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Islam als Wellness-Programm

Auf der Suche nach einer neuen Identität zwischen Islam und Europa: Der transnationale islamische Neo-Fundamentalismus dürfte seinen Höhepunkt noch längst nicht erreicht haben

07.06.2005 00:06
MICHAEL LÜDERS

Die Begegnung mit dem Fremden ist immer auch eine Begegnung mit sich selbst. Ob der Betrachter das Fremde und somit den anderen Blick auf sich selbst als eine Bedrohung oder aber als eine Bereicherung ansieht, hängt von seinem Selbstwertgefühl ab. Genau dies scheint in westlichen Gesellschaften nicht sehr stark ausgeprägt. Wie sonst wäre zu erklären, dass bei uns nicht nur der islamische Fundamentalismus, sondern der Islam insgesamt als ein exotischer Rückfall in eine historisch überlebte Vergangenheit angesehen wird?

Was heißt es heute noch, Deutscher, Franzose oder Holländer zu sein? Welche Rolle spielen nationale Identitäten im Rahmen der europäischen Integration und der Globalisierung? Der Nationalstaat verliert an Gewicht, an Potential für Sinnstiftung und Heimatgefühl. Die Werte, die stattdessen bemüht werden, insbesondere Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sind ebenso ehrenwert wie alltagsfremd. Für die Identität des einzelnen sind sie nicht prägend. Jenseits der freiheitlichen Errungenschaften Europas fehlen kollektive Bezüge, die für den Islam prägen sind. Er gibt den Gläubigen sehr viel mehr moralische Autorität und spirituellen Halt als es die christlichen Kirchen in den letzten Jahrzehnten vermocht haben. Muslim in Europa zu sein heißt: Ich habe eine Identität, ich gehöre einer Bruderschaft im Glauben an.

Koran als Leitfaden

Diese Botschaft ist in einer säkularen Gesellschaft, deren Pluralität den Einzelnen eher entwurzelt als seine Identität zu festigen, eine Provokation. Umso mehr, als die Abwesenheit von Religion im öffentlichen Raum in Westeuropa als Freiheit verstanden wird. Ein Gradmesser für die Provokation des Islam zeigt sich etwa in der Diskussion um das Kopftuch. Es gibt gute Gründe, dagegen zu sein, aber die Vehemenz der zurückliegenden Debatte offenbart ein großes Maß an Verunsicherung auf Seiten der Nicht-Muslime. Ohnehin erregt kaum etwas so sehr die Gemüter wie die Themen Frau und Islam und Islam und Gewalt. In traditionellen islamischen Gesellschaften gehen Religion und Alltagskultur Hand in Hand: Was Muslime essen, in welchen Moscheen sie beten, wie sie ihre sozialen und politischen Netzwerke gestalten, das alles geschieht unter Berufung auf den Koran. Der Einbruch der Moderne hat, insbesondere in den letzten dreißig, vierzig Jahren, den Einfluss der Familie und die Macht religiöser Autoritäten untergraben. Der im Alltag gelebte Islam löst sich zunehmend von seinen nahöstlichen Bezügen, gleichzeitig wird der Koran zu einem Leitfaden für individuelle Bedürfnisse und Sehnsüchte. Ein Gradmesser dafür sind die Internet-Auftritte, in denen von Lebenshilfe bis zu Dschihad alles angeboten wird. In der Regel werden sie von selbsternannten Predigern betrieben, die erklären, was "der Islam" dazu sagt. Das Spektrum reicht von Charismatikern, die sich im Stil amerikanischer Fernsehprediger vermarkten, bis hin zu den Apologeten von Terror und Gewalt.

Auffallend ist, dass die Attentäter des 11. September wie auch der Mörder Theo van Goghs einem fundamentalistischen Islam neuerer Prägung angehören. Hier agieren Neofundamentalisten im Namen der Umma, der islamischen Gemeinschaft, die sie in ihrem Sinn neu zu definieren versuchen. Es ist eine imaginäre Umma, die entwurzelten Muslimen eine ideologische Heimat bietet und neue Gruppenidentitäten schafft. Nicht ohne Grund ist dieser Neofundamentalismus vor allem in der Diaspora oder unter kulturell entwurzelten Muslimen der arabischen Oberschicht verbreitet.

Reinigung vom Unglauben

Anders als traditionelle Islamisten interessieren sie sich eher am Rande für soziale Probleme, gesellschaftliche Reformen oder allzu schlichte Machtfragen. Ähnlich wie früher marxistische Gruppen in Studentenkreisen schaffen sie sich ihre eigene Realität, in denen Symbole oder Plakatierungen wichtiger werden als die Realität. Was für die einen die bürgerliche Gesellschaft, ist für die anderen die Reinigung der Religion vom Unglauben oder der Dschihad. Traditionell ist der "heilige Krieg" an ein Territorium gebunden, man denke an Hamas oder Hisbollah. Der Neofundamentalismus dagegen ist universal und nimmt Ikonen ins Visier, seien es Bankentürme oder einen Filmemacher wie Theo van Gogh, dessen künstlerisches Universum der imaginären Welt des Attentäters als Blasphemie erschien. Der Neofundamentalismus ist kein islamisches Phänomen, und nicht zwangsläufig propagiert er Gewalt. Sein Pendant sind die evangelistischen Bewegungen in den USA, jene "Wiedergeborenen Christen", die Präsident Bush zu einer zweiten Amtszeit verhalfen. Deren Zweiteilung der Welt in Gut und Böse beeinflusst ebenso die Weltpolitik wie die Agenda der Neofundamentalisten, die sogar mit traditionellen Islamisten Zweckbündnisse eingehen. Das gilt etwa für die Bewegung Hizb ut-Tahrir, die in Zentralasien, Pakistan und einigen Ländern des Nahen Ostens einflussreich ist. Sie predigt gewaltfreien Widerstand gegen repressive Diktatoren und ist vor Ort gut vernetzt.

In ihrer Zentrale in London werden die jeweiligen Aktivitäten koordiniert und beraten, anschließend per Internet verbreitet. Im April 2002 wurden drei muslimische Briten, zwei davon Konvertiten, in Ägypten verhaftet, als sie dort die Ziele der Partei propagierten: Sinnsuchende und (Neo-)Fundamentalisten reichen sich die Hand.

Im europäischen Kontext dürfte der transnationale Neofundamentalismus seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht haben. Insbesondere in Frankreich, Spanien und Großbritannien ist er unter arabischen Einwanderern der zweiten und dritten Generation zu beobachten. Neue Formen der Religion sind Ausdruck sozialen Wandels, der sich gerade unter den arabischstämmigen Jugendlichen im Zeitraffer vollzieht. Die Generation ihrer Väter war angepasst und begnügte sich mit der sozialen Peripherie, die immer noch lebenswerter erschien als die heimischen Slums. Die Jugend dagegen revoltiert. Sie sucht ihren Platz in der Gesellschaft und gleichzeitig eine neue Identität zwischen Islam und Europa. Diese Suche bedient der Neofundamentalismus, der viele Gesichter zeigt. Dazu gehören auch Fragen des Lifestyle: Der Islam als Wellness-Programm. Was anziehen, wie legal zu schnell Geld kommen, und wo trifft der gläubige Cyberspace-Muslim die Frau, die zu ihm passt? Nicht zuletzt darin liegt die Provokation für Europa. Auch die "Ungläubigen" suchen bekanntlich ihren Weg, ohne ihn bislang gefunden zu haben.

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