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Günter Grass "Eine gestörte Beziehung zu Israel"

Die Reaktionen auf das Israel-Gedicht von Nobelpreisträger Günter Grass fallen heftig aus. Seine Kritiker werfen ihm Verlogenheit und primitive Rhetorik vor.

Das Gedicht von Grass unter dem Titel "Was gesagt werden muss". Foto: dpa

Über 70 lange Zeilen quält sich das Gedicht. Es reimt sich nicht und folgt keinem Versmaß. Doch mit dem Text „Was gesagt werden muss“ hat der Schriftsteller Günter Grass in kürzester Zeit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Vor dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran warnt der 84-jährige Literaturnobelpreisträger vor einem atomaren Angriff Israels, der das „iranische Volk auslöschen könnte“. Eindeutig wird die Regierung in Tel Aviv und nicht das Regime in Teheran als „Verursacher der erkennbaren Gefahr“ bezeichnet.

Kritik im In- und Ausland

Im In- und Ausland stieß das Gedicht am Mittwoch nach seiner Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung, der italienischen Zeitung La Repubblica und der spanischen Zeitung El Pais auf Kritik. „Nachdem sich Günter Grass früher mit Romanen hervorgetan hat, versucht er sich heute in der Sparte Science-Fiction“, sagte der Sprecher des israelischen Außenministeriums. Die Behauptung, Israel gefährde den Weltfrieden, ermangele „jeglichen Bezugs zur Realität“.

Scharf reagierten die Grünen. „Grass’ als Gedicht verbrämtes ,Man muss doch einmal sagen dürfen’ ist eine Kolportage des antisemitischen Stereotyps eines vermeintlichen Tabus der Kritik an israelischer Politik“, sagte Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck dieser Zeitung. „Man muss die aktuelle israelische Regierung vor einem unüberlegten Militärschlag gegen den Iran warnen. Denunzieren muss man den israelischen Staat dafür nicht.“

Zahlreiche Vertreter der SPD, für die Grass in der Vergangenheit oftmals im Wahlkampf geworben hatte, wollten sich auf Anfrage zu dem Text nicht äußern. Hinter vorgehaltener Hand wurde das lyrische Werk als komplett missraten eingestuft. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte, sie schätze Grass sehr – „aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen“. Für die Linkspartei vertrat deren Abgeordneter Wolfgang Gehrcke hingegen die Meinung, Grass habe „den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde“.

Grass bedient sich in dem Gedicht einer eigenartigen Form. Über sechs gewundene Strophen kündigt er den Tabubruch an, bevor er „mit letzter Tinte“ notiert: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“. Zuvor fragt er sich: „Warum aber schwieg ich bislang?“ Als Grund benennt er das drohende Verdikt „Antisemitismus“. Die iranische Atompolitik wird in den Versen nicht kritisiert. Präsident Mahmud Ahmadinedschad bezeichnet Grass als „Maulhelden“. Dass dieser den Holocaust leugnet und das Existenzrecht Israels bestreitet, erwähnt er nicht.

Verlogene Verbundenheit

Nicht nur die einseitigen Vorwürfe gegen Israel, sondern die gesamte Struktur des Gedichtes stießen auf Widerspruch. Die Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, warf Grass ein „durchschaubares Schmierentheater“ vor. Der Schriftsteller habe „nie einen Hehl aus seiner Sicht auf Israel gemacht“. Nun suggeriere er, die angebliche Wahrheit unter Schmerzen „aus sich herauszupressen“.

Auch der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, warf Grass Verlogenheit vor. Sein Gedicht zeuge von „einer gestörten Beziehung zur eigenen Vergangenheit, zu den Juden und zu Israel.“ Selbst die Verse, in denen Grass sich schuldbewusst gebe und von seinem Makel spreche – der lange verschwiegenen Mitgliedschaft in der Waffen-SS – machten seine „verlogene Verbundenheit zu Israel“ deutlich, sagte Stein der FR.

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagte, Grass begebe sich „auf das Feld wohlfeilen Moralgezeters“. Selbst ohne Antisemitismus zu unterstellen, „gegen den sich Grass selbstherrlich verwahrt, kann man doch angesichts solch plumper, primitiver Rhetorik staunen – und sich ärgern.“ Der Schriftsteller selbst lehnte einen Kommentar zu seinem Gedicht ab. (mit geg.)

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