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Grass in Israel unerwünscht Kritik am Einreiseverbot auch in Israel

Medien kritisieren Überreaktion des Innenministers auf Äußerungen von Nobelpreisträger Günter Grass.

10.04.2012 20:33

In Israel hat das gegen Literaturnobelpreisträger Günter Grass verhängte Einreiseverbot ein geteiltes Echo gefunden. Die Zeitung Haaretz bezeichnete die Reaktion der israelischen Regierung auf die Kritik Grass’ in einem Kommentar als hysterisch. Israel müsse auch provokante Äußerungen ertragen. Zwar seien die Gefühle verständlich, die die Entscheidung zum Ausdruck bringe, aber es sei schwer, die Überreaktion zu akzeptieren.

„Wenn der Innenminister sagt, er schlage Günter Grass vor, seine falschen und verqueren Werke vom Iran aus zu verbreiten, weil er dort ein begeistertes Publikum habe, versteht er gar nicht die Ironie seiner Worte. Denn es ist gerade seine Entscheidung, Grass wegen eines Gedichts nicht nach Israel einreisen zu lassen, die eher für düstere Regimes wie den Iran und Nordkorea typisch ist“, schreibt Haaretz.

Grass, ein Literaturnobelpreisträger, habe nicht mehr getan, als ein Gedicht zu schreiben. Der Staat Israel habe dagegen durch seinen Innenminister auf hysterische Weise reagiert. „Es scheint, dass es eher um eine unerwünschte Person als um eine unerwünschte Politik gehen sollte“, kritisiert die Zeitung.

„Ein bisschen pathetisch“

Auch der israelische Historiker Tom Segev erklärte, die Entscheidung des Innenministeriums rücke Israel in die Nähe fanatischer Regimes wie des Iran. Innenminister Eli Jischai versuche offenbar, seine politische Zukunft zu sichern. Jischai hatte am Sonntag erklärt: „Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten.“

Er unterstelle Grass keinen Antisemitismus, sagte Segev Spiegel Online, vielmehr habe er „den Kontakt zur realen Politik verloren“. Das Gedicht sei „ein bisschen pathetisch“ und „sehr eitel“. „Ich glaube, er kokettiert ein bisschen mit dem Thema des Schweigens.“

Tatsächlich gebe es in Israel „seit vielen Monaten eine sehr rege Diskussion über die Frage, ob es erwünscht ist, möglich ist, moralisch zu vertreten ist, den Iran anzugreifen. Es gibt Stimmen dafür, Stimmen dagegen, und ich hab nicht so recht verstanden, was für ein Schweigen da eigentlich gebrochen wird durch das Gedicht von Günter Grass. Auf jeden Fall kein Schweigen bei uns“, sagte Segev.

Der israelische Dramatiker Joshua Sobol („Ghetto“) interpretierte die umstrittenen Äußerungen Grass’ dagegen als Ergebnis eines schweren inneren Konflikts. Der 72-Jährige schrieb am Montag in einem Gastbeitrag für die Zeitung Israel Hajom, in den Tiefen der Seele des Literaturnobelpreisträgers brenne ein „Höllenfeuer“.

Sobol erinnerte daran, dass Grass in einem früheren Interview von sechs Millionen deutschen Kriegsgefangenen gesprochen hatte, die in sowjetischen Lagern umgekommen seien. „Wo bekam Grass diese Zahl von sechs Millionen her? Sie kann nur aus seinem Unbewussten stammen, demselben Ort, an dem fromme Wünsche geboren werden. Grass musste glauben, dass die Russen sechs Millionen deutsche Kriegsgefangene getötet haben, um sein Gewissen von dem Mord an sechs Millionen Juden zu reinigen.“

Die israelische Zeitung Maariv veröffentlichte am Montag einen Archiv-Artikel des Schriftstellers Nathan Alterman zu Grass' Besuch im März 1967 – drei Monate vor dem Sechstagekrieg. „Die guten Eigenschaften und Errungenschaften von Günter Grass als Schriftsteller und Künstler und als Kämpfer gegen die Überreste oder neuen Keime der Nazizeit in Deutschland haben während seines Besuchs in Israel großes Interesse und Wertschätzung für seine Person geweckt“, schrieb Alterman damals. (dpa, dapd)

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