesen Fatwas unmöglich sei. Atomwaffen würden immer Zivilisten töten, und das werde der Koran immer verbieten. Kein Religions- oder Revolutionsführer habe die Macht, das zu ändern.

Ein rationaler Akteur

Abbas Ka’bi wehrt sich gegen die Unterstellung, sein Land habe Kriegsabsichten. Seit 150 Jahren habe der Iran kein Land angegriffen, anders als die USA. Er sei jedoch mehrfach überfallen worden, zuletzt 1980 von Saddam Hussein mit Unterstützung der USA. Dass der Iran seine Friedfertigkeit nun ausgerechnet gegenüber den USA und Israel beweisen solle, stelle die Dinge auf den Kopf. Die USA wüssten durch ihre Geheimdienste, dass der Iran keine Nuklearwaffen wolle. „Anders als manche westliche Politiker schalten wir in kritischen Situationen unseren Verstand nicht aus“, sagt Abbas Ka’bi.

General Martin Dempsey, Chef der US-Streitkräfte, scheint das ähnlich zu sehen. Im Februar erklärte er: „Wir glauben, dass der Iran ein rationaler Akteur ist und nicht beschlossen hat, Nuklearwaffen herzustellen.“ Selbst Meir Dagan, früherer Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, betont, dass Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad in der Nuklearfrage rational handele. Den Iran jetzt zu bombardieren, sei die „dümmste Idee, die er je gehört habe“.

Für den Iran haben Nuklearwaffen in der Tat keinen wirklichen Sinn. Das Land, dessen Militärhaushalt ein Prozent des amerikanischen beträgt, ist eingekreist von Dutzenden amerikanischen Stützpunkten. Es liegt in der Reichweite von mehr als tausend strategischen Atomgefechtsköpfen der USA und mehreren hundert Gefechtsköpfen Israels. Das kleine Einmaleins der Nuklearstrategie gälte für den Iran ganz besonders: Wer als Erster schießt, stirbt als zweiter. Die USA könnten mit ihren Atomwaffen rein rechnerisch jeden der 75 Millionen Iraner mehr als hundert Mal zu Asche verbrennen. Bei diesen Kräfteverhältnissen ist eine Handvoll Atomwaffen nicht sehr abschreckend.

Vieles spricht dafür, dass das „iranische Nuklearproblem“ ein Vorwand ist, um den Iran zu isolieren und in die Knie zu zwingen. Dass es in Wahrheit um die Vorherrschaft in der ölreichen Region geht. Der Iran ist zum Ärger der USA der eigentliche Gewinner des Irakkriegs, ohne daran teilgenommen zu haben. Seither erstreckt sich der iranische Einfluss über den Irak, Syrien, Libanon bis tief in die schiitischen Gebiete Saudi-Arabiens und Bahrains hinein.

Diesen Machtzuwachs wollen die USA rückgängig machen und den Iran durch Druck, Drohung und Gewalt wieder zu einem linientreuen Verbündeten machen. Wie zu Zeiten des CIA-Schützlings Schah Reza Pahlevi, dessen Nuklearpläne der Westen stets bereitwillig unterstützte.
Daneben geht es den USA im Mittleren Osten immer auch um die Stabilisierung Israels. Die arabische Revolution hat die Region unberechenbar gemacht. Jeder israelische Politiker muss sich Sorgen um die Zukunft seines Landes machen.

Angesichts der provokativen Rhetorik Ahmadinedschads kann man die traumatischen Ängste vieler Israelis verstehen. Der Iran betreibt gegenüber Israel eine offen feindselige Politik. Ahmadinedschad hat dies am 26. Oktober 2005 mit seiner berüchtigten Aussage unterstrichen, so wie die „Regimes“ des Schah, der Sowjetunion und Saddams müsse auch „das Regime, das Jerusalem besetzt hält, aus den Annalen der Geschichte getilgt werden“.

#Umbr
Zwar zeigt diese amtliche Übersetzung des Deutschen Bundestags, dass Ahmadinedschad nicht erklärt hat, Israel müsse „von der Landkarte getilgt werden“. Israels stellvertretender Ministerpräsident Dan Meridor hat dies vor wenigen Tagen ausdrücklich bestätigt. Allerdings ist auch die Äußerung, „das Besatzungsregime von Jerusalem“ – nicht Israel – müsse „Geschichte werden“, aggressiv und feindselig.

Doch Feindseligkeit ist kein Kriegsgrund. Wenn die Forderung nach Regime-Wechseln Kriegsgrund wäre, dürfte man die USA ständig angreifen. Die US-Politik ist seit Jahrzehnten weltweit auf Regime-Wechsel ausgerichtet. Kuba, Irak, Nordkorea, Libyen, Syrien und der Iran sind nur einige Beispiele.

Durch Militärschläge werden die USA im Iran allerdings nichts erreichen. Der Irankonflikt ist nur durch Verhandlungen auf oberster Regierungsebene lösbar. Doch seit über 30 Jahren reden die Regierungen beider Länder nicht mehr miteinander. Nur einen unverbindlichen Briefverkehr zwischen Obama und Chamenei gibt es. Selbst wenn Ahmadinedschad zur UN-Vollversammlung nach New York reist, kommt es nie zu Gesprächen mit der US-Regierung. Obwohl Irans Führung ihre Bereitschaft hierzu auf mehreren Kanälen signalisiert hatte.

Zivilcourage ist gefragt

Der frühere US-Präsident Ronald Reagan oder Willy Brandt waren sich nie zu schade, Herrscher des damaligen „Reichs des Bösen“ zu treffen. Doch die US-Administration hält ein Gespräch mit Ahmadinedschad für „politischen Selbstmord“. Welch ein politisches „Meisterwerk“, Gegner so zu dämonisieren, dass man nicht mehr mit ihnen sprechen kann!
Der ägyptische Präsident Anwar Sadat hatte da mehr Zivilcourage. Er setzte sich 1977 ins Flugzeug und flog zum damaligen israelischen Regierungschef Menachem Begin, einem früheren „zionistischen Terroristen“. Die beiden schafften einen historischen Frieden.
Müsste nicht gerade Netanjahu die Größe zu einem derartigen Schritt haben? Weil vielleicht gerade Hardliner die große Lösung, den „Big Deal“, schaffen könnten? Welch ein Raunen und Staunen, welch eine Welle der Hilfsbereitschaft ginge durch die Welt, wenn Netanjahu diesen Schritt wagte!

Angriffsdrohungen und erst recht Militärschläge sind völkerrechtswidrig. Die deutsche Unterstützung eines Angriffs widerspräche Artikel 26 unseres Grundgesetzes und wäre nach Paragraf 80 des Strafgesetzbuches strafbar. Die lockere Art, mit der westliche und israelische Politiker völkerrechts- und verfassungswidrige Pläne in Betracht ziehen, zeigt, dass ihnen die rechtlichen und moralischen Maßstäbe abhanden gekommen sind.

Auch dass der Westen im Iran- wie im Syrienkonflikt mit dem Feuer spielt, scheint manchem nicht klar zu sein. Beide Länder könnten bei militärischen Angriffen zurückschlagen und einen Flächenbrand auslösen. Wenn der Mittlere Osten in Flammen steht, könnten auch bei uns die Lichter ausgehen. Die westlichen Chaosstrategen, die schon im Irak- und Afghanistankrieg so kläglich gescheitert sind, scheint das nicht anzufechten. Einen funktionierenden strategischen Kompass haben sie schon lange nicht mehr.

Am letzten Abend besuchen wir mit Ciamak Moresadegh die Yusef-Abad-Synagoge in Teheran. Der Gemeindesaal ist brechend voll, wir feiern mit 400 jüdischen Iranern den Arwit Schel Schabbat, den Beginn des Schabbat-Festes. Donnernd singen die Männer ihr hebräisches „Lecha Dodi“, das Lied zur Begrüßung des Schabbat. Für Frédéric und mich ein fast surreales Erlebnis – Gottesdienst in Teheran mit jüdischen Iranern!

Moresadegh fährt uns ins Hotel. Er hofft, dass die Nukleargespräche mit dem Westen doch noch zu friedlichen Ergebnissen führen werden. West und Ost seien aufeinander angewiesen. Wenn der Iran allerdings angegriffen werde, werde er seine iranische Heimat selbstverständlich verteidigen. Gegen jeden Feind, egal woher er komme.

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