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Gedicht von Grass Aggressiver Liebesentzug

Früher verehrte Grass Israel, heute bestraft er das Land mit Liebesentzug und nennt das Land in einem Atemzug mit Schurkenstaaten.

Liegt gehörig falsch: Günter Grass.

Eine „Kampagne“ also. Günter Grass hat die Reaktionen auf sein Gedicht, in dem er mit Israel ungeheuerlich ins Gericht geht, mit dem er die Aggressionen des Iran bagatellisiert, als „Kampagne“ bezeichnet. Als, so muss man die Verwendung des Begriffs Kampagne verstehen, vorsätzliche Bekämpfung seiner Person. Grass stilisiert sich zum Opfer.

Grass, der als politischer Stratege gelernt hat, intensiv in Kampagnen zu denken, ist das Opfer einer Projektion. In den langen Gesprächen, die er den ARD-Tagesthemen und der 3sat-Kulturzeit am Gründonnerstag gewährt hat, stellt er, dessen Verhältnis zu den Fakten gestört ist, die Behauptung auf, man habe sich mit den in seinem Gedicht genannten Fakten nicht beschäftigt.

Ehemaliger Verehrer Israels

Auch das ist eine Unterstellung – eine weitere Entstellung in der Grass’schen Verdrehungsspirale. Zu erklären ist sie wohl damit, dass dort, wo das Verhältnis zur Realität gestört ist, der Autor auf Innerlichkeit beharrt, wie schon in seinem Gedicht, das vor allem ein Lamento ist, so larmoyant wie aggressiv. Larmoyant, wenn er sich als ehemaliger Verehrer Israels äußert, den die einst Umschwärmte bitter enttäuschte. Umso aggressiver der Liebesentzug.

Grass hat sich zu dem Eingeständnis durchringen können, nicht differenziert zu haben zwischen der Pauschalformulierung „Israel“ und der „heutigen israelischen Regierung“. Ansonsten hat sich der Levitenleser in den TV-Gesprächen nicht beirren lassen – im Gegenteil, er hat, wie schon das lyrische Ich in dem Grass-Gedicht, über das von Israel angeblich „behauptete Recht auf den Erstschlag“ doziert – aber nicht wie über eine literarische Fiktion.

Da aber auch Grass sein Gedicht politisch sicherlich mehr ernst nimmt als literarisch, beharrte er auf dem Wort „Erstschlag“ – der verbale Wiedergänger aus der Zeit des Kalten Krieges war ihm nicht auszureden.

Grass hat sich verstiegen. Weder die Siedlungspolitik Israels ist in den Medien hierzulande verschwiegen worden, ebenso wenig die Waffendeals der Bundesrepublik „unter dem Vorwand der Wiedergutmachung“ (Grass). All das sind keine exklusiven Erkenntnisse von Grass, exklusiv ist allenfalls sein Alleinvertretungsanspruch auf Tabubrüche.

Einer, tatsächlich, nahm Gestalt an: „Bisher haben wir nach der Erfahrung des 2. Weltkriegs uns Mühe gegeben, auch mit Schurkenstaaten auf dem Verhandlungswege, das heißt im Kontakt mit anderen Nationen über solche Probleme zu sprechen. Diese Versuche werden ja auch gegenwärtig mit der israelischen Regierung gemacht.“

Von welchem Furor hat Grass sich mitreißen lassen, um, höchst missverständlich, möglicherweise unkonzentriert, Israel in einem Atemzug mit Schurkenstaaten zu nennen? Auch hier keinerlei Differenzierung, ganz abgesehen davon, dass nicht nur das lyrische Ich, auch der Staatsbürger Grass dem Atomaktivisten Ahmadinedschad mehr vertraut als der Autor Grass jemals etwa einem Bundesatomminister Franz-Josef Strauß.

Sein Problem: Er hört nicht zu

„Was gesagt werden muss“ war die Titelzeile der Verlautbarungsverse. Den damit intonierten Impuls hat Grass jetzt monströs orchestriert: Grass sieht sich als das Opfer einer „fast gleichgeschalteten Presse“. Von der „Gleichschaltung der Meinung“ oder „der Medien“ hat der 84-Jährige mehrfach gesprochen, auch hier einer Verirrung anheimfallend, denn Medien und Meinung sind in der Bundesrepublik nicht gleichgeschaltet. Ganz abgesehen davon, dass das Wort Gleichschaltung nicht etwa ein kritischer Begriff, vielmehr ein Propagandabegriff der Nazis ist.

Grass’ Widerspruchsgeist bildet sich offenbar etwas darauf ein, wenn er den Nazijargon exklusiv richtig gut findet. Auch das Tagesthemen-Gespräch ging nicht ab, ohne dass er sich nicht noch tiefer in die Spirale seiner verbalen Aufrüstung verstrickt hätte. Deshalb auch sein Verdikt, in der Bundesrepublik habe „niemand, leider auch nicht in der Presse“, nein, „niemand“, die Zukunft der Bundeswehr nach der Abschaffung der Wehrpflicht diskutiert.

Nein, er liest nicht, er hört nicht zu. Es ist sein Schicksal, und welches könnte größer sein, dass er in einem „Niemandsland“ lebt.

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