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Gastbeitrag Was Israels Luftwaffe im Iran ausrichten kann

Es droht Krieg. Israel will die versteckten Atomfabriken in Iran bombardieren. Aber ist die israelische Luftwaffe dazu überhaupt in der Lage? Austin Long, Professor an der Columbia University, klärt auf.

09.03.2012 06:00
Professor Austin Long, Columbia University
F16-Kampfjet der Israelis aus amerikanischer Produktion. Foto: rtr

Die israelische Luftwaffe hat bereits zweimal bewiesen, dass sie die Fähigkeit zu Präzisionsschlägen über große Entfernungen besitzt, um Gegner am der Herstellung von Atomwaffen zu hindern. Am 7. Juni 1981 zerstörten israelische Bomber das Atomkraftwerk Osirak im Irak kurz vor seiner Fertigstellung.

Ein Vierteljahrhundert später flog die israelische Luftwaffe einen ebenso erfolgreichen Angriff auf das noch im Bau befindliche Atomkraftwerk Deir es Sur im Osten Syriens. Beide Male wurden die Anlagen völlig zerstört, ohne dass es Verluste seitens der Israelis gegeben hätte.

Kann die israelische Luftwaffe das ein drittes Mal schaffen, diesmal im Iran? Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass Israel es in den nächsten Monaten versuchen wird, auf etwas höher als 50 zu 50. Die israelische Regierung ist überzeugt, dass sich das Zeitfenster, in dem ein Angriff überhaupt Aussichten auf Erfolg bietet, in Kürze schließen wird.

Atomanlagen im Iran auf einer größeren Karte anzeigen

Dann wird Iran einen so großen Teil seiner Atomanlagen und seines angereicherten Urans so tief unter der Erdoberfläche versteckt haben, dass selbst die USA Schwierigkeiten haben dürften, das Land durch Luftangriffe vom Atombombenbau abzuhalten.

Seit dem Luftangriff auf den Reaktor von Osirak hat die israelische Luftwaffe ihre Fähigkeiten enorm vergrößert; Irans Atomanlagen sind militärisch allerdings auch eine viel größere Herausforderung. Im Folgenden werde ich nicht der Frage nachgehen, ob ein Luftschlag gegen den Iran richtig oder falsch ist. Mir geht es um die viel engere – aber äußerst relevante – Fragestellung, ob Israels Militär dazu überhaupt in der Lage wäre.

Nachtanken in der Luft

Um Teherans Atomprogramm einen wirklich ernsthaften Schlag zu versetzen, müsste Israel drei geografisch weit voneinander entfernte Anlagen treffen: Die Urananreicherungsanlage von Natanz, die Anlage zur Urankonversion aus Yellow Cake in Isfahan und die lange geheim gehaltene Anreicherungsanlage in Fordow. Weitere mögliche, allerdings nicht so wichtige, Ziele sind ein Forschungsreaktor in Teheran sowie die Anlage zur Urankonversion aus Yellow Cake in Arak, die allerdings frühestens in zwei Jahren fertiggestellt sein wird.

Die israelische Luftwaffe verfügt über moderne amerikanische F15- und F16-Kampfflugzeuge, die sie eigens für großer Entfernungen umgebaut hat. Dank ihrer zusätzlichen Treibstofftanks haben diese Flugzeuge eine Einsatzreichweite von etwa 1700 Kilometern. Dies bedeutet allerdings immer noch, dass sie in der Luft nachtanken müssten, ganz egal, auf welcher Route die Piloten in den Iran fliegen würden.

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber es wird angenommen, dass Israel über acht modernisierte Tankflugzeuge vom Typ Boeing KC-707 verfügt. Dies würde ausreichen, um die Reichweite einer Flotte von mindestens 50 Kampfflugzeugen bis in den Iran zu verlängern. Seit dem Abzug der US-Militärs aus dem Irak führt die wahrscheinlichste Route über Jordanien und den Irak, weil der selbst über keine nennenswerte Luftabwehr verfügt.

Seite 2: Iran hat keine moderne Luftabwehr

Seit 2004 hat Israel in den USA Tausende von lasergesteuerten Präzisionswaffen gekauft, die ihr Ziel auch dann mit höchstens drei Meter Abweichung treffen, wenn sie aus großer Höhe und aus über 15 Kilometer Entfernung abgefeuert werden. Die israelische Luftwaffe verfügt über hunderte von bunkerbrechenden Bomben vom Typ BLU-109 (1000 Kilo) sowie mindestens 100 der wesentlich größeren BLU-113 (2500 Kilo).

Bei den israelischen Spezialkräften gibt es zudem zwei Sondereinheiten, die auf die Identifikation von Zielen für lasergesteuerte Bomben und auf die Abschätzung von Bombenschäden in Echtzeit spezialisiert sind. Wenn Soldaten dieser Einheiten die Zielgebiete infiltrieren würden, könnten sie einen israelischen Luftangriff auch bei schlechtem Wetter ermöglichen.

Im Gegensatz zur höchst modernen israelischen Luftwaffe besteht die iranische Luftabwehr aus einem Sammelsurium großteils veralteter Technologien. Das Luftabwehrsystem beruht im Wesentlichen auf amerikanischen Hawk-Raketen, die die USA Anfang der 70er Jahre lieferten, als der Schah noch in Teheran regierte. Die iranische Luftwaffe verfügt nur über einige Dutzend moderne MiG-29; die übrigen Kampfflugzeuge sind ebenfalls mindestens 35 Jahre alt und in schlechtem Zustand. Am stärksten ist die Luftabwehr-Artillerie, die aber Flugzeugen in großer Höhe nicht gefährlich werden kann.

Noch nie getestet: die sequentielle Bombardierung

Natanz ist das größte der mutmaßlichen Ziele im Iran: Die dortige Urananreicherungsanlage besteht, soweit bekannt, aus zwei riesigen Hallen von jeweils 25.000 bis 32.000 Quadratmetern, die von einer Erdschicht von 20 bis 25 Metern und mehreren Stahlbetonschichten bedeckt worden sind. Diese Kombination eines sehr großflächigen und zugleich gut geschützten Zieles stellt für die israelische Luftwaffe eine große Herausforderung dar. Ihre Piloten müssten es schaffen, ihre Bomben kurz hintereinander auf genau denselben Punkt zu richten, eine Technik, über deren Einsatz die US-Luftwaffe erstmals im ersten Golfkrieg 1990/91 nachdachte. Die zweite Bombe soll genau in den Einschlagtrichter der ersten treffen und ihn vertiefen.

Nach meiner Berechnung würden zwei hintereinander einschlagende Bomben des Typs BLU-113 genügen, bis zur Zentrifugen-Halle durchzudringen. Nur eine der beiden Hallen ist derzeit überhaupt mit Gaszentrifugen bestückt. Diese Maschinen zur Uran-Anreicherung sind sehr empfindlich, deswegen schätze ich, dass es genügen würde, zwölf Bunkerbrecher abzuwerfen, um die Anlage weitestgehend zu zerstören.

Die Anlagen in Isfahan, Teheran und Arak sind weniger gut geschützt, für sie würden etwas kleinere, lasergesteuerte Bomben genügen. Nach meiner Schätzung könnten die Chemie-Behälter der Uran-Konversionsanlage in Isfahan mit neun Bomben vom Typ BLU-109 zerstört werden; für den Schwerwasser-Reaktor in Arak oder den Forschungsreaktor in Teheran würden einige wenige 1000-Kilo-Bomben reichen.

Ich komme deswegen zu dem Schluss: Wenn Israel eine Flotte von 50 Kampfflugzeugen, je zur Hälfte die besonders schnellen F-15I und die leichteren, beweglicheren F-16I, einsetzen würde, würde es ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen, die Anlagen in Natanz, Isfahan, Teheran und Arak so gründlich zu beschädigen, dass der Wiederaufbau Jahre brauchen würde

Der größte Unsicherheitsfaktor: die Anlage in Fordow

Das größte Problem für Israel heißt Fordow: Erst 2009 wurde bekannt, dass Iran hier, in den Bergen nördlich der Stadt Ghom, heimlich eine zweite Urananreicherungsanlage errichtet hat, wo Uranhexafluorid mit einem Anteil von knapp 20 Prozent U-235 produziert werden soll. Nach allem, was man weiß, befindet sich die Anlage tief im Inneren eines Berges, geschützt durch 90 Meter Gestein und Beton. In Fordow sind derzeit knapp 700 Zentrifugen aufgestellt, die Kapazität beträgt aber angeblich 3000. Vermutlich würde eine einzige Detonation in der Zentrifugen-Halle genügen, um die Geräte dauerhaft unbrauchbar zu machen.

Theoretisch wäre es möglich, so viele Bomben sequentiell auf denselben Punkt des Berges zu richten, dass die Bergdecke durchschlagen werden kann. 25 israelische F-15I-Flugzeuge können jeweils eine BLU-133 und zwei der kleineren BLU-109 tragen. Wenn es die Piloten schaffen würden, 75 Bomben sequentiell auf denselben Punkt zu richten, könnte es ihnen gelingen, Fordow zu zerstören. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt, setze ich allerdings sehr niedrig an. Eine so hochkomplizierte Operation aus der Luft ist noch nie versucht worden. Nach jeder Bombe müssten die Piloten mindestens 30 Sekunden bis zum nächsten Abwurf warten, die ganze Operation würde also relativ lange dauern.

Bestenfalls ein Zeitgewinn

Israel könnte auch versuchen, die Lüftungsschächte und den Eingang zur der Tunnelanlage zu bombardieren. Zwar haben die Iraner die Anlage vermutlich gesichert, indem sie die Schächte mit Wendungen im rechten Winkel gebaut haben. Sollten sie das aber versäumt haben, könnten Bomben durch die Lüftungsschächte bis in die Zentrifugen-Halle gelangen. In jedem Fall würde eine Bombardierung die Anlage für eine kurze Zeit unbenutzbar machen, weil die Eingänge zunächst wieder ausgegraben werden müssten.

Fordow ist der kritischste Punkt eines israelischen Angriffs. Die Existenz dieser Anlage erhöht zugleich den Zeitdruck für Israel. Denn Israel will unbedingt verhindern, dass Iran unter Tage genug waffenfähiges Uran für mindestens eine Atombombe herstellen kann.

In keinem Fall wird es Israel durch Luftschläge gelingen, das iranische Atomprogramm für alle Zukunft zu stoppen. Bestenfalls –und das weiß man auch in Israel - geht es um einen Zeitgewinn.

Übersetzung: Bettina Vestring

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